Markus Steimer: Sachwerte sind eine Option, die Anleger berücksichtigen sollten

Markus Steimer, Diplomvolkswirt und Leiter Vertriebsmanagement der Merkur Privatbank KGaA. Im Interview sprechen wir mit ihm über Inflationssteigerung, Sachwerte sowie eine drohende Hyperinflation.

Im Januar 2021 ist die Inflation von im Dezember 2020 noch 0,3% auf +1% gestiegen. Was hat es damit auf sich?

Markus Steimer

Markus Steimer: Zunächst muss man festhalten, dass wir aktuell im März 2021 wieder auf dem Inflationsniveau aus dem Jahr 2020, vor dem Ausbruch der Pandemie in Europa, angekommen sind. Gerade die vergangenen 14 Monate machen es damit sehr herausfordernd hieraus Interpretationen und Prognosen abzuleiten. Deshalb sollten wir uns zu Beginn der Diskussion noch mal die Definition und Wirkungsweise dieser Kenngröße bewusst machen:

Die Inflationsrate fasst die Veränderungen einzelner Preisentwicklungen eines definierten Warenkorbs zusammen, d.h. es schließt sich die Frage an, ob die Zusammensetzung tatsächlich die Lebensrealität des Konsumenten dahingehend widerspiegelt, dass die Konsumenten dauerhaft tatsächlich höhere Preise zahlen müssen. Dies liegt nicht nur an der Nachfragesituation der Verbraucher, sondern auch an der Angebotsseite. Neue Anbieter, harte Wettbewerbssituationen können Anbieter dazu zwingen Preise für die Konsumenten konstant zu halten oder sogar zu reduzieren, selbst wenn sich Rohstoffe für sie verteuert haben sollten.

Um Veränderungen richtig einschätzen zu können, müssen sehr genau Bezugszeitpunkte und die Veränderungen von absoluten Bezugsgrößen beachtet werden.

Stellt man diese Aspekte in den aktuellen Kontext einer Pandemie, dann sind sowohl starke Veränderungen im Konsumentenverhalten, als auch starke Volatilitäten in den einzelnen Komponenten zu beobachten, bis dahin, dass manche Güter oder Dienstleistungen gar nicht mehr im Vorjahr zur Verfügung standen. Somit lag die Schwankungsbreite der Inflationsrate in 2020 zwischen 1,7% und -0,3%.

Diese Situation lässt sich durch das für Verbraucher besonders gerne angeführte Beispiel der Heizkosten bzw. Kraftstoffe darstellen. Da diese einen erheblichen Anteil im Warenkorb darstellen, ist es nicht verwunderlich, dass hier Anstiege von 6,1% bzw. 4,8% sich entsprechend deutlich auf den Gesamtindex auswirken. Zahlten die Autofahrer im März 2020 für einen Liter Super 1,314€, so lag der Literpreis im März 2021 bei 1,514€. Wenn man das auf den Dezember 2020 bezieht, lag der Preis sogar nur bei 1,279€ pro Liter Super. Ob und wie stark diese Veränderung schlussendlich die Situation des einzelnen Autofahrers beeinflusst, kann auch durch weitere Faktoren stark beeinflusst werden. Die Homeoffice-Nutzung und die reduzierten Möglichkeiten der privaten Nutzung des Autos für beispielsweise Urlaubsfahrten oder Besuch bei Familie oder Freunden ist hier ein aktuelles und passendes Beispiel. Auch politische Einflüsse machen sich bemerkbar, hier ist insbesondere die Maßnahme der zeitweisen Senkung der Mehrwertsteuer anzuführen oder auch die CO2 Besteuerung seit Beginn des Jahres, was alleine 7 Cent für jeden Liter Benzin ausmacht.

Sachwerte, wie Gold oder Immobilien wurden stets als Inflationssicher angepriesen – behalten Sachwert-Fans unter den aktuellen Entwicklungen recht?

Markus Steimer: Sachwerte sind eine Option, die Anleger berücksichtigen sollten. Im Falle von Vermögenswerten oder Sachwerten sollten die Anleger allerdings stark darauf achten, dass hier nicht Inflationsschutz mit Renditeerwartungen gleichgesetzt oder gar verwechselt wird. Zusätzlich sollten sie sich bei solchen Investments über den Anlagehorizont und die Art des Investmentvehikels Gedanken machen. An den von Ihnen genannten Beispielen wie Gold und Immobilien möchte ich diesen Aspekt darstellen.

Das Thema Gold:

Hier stellt sich neben der Frage, ob sie sich tatsächlich physisches Gold kaufen, um es in einem Tresor oder Schließfach zu deponieren, oder entsprechende Investmentlösungen präferieren. Wenn man die Schwankungsbreiten von Gold in den letzten 12 Monaten betrachtet, dann bewegte sich der Kurs zwischen 1.660,40 USD am 21.4.2020 und 2.069,68 USD am 6.8.2020. Bei einem aktuellen Kurs von knapp unter 1.800 USD kann man deutlich erkennen, dass hier Chancen und Risiken der Kursveränderungen in den letzten 12 Monaten sehr eng beieinander lagen. Diese Entwicklung ist allerdings im Bereich der Rohstoffe durchaus durchgängig erkennbar, auch wenn Gold als eiserne Reserve eine besondere psychologische Rolle spielt. Ein zusätzlicher Einflussfaktor, um sich nicht später zu wundern, dass die Anlageziele nicht erreicht wurden, ist das Währungsrisiko oder die Währungschance EUR-USD.

Das Thema Immobilien

Dass es sich lohnt auch hier genau hinzusehen, das hat das letzte Jahr gezeigt: Deshalb folgende Beispiele um ein differenziertes Bild zu zeigen:

Wohnimmobilien: Sobald sie hier nicht nur von ihrer eigenen Immobilie sprechen, dann zeigt die jobbedingte Flucht vieler Menschen vom Land in die Stadt oder Metropolregionen sehr deutlich, dass evtl. das ehemalige Elternhaus oder Haus der Großeltern beim Verkauf nicht mal dazu reicht eine eigengenutzte kleine Wohnung zu finanzieren. In der Fremdvermietung zeigen sich neben den Verwaltungsaufwendungen, eventuellen negativen Erfahrungen mit Mietern, die Diskussion um Vergleichsmieten oder gar die politischen Eingriffe mittels Mietpreisbremse – auch wenn diese zunächst in Berlin nach mehr als einem Jahr gescheitert ist – dass auch dies kein Allheilmittel sein muss.

Gewerbeimmobilien: Inwieweit die Pandemie bei Bürogebäuden (Stichwort Homeoffice) oder bei Gewerbeeinheiten (insbesondere Shopping Malls) nachhaltig den Markt verändert, kann man heute sicherlich nicht abschließend beurteilen, sicher ist allerdings, dass das Pandemieereignis zu einer Neubewertung dieser Anlageobjekte führt und führen wird.

Wenn wir von Sachwerten sprechen, beziehen wir natürlich auch die Anlageklasse der Aktien mit ein, die sich vor allem durch geringen Verwaltungsaufwand, Transparenz und Liquidierbarkeit auszeichnet. Außerdem kann man auch hier mit kleineren Beträgen schon eine größere Streuung der eingesetzten Mittel und damit eine gewisse Risikodiversifikation erreichen.

Finanz-Untergangspropheten warnen jetzt hinsichtlich einer „Hyperinflation“, wie in den 20er Jahren. Erwartet uns solch ein Szenario? 

Markus Steimer: Man hat ja den Eindruck, dass diese Hyperinflation quasi herbeigeredet oder geschrieben werden soll. Ich sehe diese Entwicklung vor allem deshalb nicht, da ich das Vertrauen in die Währung nicht als grundsätzlich gefährdet betrachte. Erst mit diesem zusätzlichen psychologischen Effekt käme für mich dieses Szenario ernsthaft zum Greifen. Weder eine positive Konsumentenstimmung kombiniert mit massiven Investitionen durch Unternehmen und Staat könnten dieses Phänomen aus meiner Sicht derzeit erzeugen. Dennoch führt besonders für konservative Anleger, oder gar sogenannte „Angstsparer“ das Thema Inflation zu erheblichen Vermögensverlusten – dazu bedarf es keiner Hyperinflation! Über 8 Mrd.€ hat bereits die aktuelle Zins-Situation deutsche Sparer im 1. Quartal gekostet. Auch die weiter zunehmende Einführung von Negativzinsen verschärft diesen Vermögensverlust. Da macht es fast schon Sorgen, dass die Sparquote in 2020 auf 16,2% vom verfügbaren Einkommen gestiegen ist (Vj. 10,9%). Was passiert also mit diesen mehr als 331Mrd.€? Das sollte aktuell deutlich mehr Sorge bereiten.

Wenn nach der Coronakrise ein neuer Konjunkturzyklus einsetzt, werden dann die Verbraucherpreise steigen?

Markus Steimer: In der aktuellen Entwicklung sehen wir schon den oben angesprochenen Anstieg, der sicherlich sich noch weiter fortsetzten kann, wenn die Pandemiebekämpfung im Sommer oder Herbst nachhaltig greift. Wir erwarten damit verbunden auch einen weiteren Anstieg, der zeitweise bis zu einem mittleren einstelligen Prozentsatz bei der Inflation führen kann. Hier werden die bereits angesprochenen Effekte durch Nachholeffekte verstärkt. Wir schätzen diese aber nicht von langer Dauer ein. Ob sich dieser „Nachfrage-Turbo“ real auf die Preise niederschlagen wird ist fraglich, da der Kampf um den Kunden mittels Rabatten kombiniert mit neuen Vertriebswegen, veränderten Kaufgewohnheiten und einer hohen Marktpreistransparenz aufgrund der Onlineplattformen sicherlich eine beachtliche gegenläufige Kraft darstellt.

Somit erwarten wir keine zusätzlichen Treiber, die zu einem mittel- oder gar langfristigen Anstieg führen würden. Das gilt auch für anstehende Tarifverhandlungen, wo der Spielraum nur für keine bis mäßige Steigerungen besteht, so dass der Einkommenseffekt als nachhaltiger Verstärker zunächst ausfallen wird. Wir gehen deshalb davon aus, dass sich die Inflation bis zum Jahresende wieder auf einen niedrigen einstelligen Prozentwert einpendelt.

Sollte in Deutschland die Inflation auf 3% hochgehen, wie manche Volkswirte erwarten? Was bedeutet das für Investoren in Deutschland?

Markus Steimer: Diesen Wert sehe ich zum einen nicht dauerhaft und damit verbunden auch für langfristig orientierte Investoren nicht problematisch. Lediglich der Druck auf deren Liquiditätshaltung steigt, da diese einfach mehr kosten wird. Eher sollten sie die bereits erwähnten Entwicklungen und Wirkungsweisen in den unterschiedlichen Anlageklassen mit den individuellen Investitionszielen betrachten. Es ist eher zu befürchten, dass der klassische Sparer leider der „Dumme“ sein wird und die auch bereits vielfach beschriebene Schere bei der Vermögensentwicklung und der Kapitalverteilung weiter auseinander gehen wird. Das hat sich nach der Finanzkrise schon so gezeigt und ist auch jetzt schon wieder deutlich erkennbar. Denn auf Zinsen zu hoffen, die selbst eine geringere Inflationsrate, wie z.B. 2%, abdecken könnten, sehe ich für absehbare Zeit nicht.

Was ist, Ihrer Meinung nach, ein guter Schutz gegen Inflation?

Markus Steimer: Natürlich bleibt für dieses Ziel das Investment Sachwerte unverändert im Fokus. Sicherlich mit den bereits beschriebenen Aspekten, über die sich jeder Investor eigenständig als Selbstentscheider Gedanken machen sollte oder eben gemeinsam mit seinem Berater in Vermögensfragen. Je nach seiner Risikoneigung und dem zur Verfügung stehenden Investitionsvolumen sollte dann die Streuung und die Auswahl der Investmentvehikel festgelegt werden, mit denen die Anlageziele voraussichtlich am Besten erreicht werden können.

Herr Steimer, vielen Dank für das Gespräch!

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