Ulrich Hansel: Frauen vermeiden meist hochspekulative Anlagen

Ulrich Hansel ist Senior Financial Consultant bei der MLP Finanzberatung SE in Darmstadt. Mit ihm sprechen wir über Investitionen in Wertpapiere, Unterschied zwischen Frauen und Männern sowie Unterrepräsentation.

Ulrich Hansel

Laut zahlreichen Studien setzen die meisten Frauen noch auf Sparbücher etc., anstatt in Wertpapiere zu investieren. Studien lässt sich entnehmen, dass viele Frauen dem Kapitalmarkt skeptisch entgegentreten. Unterscheiden sich die Anlagestrategien von Männern und Frauen eigentlich grundlegend?

Ulrich Hansel: Zitiert man andere Studien – z.B. Privatanleger-Studie 2019 von ING Deutschland, veröffentlicht Anfang 2020 oder eine Studie von JP Morgan: Frauen und Geldanlage (2021), kommt man sogar zu dem Ergebnis, dass Frauen, die am Kapitalmarkt investiert sind, im Langfristen Mittel höhere Renditen erzielen als Männer. Das liegt daran, dass Frauen weniger in Einzelwerte investieren, sondern eher in Fonds und dabei hochspekulative Anlagen vermeiden. Frauen sind als Anlegerinnen risikoaverser als männliche Anleger. Auch das Thema Nachhaltigkeit dürfte bei Frauen einen höheren Stellenwert einnehmen als bei Männern. Zudem scheint es so zu sein, dass Frauen eher beständig in ihren Anlageentscheidungen sind und diese stringent verfolgen, während Männer häufiger auf der Jagd nach Rendite schneller und sprunghafter Positionen kaufen und verkaufen, was nicht immer von Vorteil ist.

Untersuchungen zeigen auch, dass Fonds und Vermögensverwalter bessere Ergebnisse erzielen, wenn Frauen im Management mitarbeiten.

Beide Geschlechter fokussieren sich – wenn sie am Kapitalmarkt investiert sind – in der Geldanlage schwerpunktmäßig auf Aktien, d.h. die Aktienquote ist nahezu identisch.

Allerdings ist so, dass in Summe die Quote männlicher Anleger größer ist als die der Frauen.

Warum sind Frauen am Kapitalmarkt kaum aktiv? Gibt es eine Erklärung für die Unterrepräsentation?

Ulrich Hansel: Aus meiner Erfahrung kann ich nicht den einen ausschlaggebenden Grund identifizieren, weshalb Frauen eher zurück haltend agieren. Sondern so individuell die Lebensentwürfe sind, so unterschiedlich sind die Motive, eher einen Bogen um Geldanlage und Kapitalmarkt zu machen. Im Folgenden mache ich den Versuch, vermeintlich negativ beeinflussende Faktoren aufzulisten:

Traditionelle Rollenbilder:

Manche Frauen überlassen Beruf, Karriere und damit Einkommen und Finanzthemen ihren Partnern. Sie selbst halten sich bei diesen Themen zurück. Zudem wurde es erst seit den 1970er Jahren selbstverständlich, dass Frauen eigenständig über ihr berufliches und finanzielles Fortkommen bestimmen konnten.

Berufswahl:

Häufig ist es so, dass in „klassischen Frauenberufen“ geringer verdient wird und somit wenig bis kein Spielraum bleibt, neben allen finanziellen Verpflichtungen (Lebenshaltung, Miete, etc.) Geld am Kapitalmarkt zu investieren.

Mediale Prägung:

Frauenzeitschriften, social media, Spielfilme, TV-Sendungen, etc. beschäftigen sich nahezu ausschließlich mit den „schönen“ Themen des Lebens (Schmuck, Mode, Gossip, schöner wohnen, Selbstfindung, Gesundheit, etc.). Finanzielle Themen finden hier so gut wie nie statt.

Unbehagen bei Geld und Finanzen:

Manche Frauen verspüren Angst, Unbehagen oder Unwohlsein, wenn es um Gehalt, Geld, Finanzen oder (Alters)vorsorge geht. Unbewusst werden zu treffende Entscheidungen in diesem Themenkomplex auf das notwendige Minimum reduziert. Geld haftet mitunter etwas Negatives an, so dass der Umgang mit Geld durch ein negatives Mindset beeinflusst wird. Der Umgang mit Finanzfragen findet daher kaum statt und die Auseinandersetzung mit solchen Themen wird prokrastiniert. Die Angst, bei der Kapitalanlage Fehler zu machen oder eine falsche Entscheidung zu treffen, die im Zweifelsfall Geld kostet, schreckt ab. Daher ist der ganze Themenkomplex Kapitalmarkt weit weg, es besteht keine Lust und kein Interesse, sich mit der Materie zu beschäftigen.

Vorbilder:

Leider finden sich in der Finanz- und Kapitalbranche selten weibliche Führungsfiguren oder Vorbilder (obschon es solche gibt, ich nenne als Beispiel Beate Sander oder spezialisierte Facebook- und Instagram-Accounts); Insofern wird dadurch die (Auswahl)Möglichkeit, sich mit einer weiblichen Person und deren Handeln zu identifizieren, erschwert.

Die Deutschen als Volk der Sparer:

Alte Verhaltensmuster der Deutschen bei der Geldanlage – Deutschland ist Sparweltmeister – hinterlassen Glaubenssätze, die schwer aufzulösen sind; oftmals wird das klassische Sparbuch als alternativlose Anlageform angesehen.

Was muss getan werden, um zukünftigen Kapitalmarktanlegerinnen den Einstieg zu erleichtern?

Ulrich Hansel: Schon in jungen Jahren sollten Mädchen (das gilt gleichermaßen auch für Jungs) positive Erfahrungen mit dem Kapitalmarkt machen. Das geht vornehmlich im familiären Umfeld. Eltern, die selbst investiert sind, sollten von den positiven Eigenschaften der Geldanlage sprechen. Und idealerweise schon einen Baustein für den Nachwuchs anlegen und besparen.

Prägende und reichweitenstarke Medien sollten in regelmäßigen Abständen Finanzthemen aufgreifen und solche Inhalte den Leserinnen präsentieren.

Unabhängig davon ist es auf der einen Seite eine Hohlschuld der Finanzakteure (Banken, Versicherungen, Finanzdienstleister, usw.) entsprechende Angebote zur Verfügung zu stellen. Auch Berater müssen sicherlich lernen und sich darauf einstellen, dass in einem Beratungsgespräch mit Frauen andere Aspekte der Kapitalanlage wichtiger sind als bei Männern.

Auf der anderen Seite gibt es inzwischen sehr niederschwellige Informationsangebote – gerade in den sozialen Netzwerken – die speziell auf Frauen zugeschnitten sind. Es ist dann auch Mut gefragt und die Lust am Ausprobieren und die Neugierde in sich zu wecken, den Einstieg am Kapitalmarkt zu schaffen.

Letztendlich gilt: Einfach mal ausprobieren. Mit kleinen Beträgen anfangen, langsam heran tasten, sich von Partnern, Freunden oder Familie nicht verunsichern lassen, innere Blockaden auflösen und eigene Erfahrungen machen. Für den langfristigen Erfolg der Kapitalanlage ist es sicherlich von Vorteil, mit einem Berater / einer Beraterin zusammen zu arbeiten, dem / der man vertraut.

Warum sollten Frauen schnell einen Zugang zum Kapitalmarkt finden? Ist Altersarmut eine wirkliche Gefahr, die man mit Geldanlagen eingrenzen kann?

Ulrich Hansel: Warum nicht? Der gute, alte Zins existiert nicht mehr und ehemals klassische Anlagekonzepte funktionieren nicht mehr (z.B. festverzinsliche Produkte). Zwar legen Frauen auch Geld zur Seite, allerdings in eben jene renditelose und unverzinste Produkte wie Spar- oder Festgeldkonten. Somit verlieren sie die Möglichkeit, Renditen am Kapitalmarkt zu erzielen. Viele Frauen sind gut ausgebildet, intelligent, in guten Jobs beschäftigt und stehen Männern in nichts nach. Studien haben gezeigt (wie auch schon in der Beantwortung der ersten Frage angedeutet), dass Frauen sogar eine höhere Rendite bei Geldanlagen erzielen als Männer, weil sie Risiken anders kalkulieren (Privatanleger-Studie 2019 von ING Deutschland, veröffentlicht Anfang 2020). Finanzielle Unabhängigkeit ist ein erstrebenswertes Ziel – in jeder Lebenslage. Altersarmut wird unterschiedlich wahrgenommen. Von dem von der öffentlichen Statistik angegebenen Wert weichen die individuellen Bedürfnisse natürlich ab und jeder / jede definiert seinen Wohlstand, den es im Alter zu halten gilt, anders. Der Millionär wird Altersarmut womöglich anders bewerten als der sein Leben lang im öffentlichen Dienst Beschäftigte. Insofern gilt für die finanzielle Freiheit im Ruhestand: Der Mix macht’s! Wenn ich mehrere Einkommensquellen besitze, habe ich meine Einnahmen auch unterschiedlich abgesichert und kann flexibler agieren. Und selbstbewusste, mit beiden Beinen im Leben stehende Frauen sollten nicht auf Heirat und den Ehemann als Altersversorgung setzen müssen.

Könnten Robo Advisor eine Möglichkeit sein, um neue unerfahrene Anleger und Anlegerinnen den Weg in den Markt zu ebnen?

Ulrich Hansel: Robo Advisor investieren zumeist in passive Anlagestrategien, also vor allem ETFs. Dies kann je nach Anlegermentalität funktionieren. Gerade wenn ich mir als Investorin schon relativ klar und sicher bin, wie meine Investitionen aussehen sollen. Wie oben bereits erwähnt, geht jeder Anleger / jede Anlegerin anders an die Sache heran. Jemand, der sich unsicher ist und den persönlichen Kontakt / die persönliche Beratung bevorzugt, sollte lieber das direkte Gespräch mit einem/r Berater/Beraterin suchen. Neben passiven Anlagestrategien können Anlegerinnen und Anleger mit einem gut ausgebildeten Berater aus einer Vielzahl unterschiedlichster Fonds, Vermögensverwalter, aktiv gemanagten Anlagestrategien oder Alternativen Investmentfonds die für sie geeignete Strategie umsetzen. Auch Kapitalanlageimmobilien können ein interessanter Baustein in der persönlichen Vermögensstrategie sein. In jedem Fall sollte sich der Einstieg in die gesamte Thematik gut anfühlen; da können „menschliche“ Berater eher punkten als ein Algorithmus. Ich glaube, Frauen brauchen mehr Zeit, der Berater / die Beraterin muss vermutlich ein wenig mehr Vorarbeit leisten, die Kundin an der Hand nehmen, Fragen beantworten und eine Wohlfühlatmosphäre schaffen. Eventuell kann auch über einen Aktienclub / Investmentclub der Einstieg am Kapitalmarkt der richtige Weg sein.

Kann man davon ausgehen, wenn mehr Information und Aufklärung erfolgt, dass in naher Zukunft die Zahl der Anlegerinnen zunehmen wird?

Ulrich Hansel: Das hoffe ich doch sehr. Der Zinseszinseffekt ist aufgrund der Null-Zins-Realität nahezu komplett weggebrochen. Zum 01. Januar 2022 sinkt der Rechnungszins von aktuell 0,9% auf 0,25%. Absicherungs- und Vorsorgestrategien (z.B. Berufsunfähigkeits- oder Rentenversicherung) werden dadurch teurer. Für mittel- und langfristige Investments führt kein Weg am Kapitalmarkt vorbei. Es gilt der alte Grundsatz: Wer breit streut, der rutscht nicht aus. Insofern ist es möglich, in der privaten Vermögensstruktur die Aspekte Sicherheit, Verfügbarkeit und Renditemöglichkeiten mit einem guten Mix verschiedenster Bausteine zu kombinieren. Ein Einstieg ist mit geringen Sparraten möglich. Wie oben schon erwähnt bestehen gerade in den sozialen Netzwerken niederschwellige und für die öffentlich zugängliche Informationsquellen.

Herr Hansel, vielen Dank für das Gespräch!

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