Dr. med. Julian Wichmann (Algea Care): Hype um Hanfprodukte wie CBD

Im Interview mit dem Geschäftsführer von Algea Care, Dr. med. Julian Wichmann, sprechen wir über CBD. Cannabidiol ist ein Life-Style-Produkt geworden. Wir versuchen der Frage auf den Grund zu gehen, ob es in ärztliche Hände gehört oder bedenkenlos privat konsumiert werden kann.

Dr. med. Julian Wichmann

Cannabidiol, kurz CBD, liegt im Trend. Was versteht man unter Cannabidiol eigentlich?

Sowohl CBD als auch THC, also Tetrahydrocannabinol, sind Inhaltsstoffe der Cannabispflanze, die extrahiert werden können. CBD bezeichnet im Gegensatz zu THC einen nicht-psychoaktiven Bestandteil der Pflanze.

CBD ist der Wirkstoff des weiblichen Cannabis. Warum wurde der Wirkstoff kürzlich so beliebt und ist nun in mehreren Formen im Handel erhältlich?

Grundsätzlich ist seit einiger Zeit ein „Hype“ um Hanfprodukte im Allgemeinen zu beobachten – und damit auch um CBD. Eine mögliche Begründung könnte die wachsende Ablehnung synthetisch hergestellter Produkte sein, gerade auch im Hinblick auf die eigene Gesundheit. Man achtet vermehrt auf Inhaltsstoffe natürlichen bzw. pflanzlichen Ursprungs. Das machen sich viele Hersteller zunutze. Zudem erhoffen sich viele Menschen einen positiven Einfluss auf das Wohlbefinden, wenn sie CBD-Produkte aus der Drogerie einnehmen, zum Beispiel einen besseren Schlaf. Allerdings muss man hier unbedingt zwischen freiverkäuflichen und medizinischen CBD-Präparaten unterscheiden, denn Qualität, Konzentration und somit letztlich auch Wirkung unterscheiden sich stark.

Welche Wirkung hat Cannabidiol auf den menschlichen Körper?

Über körpereigene Cannabinoid-Rezeptoren im Gehirn beeinflusst CBD das zentrale oder das periphere, also das außerhalb von Gehirn und Rückenmark liegende Nervensystem. Es wirkt vor allem entzündungs- und schmerzhemmend, zellschützend und stimmungsregulierend. Im Gegensatz zu THC hat CBD keine psychoaktiven Effekte. Somit ist ein Medikament mit CBD nicht bewusstseinsverändernd, es hat keine „berauschende“ Wirkung.

Als medizinisches Einsatzgebiet für hochdosierte CBD-Präparate ist vor allem die symptomatische Behandlung von Schlafstörungen, Depressionen, Angststörungen und Schmerzen bekannt. Die Einnahme von CBD wirkt beruhigend und kann gegen Krämpfe oder Übelkeit, aber auch bei verschiedenen entzündlichen Erkrankungen Linderung schaffen.

Ob alle im Handel zugänglichen Produkte legal sind, ist teilweise ungeklärt. Mit welchen Vorschriften kollidiert sowohl der Verkauf, als auch Erwerb des Wirkstoffs?

Wichtig ist, zu beachten, dass bei freiverkäuflichen „Lifestyle“-Produkten ein Wirksamkeitsnachweis fehlt; für keines der Produkte gibt es ausreichende wissenschaftliche Belege, dementsprechend dürfen die Hersteller auch nur sehr eingeschränkt werben. Sobald es um die Linderung von gesundheitlichen Problemen geht, ist CBD in Deutschland ein verschreibungspflichtiger Wirkstoff.

Außerdem sind diese freiverkäuflichen Produkte nicht reguliert, so wie es bei Arzneimitteln der Fall ist. Sie enthalten meist nur sehr geringe und damit pharmakologisch unwirksame Mengen an CBD, die unter den in klinischen Studien getesteten Mengen liegen. Die Wirkung von in Selbsttherapie eingenommenen Drogerieprodukten und einer ärztlich begleiteten Behandlung mit hochdosiertem CBD ist also absolut nicht zu vergleichen. Tatsächlich tritt hier häufig eigentlich eher ein Placebo-Effekt ein – obwohl gemessen an den effektiven Kosten pro Gramm CBD das Arzneimittel von der Preisspanne her vergleichbar ist.

Die voranschreitende Integration von CBD-Produkten in den Alltag und die Intransparenz der Rechtslage bringt die Politik in Zugzwang. Wie schätzen Sie die Lage bzgl. CBD, Aufklärung und Rechtslage ein?

Es bedarf aus meiner Sicht deutlich mehr Aufklärungsarbeit darüber, dass freiverkäufliches und verschreibungspflichtiges CBD nicht ein und dasselbe sind. Natürlich spricht grundsätzlich nichts dagegen, Hanfkaugummis, -cremes oder andere Produkte zu verwenden, auch wenn Hersteller hier oft mit nicht belastbaren Heilversprechen werben. Allerdings sollte deutlicher kommuniziert werden, dass die Anwendung von CBD in ärztliche Hände gehört, sobald auf einen gesundheitlichen Nutzen gehofft wird beziehungsweise die Linderung gesundheitlicher Beschwerden im Fokus steht. Dann ist eine medizinische Beratung und Betreuung unerlässlich, um eine zielführende, sichere Therapie und einen entsprechenden Behandlungserfolg zu ermöglichen. Hier werden bei Verbrauchern leider falsche Erwartungen geschürt. Wir sehen regelmäßig Patient:innen, die von freiverkäuflichen CBD-Produkten enttäuscht sind, mit einer medizinischen CBD-Therapie jedoch ihre Beschwerden deutlich lindern können.

Vielen Dank, Herr Dr. Wichmann.

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