Birgit Kohlhase: Eine Paartherapie lohnt sich immer

Birgit Kohlhase ist Dipl. Sozialpädagogin in ihrer eigenen Praxis in Stuttgart-Sonnenberg. Mit ihr sprechen wir über Förderung des Verständnisses, Beziehungsprobleme sowie Aufdecken von Verhaltensmustern.

Birgit Kohlhase

Eine Paartherapie ist für viele Paare gar keine Option. Obwohl die Beziehung auf der Kippe steht, denken viele Partner, dass professionelle Hilfe nichts bringt. Was umfasst eine Paartherapie und welche Themen werden in den Sitzungen meistens behandelt?

Birgit Kohlhase: Eine Paartherapie lohnt sich immer. Ein Grund ist die Tatsache, dass die Klienten einem Dritten als neutralem und an den Konflikten unbeteiligtem Beobachter und kompetentem Zuhörer gegenüber sitzen und viel bereiter sind, Dinge auszusprechen, die sie allein gegenüber dem Partner nicht äußern würden. Oft wird dadurch das Verständnis füreinander gefördert, unbewusst gebliebene Motive und Verhaltens-Muster aufgedeckt und Missverständnisse ausgeräumt.  In meiner Praxis konnte ich mit meinen Klienten die allermeisten Beziehungsprobleme lösen und damit Ehen retten.
Aber auch eine Trennungs-Begleitung kann eine große Hilfe sein, um friedlich und verantwortungsvoll eine Beziehung zu beenden, insbesondere, wenn Kinder da sind.  Denn die Elternebene bleibt ein Leben lang.

Eine Therapie- Sitzung dauert in der Regel 1,5 Stunden und je nach Bedarf werden weitere Sitzungen vereinbart. Eine feste Anzahl an Therapiestunden  
gibt es nicht. Wie oft sich die Paare beim Therapeuten treffen, hängt von den erlebten Fortschritten in Bezug auf das Therapieziel ab und wird von den Klienten selbst bestimmt. Das Themenspektrum in diesen Gesprächen ist sehr groß. Meistens geht es um: Eltern sein-Paar bleiben, Untreue, Stress, verursacht oft durch die vielfach erlebte Unvereinbarkeit von Beruf und Familie, sexuelle und emotionale Entfremdung, Machtfragen. Auch ältere Paare fragen sich nicht selten, was sie noch verbindet.

Die meisten Menschen treten Paartherapeuten:innen eher skeptisch gegenüber. Vielen Paaren fällt es schwer, mit einer fremden Person über ihre Beziehungsprobleme zu reden. Besonders wenn sich Partner nach der Sitzung wieder im Alltag befinden, neigen sie dazu, in alte Muster zu verfallen. Denken Sie, dass eine Paarberatung die Beziehung nachhaltig und positiv beeinflussen kann?

Birgit Kohlhase: Der Leidensdruck ist meist so hoch, dass die Klienten vor dem Paartherapeuten kein Blatt vor den Mund nehmen. Dadurch, dass ich gleich beim ersten Treffen klar mache, worum es geht, nämlich weder um Schuldzuweisungen noch um Verurteilungen, wird oft Erleichterung empfunden und damit eine Vertrauensgrundlage geschaffen. Die Kunst besteht darin, die jeweiligen Verletzungen herauszuhören, die Ursachen herauszufinden bzw. in den oft verwickelten Situationen Klarheit zu schaffen. Die tieferen Gründe für Beziehungsprobleme liegen nicht selten in Prägungen und Erlebnissen der Kindheit oder den übernommenen Mustern von Eltern oder deren Vorfahren. Dafür gibt es z. B. eine bewährte Methode aus der systemischen Familientherapie, die Genogrammarbeit, die Verwandtschaftsverhältnisse mit ihren Prägungen aufschlüsselt. Um einen Rückfall in alte Muster im Alltag zu verhindern, gebe ich gerne Impulse, Hausaufgaben auf, d.h. es braucht auch die Bereitschaft, neue Verhaltensmuster einzuüben, denn es geht um Musterunterbrechung und neue positive, gemeinsame Paar-Erlebnisse. Durch den neuen Blick, eine Art Perspektivenwechsel auf die Verhältnisse werden Wege gesucht, einerseits Ressourcen herauszufinden, andererseits neue Strategien zu üben. Es geht ja immer um Trennung oder Neubeginn, denn der „Stillstand“ führt zwangsläufig in eine Abwärtsspirale. Ich habe viele erfolgreiche Paarberatungen erreichen können und bekomme noch nach Jahren Dankesschreiben von Paaren, die durch die Therapie immer noch glücklich zusammenleben, obwohl sie ihre damalige Beziehung vollkommen in Frage gestellt haben.

Welche Probleme führen Ihrer Erkenntnis nach Paare meistens in eine Therapie?

Birgit Kohlhase: Meine Erfahrung ist, dass viele Probleme durch die Familiengründung entstehen.  Durch die Geburt eines oder mehrerer Kinder verändert sich die Paarbeziehung zwangsläufig. Es kommt ja nicht einfach ein neues Menschenkind hinzu, sondern es entsteht ein neues System, eine Familie.
Damit ist es meistens mit der trauten Zweisamkeit vorbei! Und wir haben es nicht gelernt, unsere Liebe zu pflegen, aber auch unsere eigenen Bedürfnisse zu erkennen. Die Zuwendung der Mutter zum Säugling ist körperlich sehr intensiv, das Bedürfnis nach Nähe, Erotik, Sexualität tritt zunächst in den Hintergrund und manche Väter, die heute so wunderbar mit allem zur Seite stehen, fühlen sich manchmal sehr allein gegenüber der Symbiose Mutter-Kind. Das wird dann zum Problem, wenn der Wiedereinstieg in die erotisch-sex. Verbindung verpasst wird. Wie oft höre ich: „Nach der Geburt unseres letzten Kindes haben wir nicht mehr oder äußerst selten miteinander geschlafen“. Dadurch ist der „Außenbeziehung“ Tür und Tor geöffnet.
Die Sehnsucht nach körperlicher Nähe bleibt nicht nur beim Mann erhalten, auch bei der Frau, die sich manchmal aber eine andere Qualität wünscht. Es kommt in vielen Fällen noch eine starke Belastung hinzu z.B. durch die angestrebte berufliche Karriere, die meist zeitgleich neben der Familiengründung zusammen fällt mit dem Erwerb oder der Suche eines Hauses. Das sind dann enorme Anforderungen an ein zufriedenstellendes Paarleben. Eine befriedigende Beziehung braucht zum Weiter-Gedeihen Kenntnisse, Raum, Energie und Zeit. Letzteres ist heute ein Luxusgut. Doch lohnt es sich, sich dafür zu engagieren, merken wir doch letztlich alle, wie sehr uns das im Alltag entweder herabzieht oder beflügelt.

„Eine Paarbeziehung wird von allein schlechter, wenn man nichts für sie tut“—darin bin ich mit meinen Kolleg:innen einig.

Muss man in einer Partnerschaft sein?? (gemeint ist wohl, ob man allein an einer Beziehung arbeiten kann??), um eine Paartherapie aufzusuchen oder kann man dies auch als Einzelperson tun, um eine Krisensituation zu entspannen?  

Birgit Kohlhase: Das kann sehr individuell gelöst werden. Die meisten Paare kommen gerne zusammen zum ersten Treffen, sie haben dadurch gleiche Erfahrungen mit dem Paarberater und können sich nachher darüber verständigen, ob die Beratungen fortgesetzt werden sollten.

Doch manchmal checkt einer von beiden vor, und dann können immer noch beide zusammen kommen. Wenn ein Partner sich weigert, zu einer prof. Beratung mitzukommen, ist es dennoch möglich, allein an der Beziehung zu arbeiten, denn ich kann ja nur mich selbst ändern, nicht den anderen. Durch das neue Betrachten der Verhältnisse, das Transparenter werden der Vorgänge in der Beziehung, werden Wege gesucht, selbst verändert zu agieren, zu reagieren, und dadurch entsteht auch etwas Neues im Paar-Geschehen. Also bevor jemand sich ungeklärt aus einer Beziehung heraus löst, sollte er die Aufarbeitung im Alleingang versuchen.

Eine Therapiestunde kann bei einem seriösen Anbieter schon einiges kosten. In welchen Fällen kann die Krankenkasse einem Paar unter die Arme greifen?

Birgit Kohlhase: Soweit ich weiß, werden die Kosten in keinem Fall von der Krankenkasse übernommen. Es wäre allerdings für die Kassen günstiger, regelmäßig solche Check-Ups zu finanzieren, denn viele Patienten leiden unter Herzinsuffizienz und diese ist nicht selten auf die angespannten Ehebeziehungen zurückzuführen. Das höre ich jedenfalls immer wieder von Hausärzten, die mich deshalb auch schon zu Fortbildungen eingeladen haben.

Frau Kohlhase, vielen Dank für das Gespräch!

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  1. Welch eine vergleichend wirkende, Frieden und Eintracht gebärende Persönlichkeit, wie sie in der heutigen Welt zu selten anzutreffen ist! Das nachfolgende Gedicht bestärke das Menschen verbindende Wirken dieser Grand Dame !

    Joviale Menschen

    Joviale freiheitsliebende Menschen
    können unbeschwert träumen,
    sie sind spontan und erbauen
    mit einer Portion Humor.
    Ihr weltoffener besonnter Geist
    verliert sich in keiner Egomanie,
    sie erstreben allseitiges Lebensglück.

    Unbeirrt das Schöne im Sein suchend
    erwirkt ihr ansteckender Frohsinn
    wünschenswerte Gemeinsamkeiten,
    gelebte Herzlichkeit über Missgunst stellend.

    Niemals entwürdigen sie Nächste
    aus herzloser Selbstherrlichkeit,
    sie verfallen auch keinem überbordenden,
    aus Solidarlosigkeit erwachsenen Luxus.

    Ihr Kapital gründet auf Einfachheit
    und einer die krankmachende Gier
    entmachtenden,
    gelebten Mitmenschlichkeit.

    Antony Petschacher

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