Dr. med. Michaela Krohn: Boreout ist eine überdauernde Unterforderung

Dr. med. Michaela Krohn ist Inhaberin der Onlineberatung und Coaching in Remscheid. Mit ihr sprechen wir über Boreout, Unterschied zum Burnout sowie auftretende Symptome.

Dr. med. Michaela Krohn

Mit Sicherheit hat jeder schon mal etwas von dem Begriff “Burnout” gehört. Doch mit dem gegenteiligen Begriff “Boreout” verhält es sich etwas anders. Was ist ein Boreout überhaupt?

Dr. med. Michaela Krohn: Der Begriff „Boreout“ ist von den englischen Worten „boredom“ (Langeweile) bzw. „to be bored“ (gelangweilt sein) abgeleitet, wobei jedoch „Langeweile“ allenfalls oberflächlich zusammenfasst, was das Problem im Kern wirklich ist. Entgegen dem, was man angesichts des Begriffes „Boreout“ annehmen könnte, sind Betroffene – wie auch beim Burnout – in der Regel leistungsbereit und gut ausgebildet, unter ihnen auch viele Akademiker. Beim Burnout ist es die chronische Überlastung und Überforderung, beim Boreout ist es eine überdauernde Unterforderung sowie zunehmende Gefühle von Bedeutungslosigkeit und Sinnlosigkeit, aus denen Erschöpfung resultiert. Die berufliche Tätigkeit gibt den Betroffenen kaum Gelegenheit, ihre Talente, ihre Kompetenzen und ihre Leistungsbereitschaft zu zeigen, geschweige denn diese produktiv einzusetzen oder auszubauen. Sie fühlen sich von ihrem Arbeitgeber oftmals nicht ernst genommen und benachteiligt. Aus Scham tun die Betroffenen nach außen hin so, als sei alles in Ordnung und sprechen das Problem Vorgesetzten oder Angehörigen gegenüber häufig nicht an. Die eigenen Bedürfnisse werden nicht hinreichend wahrgenommen (was die Vulnerabilität, d.h. die Anfälligkeit für eine solche Erkrankung bereits im Vorfeld erhöht) und mögliche eigene Erwartungen oder Ansprüche – wenn sie dem Betroffenen überhaupt bewusst sind – sowie Verbesserungsvorschläge können aus verschiedensten Gründen nicht formuliert werden. Erschwert wird das Ganze durch die Angst vor dem Verlust des (vielleicht sehr sicheren oder gut bezahlten) Arbeitsplatzes, Angst vor der Reaktion des beruflichen und privaten Umfeldes sowie Angst vor Veränderung. Daraus entsteht ein Teufelskreis aus Unzufriedenheit und Frustration, der dann bei längerem Bestehen – wie auch beim Burnout – in die Depression einmünden kann.

Ein Boreout ist im Gegensatz zum Burnout schwieriger zu identifizieren. Welche Symptome können bei Betroffenen auftreten?

Dr. med. Michaela Krohn: In den frühen Stadien des Boreouts erleben die Betroffenen über einen längeren Zeitraum hinweg Langeweile, Unterforderung und Unzufriedenheit im Job. Ihnen fehlt das Erleben von Weiterentwicklung, Erfolg und letztendlich beruflicher Erfüllung, sodass sich zunehmend ein Gefühl von Unzulänglichkeit, Nutzlosigkeit, Bedeutungslosigkeit und fehlender Sinnhaftigkeit ihres Tuns einstellt.

Langfristig führt das Boreout-Syndrom (wie auch das Burnout-Syndrom) in die Depression, d.h. die Symptomatik ist dann ähnlich wie bei Burnout- bzw. depressiven Patienten. Mögliche Symptome sind: Gedrückte (manchmal auch gereizte) Stimmung, innere Unruhe und Anspannung, Konzentrationsstörungen, Antriebslosigkeit, Traurigkeit, Verzweiflung, vermindertes Erleben von Freude und Interesse. Häufig ziehen sich Betroffene immer mehr zurück, grübeln viel, werten sich selbst ab, fühlen sich ständig müde und erschöpft, haben Schlafstörungen oder Appetitveränderungen. Auch andere körperliche Symptome wie z.B. Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Schwindel oder Magen-Darm-Probleme (um hier nur einige zu nennen) können auftreten. Nicht selten bestehen Comorbiditäten (d.h. zusätzliche Erkrankungen) wie z.B. Angststörungen, Zwangsstörungen oder Süchte.

Betroffene unterschätzen oftmals den Boreout und denken es sei eine harmlose Variante des Burnouts oder einfach nur Langeweile am Arbeitsplatz. Ist ein Boreout wirklich weniger beunruhigend als ein Burnout?

Dr. med. Michaela Krohn: Boreout ist – insbesondere im fortgeschrittenen Stadium, wenn sich bereits eine depressive Störung entwickelt hat – ein ernstzunehmendes Krankheitsbild. Leider ist dieses Phänomen (auch bei Ärzten und Therapeuten) bei weitem nicht so bekannt und vor allem noch nicht so akzeptiert wie sein großer Bruder, das Burnout. Es ist ein gesellschaftliches Phänomen unserer Zeit, ständig gefordert und (übertrieben) leistungsorientiert zu sein. Von Boreout Betroffene erleben durch ein (oft im Vorfeld bereits) geringes Selbstwertgefühl und fehlende Selbstwirksamkeit (s. Frage 4) starke Unzulänglichkeitsgefühle und Versagensängste, weshalb das Boreout oft auch sehr schambesetzt ist. Und die Scham verhindert ihrerseits wiederum, dass Betroffene sich im beruflichen (oder privaten) Umfeld mitteilen, andere um Rat fragen oder gar professionelle Hilfe aufsuchen.

Dabei sollte man bereits bei den frühen Warnzeichen (s. Frage 2) hellhörig werden und sich bestimmte Fragen stellen (s. Frage 5), um den Übergang in eine manifeste depressive Störung zu verhindern. Leider ist die Prädisposition der Betroffenen (geringes Selbstwertgefühl, Versagensängste, soziale Ängste, schwieriger familiärer Background, ungünstige Beziehungserfahrungen, kein gutes soziales Umfeld, keine anderen Ressourcen wie beispielsweise Hobbies, Ehrenämter etc.) oft so, dass die fortschreitende Entwicklung leider nicht rechtzeitig abgewendet werden kann – und im Falle von depressiven Symptomen besteht absoluter Handlungsbedarf!

Immer wieder wird berichtet, dass positiver Stress ein Ausweg vom Boreout sein soll. Das hört sich erstmal etwas seltsam an. Was genau kann man unter positivem Stress verstehen und wie könnte dieser den Betroffenen helfen?

Dr. med. Michaela Krohn: Positiver Stress bedeutet ja im Wesentlichen, dass wir mit Aufgaben konfrontiert werden, denen wir uns gewachsen fühlen und die wir mit Hilfe unserer Kompetenz und unserer Kreativität bewältigen können. Dadurch erhalten wir eine positive Rückkopplung, d.h. wir sind selbstwirksam. Der Begriff Selbstwirksamkeit wurde in den 1970er Jahren von Albert Bandura geprägt und meint das Grundbedürfnis, an sich selbst und an das, was man kann, zu glauben und dieses Vertrauen in sich selbst und die eigenen Fähigkeiten durch seine Taten und bewältigten Aufgaben gewissermaßen bestätigt zu bekommen. Dadurch entsteht eine Aufwärtsspirale, d.h. wenn ich eine Aufgabe gemeistert habe, schaffe ich auch die nächstgrößere Aufgabe usw., wodurch permanentes Wachstum entsteht und sich nach und nach das ganze Potenzial eines Menschen entfalten kann (entsprechend des Konzepts der Potenzialentfaltung nach Gerald Hüther).

Boreout-Betroffene erleben genau das Gegenteil: Durch zu wenig Input und zu wenig Herausforderungen geraten sie in eine Abwärtsspirale von (fehlender) Selbstwirksamkeit. Ihre Potenziale bleiben ungenutzt und dadurch entstehen Gefühle von Versagen und Unzulänglichkeit, welche sich (dadurch dass keine neuen herausfordernden Aufgaben bewältigt werden müssen und auch keine Veränderung der Arbeitsbedingungen stattfindet oder eingefordert wird) permanent verschlimmern.

Für Betroffene von Boreout scheint der Berufswechsel der einzige Ausweg. Was können Betroffene Ihrer Meinung nach noch gegen einen Boreout tun?

Dr. med. Michaela Krohn: Zunächst ist wichtig, dass Betroffene überhaupt erst einmal erkennen, dass etwas nicht stimmt, d.h. dass das sogenannte „Kohärenzgefühl“ (nach Aaron Antonovsky, dem Begründer der Salutogenese) gestört ist – und dies ernst zu nehmen. Und dann sollten sich Betroffene Hilfe suchen – zunächst vielleicht im privaten Umfeld, später auch professionelle Unterstützung, um dann die nächsten Schritte gehen zu können und so wieder positive Selbstwirksamkeitserfahrungen zu machen. Hierbei kann ein Psychotherapeut oder auch ein Heilpraktiker oder Coach hilfreich sein, um schambesetzte Themen zu besprechen, Ängste abzubauen und ein stabileres Selbstbild zu erarbeiten. Welchen Weg er oder sie wählt, muss der oder die Betroffene selbst entscheiden. Was jedoch unabdingbar ist: Die Chemie mit dem Therapeuten oder Coach muss stimmen und der oder die Betroffene muss sich ernst genommen und verstanden fühlen.

Wenn bereits depressive Symptome vorliegen und nicht nur Initialsymptome eines Boreouts vorhanden sind (s. Frage 2), sollte mindestens eine psychotherapeutische Behandlung angestrebt werden – ambulant oder in fortgeschrittenen Fällen auch stationär.

Und nein, ich würde nicht von vornherein dafür plädieren, dass es eines Arbeitsplatz- oder Berufswechsels bedarf, sondern es braucht zunächst einmal eine eingehende Analyse und Selbstreflexion. In jedem Fall würde ich eine vorübergehende Krankschreibung empfehlen, die erst einmal Zeit und Raum für die notwendigen emotional-kognitiven Prozesse verschafft.

Und dann gilt es, sich die richtigen Fragen zu stellen: Warum bin ich unzufrieden mit meinem Leben bzw. mit meinem Beruf oder Arbeitgeber? Was sind die konkreten Faktoren? Was fehlt? Wie hätte ich es gerne? Was kann ich? Wo will ich hin? Was möchte ich in meinem Leben erreichen – beruflich und privat? Und was hindert mich daran, meinen Weg weiterzugehen? Was will ich geben? Worin besteht der Sinn meines Lebens? Oder was könnte meinem Leben Sinn geben? Was will ich eigentlich (wofür ich mich vielleicht schäme, weil es gesellschaftlich weniger anerkannt oder akzeptiert ist)? Gerade die Themen Werte, Sinn und Sinnhaftigkeit (nach Viktor Frankl, dem Begründer der Logotherapie) sind elementare Bestandteile meiner therapeutischen Arbeit und gerade bei Boreout-Betroffenen meines Erachtens absolut wichtig zu beachten.

Und dann kann ggf. geschaut werden, inwieweit diese Dinge beim aktuellen Arbeitgeber besprechbar sind, welche Aufgaben der Betroffene z.B. lieber übernehmen würde, in welcher Abteilung oder bei welchen Projekten er oder sie sich sieht etc. – um die Erfahrung zu machen, dass der oder die Betroffene sich mitteilen kann und darf. Die hierbei auftretenden Ängste sollten natürlich ebenfalls Gegenstand der Therapie bzw. des Coachings sein. Und selbst wenn die Gespräche mit dem Arbeitgeber „scheitern“, sollte das idealerweise als Hinweis verstanden werden, dass es vielleicht doch Zeit ist für eine Veränderung – ob in Richtung Bewerbung, Kündigung, neue Aus- oder Weiterbildung, Berufswechsel, Selbstständigkeit – was auch immer. All das kann im Rahmen eines Coachings oder einer Therapie besprochen, vorbereitet und geplant werden.

Frau Dr. Krohn, vielen Dank für das Gespräch!

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