Michael Wahab: Crowdfunding hat sich als Finanzierungsinstrument etabliert

Michael Wahab ist Senior Key Account Manager bei der CrowdDesk GmbH. Mit ihm sprechen wir über Crowdinvesting, Unternehmensfinanzierung sowie interessierte Investoren.

Michael Wahab

Crowdinvesting erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Wie erklären Sie sich diesen Trend?

Michael Wahab: Crowdfunding hat sich als Finanzierungsinstrument etabliert. Es ist nicht selten in der Lage, aus Investoren direkt Kunden zu machen. Das war zunächst vor allem für Start-ups interessant. Seither hat sich einiges getan. Kleine und mittelständische Unternehmen arbeiten heute ebenso mit Crowdfunding wie Banken und Finanzvermittler. Digitale Schwarmfinanzierungen werden über alle Branchen und Unternehmensgrößen hinweg genutzt, die damit die unterschiedlichsten Ziele verfolgen. Insbesondere Crowdinvesting, also Crowdfunding mit Gewinnbeteiligung, rückte in den vergangenen Jahren in den Fokus – und der Markt entwickelt sich rasant. Betrug das Marktvolumen in Deutschland 2011 gerade einmal 1,4 Millionen, waren es 2019 schon 422 Millionen Euro. Im Schnitt wuchs die Branche seit 2011 jährlich um 103 Prozent.

Online-Anbieter sprechen zum Teil gezielt Kleininvestoren an. Sie werben mit geringen Mindestinvestitionssummen. Für wie attraktiv erachten Sie Crowdinvesting für die eigene Unternehmensfinanzierung?

Michael Wahab: Diese Form der Unternehmensfinanzierung hat gleich mehrere Vorteile: Für Start-ups, Handwerker, Klein- und Kleinstbetriebe kann sie eine echte Alternative zum klassischen Bankdarlehen. Oft haben Firmen dieser Größe Schwierigkeiten, überhaupt Geld von der Bank zu bekommen. Die Alternative zum Bankkredit gilt auch – vielleicht in etwas entschärfter Form – für den Mittelstand. Hier steht eher im Vordergrund, dass ein Unternehmen neue Anleger an Bord holen, seine Investorenbasis verbreitern und stabilisieren kann. Die GmbH eines Mittelständlers kann auf diesem Weg zum Beispiel die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft und im nächsten Schritt einen Börsengang vorbereiten.

Kann Crowdinvesting das halten, was oft versprochen wird: hohe Rendite bei geringem Risiko?

Michael Wahab: Die Einstiegsschwellen einer Schwarmfinanzierung sind sehr gering. Mit Crowdinvesting stehen Investitionen im Prinzip jedem offen. Investoren profitieren dabei von hohen Renditechancen, die klassische Einlagen nicht bieten können. Anders als z. B. bei Fonds oder Aktien weiß beim Crowdinvesting jeder Investor ganz genau, was mit seinem Kapital passiert und wofür es eingesetzt wird. Transparenz und Offenheit sind zwei Merkmale, die jede seriöse Schwarmfinanzierung auszeichnen.

Wie jedes andere Investment, ist auch Crowdinvesting mit Risiken verbunden. Für Anleger sind diese Risiken unterschiedlich, je nach Art des Projekts. Während das Risiko bei einer Investition in einen Mittelständler mit etabliertem Geschäftsmodell oder in erneuerbare Energien geringer ist, kann das Ausfallrisiko bei einem Startup naturgemäß höher sein. Im Falle einer Insolvenz droht der Totalverlust des investierten Kapitals, da die Beteiligung typischerweise in Form eines Nachrangdarlehens erfolgt. Scheitert ein Projekt, werden zuerst die Forderungen der Bank bedient und erst danach die aller anderen Investoren

Welche Tipps können Sie interessierten Investoren geben?

Michael Wahab: Anleger können aus einer Vielzahl von Investmentangeboten wählen. Ob erneuerbare Energien oder Immobilien: Sie sollten daher gezielt nach Branchen oder Projekten suchen, die ihren Vorstellungen und Werten entsprechen. Die Angebote stammen von ganz unterschiedlichen Emittenten und sind auf verschiedenen Plattformen verfügbar. Nicht alle sind seriös. Jeder Investor muss daher vorab genau hinschauen, wem er sein Geld anvertraut.

Im Vorfeld gilt es zudem genau zu überlegen, wie hoch die eigene Risikotoleranz ist und welchen Verlust man gegebenenfalls zu tragen bereit und in der Lage ist. Aus Gründen der Risikostreuung ist es außerdem sinnvoll, das insgesamt zur Investition zur Verfügung stehende Kapital in kleinere Tranchen aufzuteilen und auf verschiedene Projekte zu setzen. Bildlich gesprochen ist es ratsam, nicht alle Eier in einen Korb zu legen. Einen guten Überblick zum Thema finden Interessierte in unserer Broschüre „Crowdinvesting – Alles, was Sie wissen müssen“, die sie auf unserer Homepage kostenlos herunterladen können – unter: https://www2.crowddesk.de/whitepaper-crowdinvesting

Crowdinvesting ist ein neuer Markt, der durch digitale Möglichkeiten erschlossen wurde. Für wie wichtig stufen Sie die Digitalisierung für die Zukunft der Finanzbranche ein?

Michael Wahab: Die Zukunft des Crowdinvesting muss vor dem Hintergrund der fortschreitenden Digitalisierung innerhalb der Finanzbranche betrachtet werden. Wie wickeln Menschen und Unternehmen ihre Finanzgeschäfte zukünftig ab? Und welche Rolle spielen klassische Banken und Finanzberater dabei?

In diesem Kontext bewegen sich alternative Finanzierungsmethoden. Betrachtet man die bloßen Zahlen, so geht der Alternative Financing Report des Online-Portals Statista davon aus, dass die jährlich emittierten Volumina in Europa bis zum Jahr 2023 auf mehr als 2,8 Milliarden Euro – bei 26.000 Kampagnen – ansteigen wird. 2019 lag das emittierte Kapital bei rund 1,67 Milliarden Euro. Dafür wurden rund 17.400 Crowdinvesting- Kampagnen initiiert. Dabei wird der Markt vor allem von Großbritannien, Frankreich, Deutschland und den Niederlanden dominiert.

Wie interagieren analoger und digitaler Finanzvertrieb in Zukunft?

Michael Wahab: Hier bleibt die spannende Frage, wie digitale und analoge Anlageinstrumente zukünftig genutzt werden und in welchen Punkten es Schnittmengen geben kann. Erste Anzeichen dessen waren bereits in diesem Jahr zu beobachten, wenngleich von unterschiedlicher Natur. So will der Marktführer im Bereich Immobilien-Crowdinvesting, Exporo, nach der digitalen auch die analoge Finanzanlagenwelt in Angriff nehmen. Ob damit eine aggressive Expansion gemeint ist, oder ob die Plattform die Zusammenarbeit mit traditionellen Immobilienfonds sucht, bleibt abzuwarten.

Eine andere Herangehensweise verfolgen Emissionshäuser wie die Wattner AG und die Dr. Peters Group. Beide forcieren eine Zusammenarbeit zwischen alter und neuer Finanzwelt – und sind erfolgreich. Die neu geschlossenen Partnerschaften ermöglichen es den beteiligten Akteuren, neue Zielgruppen und Märkte zu erschließen.

Was bedeutet das für die Zukunft? Ob Schulterschluss oder Expansion: Digitale Finanzprodukte werden sich den analogen weiter annähern und umgekehrt. Wie das letztendlich passiert, ist noch nicht endgültig ausgemacht. Synergieeffekte und Kooperationen lassen sich bereits beobachten.

Die angesprochene Digitalisierung der Finanzbranche spielt dabei eine ambivalente Rolle. Sie zeichnet sich durch Flexibilität und Schnelligkeit aus. Und sie ist geprägt von einem hohen Maß an Vernetzung und Komplexität. In der Finanzwelt kann das die Unsicherheit der Anleger fördern – unabhängig davon, ob analog oder digital. Auf der anderen Seite ist es das flexible und unkomplizierte Investieren, das eine Schwarmfinanzierung ausmacht. Hier kann Crowdinvesting ansetzen. Denn es funktioniert nach dem simplen Prinzip, das Anleger und Emittent direkt miteinander interagieren.

Crowdinvesting nutzt diese Stärken der Digitalisierung. Durch den digitalen Wandel ist der Kontakt zwischen den Akteuren unmittelbarer. Er beruht stärker auf Transparenz und Vertrauen. Beides ist in der digitalen und analogen Finanzwelt unerlässlich. Die Crowdinvesting-Branche hat es deshalb selbst in der Hand, sich auch zukünftig intensiv mit diesen Komponenten auseinanderzusetzen. Das sorgt nicht nur für eine positive Wahrnehmung bei den Anlegern. Es erleichtert auch Kooperationen zwischen digitalem und analogem Finanzvertrieb.

Herr Wahab, vielen Dank für das Gespräch!

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