Dr. med. Vadym Pastushenko: Reset-Knopf drücken

Dr. med. Vadym Pastushenko ist Facharzt für Psychotherapie und Psychiatrie in seiner eigenen Praxis in Dortmund. Mit ihm sprechen wir über emotionale Krise, Sinn des Lebens sowie neue Lösungsstrategien.

Welcher Weg aus der emotionalen Krise führt in eine Sackgasse?

Dr. med. Vadym Pastushenko: Sie stecken in einer Krise, vielleicht sogar in einer Dauerkrise. Seit Wochen, Monaten oder gar Jahren spielen Ihre Gedanken verrückt, drehen sich im Kreis und Sie fühlen sich nicht gut, sondern bedrückt, lustlos, hilflos oder ängstlich. Irgendetwas stimmt nicht (mehr) mit Ihnen, denn alltägliche Aufgaben sind zu unüberwindbaren Herausforderungen geworden und das Leben erscheint Ihnen mitunter sinnlos.

Sie sind auf der Suche nach DER Lösung, DEM Reset-Knopf, wodurch Sie endlich (wieder) den Weg in ein glückliches, unbeschwertes Leben finden können und haben dabei im Laufe Ihres Lebens Strategien entwickelt, ausprobiert, verworfen oder beibehalten, um derartige Krisen bewältigen oder zumindest ertragen zu können. Immer wieder werden Sie an so einer Kreuzung stehen: der eine Weg führt Sie in Richtung Bewältigung, der andere Weg in Richtung Ertragen oder Erleichterung.

Eine Krise zu bewältigen beinhaltet immer ganz andere Strategien und Werkzeuge als eine Krise zu ertragen. Bei der Bewältigung handelt es sich um komplexe, langfristige lösungsorientierte Algorithmen. Im Rampenlicht steht hierbei nicht die Erleichterung, sondern die langfristige Problemlösung. Das erfordert nicht nur Mut, Ausdauer und Entschlossenheit, sondern eine Reihe von intellektuellen Fähigkeiten, die leider nicht immer vorhanden sind und ausgerechnet während der Krise erlernt werden müssen.

Auf dem Weg zur kreativen Krisenbewältigung entstehen folgende, nicht überwindbare Barrieren:

  • ●         Komplexität. Sie werden es nie mit einem einzigen Schritt aus einem Labyrinth schaffen. Es benötigt eine Reihe von verketteten und vernetzten Aufgaben und Lösungen, die nicht offensichtlich und häufig gut versteckt sind.
  • ●         Nachhaltigkeit und langfristige Orientierung. Es gibt keine schnelle Lösung bei komplexen Problemen. Ergebnisse werden emotional nicht direkt als Erleichterung spürbar, sondern lassen auf sich warten. Die Wartezeit ist meistens mit Spannung, Ungeduld und Unlust verbunden, was mit wenig Begeisterung einhergeht.
  • ●         Anstrengung. Die Lösungsstrategien sind in der Umsetzung unangenehm und mit zusätzlicher Arbeit verbunden.
  • Diese Arbeit möchte man sich gerade in der Krise ersparen und entscheidet sich häufig für eine nicht kreative Alternative. Im Vordergrund stehen dann die Entlastung und Erleichterung. Die Minimierung des Leidensdrucks wird dann kurzfristig als Erfolg gewertet, sodass die langfristigen Problemlösungsansätze auf der Strecke bleiben. Solche Strategien führen Sie in eine Sackgasse. Die Hilflosigkeit nimmt zu. Burnout, Depression, Angst und psychosomatische Erkrankungen warten sehnsüchtig auf Sie in dieser Sackgasse. 
  • Um dies zu vermeiden, habe ich für Sie die häufigsten Pseudo-Bewältigungsstrategien zusammengefasst.
  • Schaffen Sie es, diesen Artikel bis zum Ende zu lesen? Wenn ja, dann sind sie mutig und ehrlich zu sich selbst. Dann haben Sie die Chance auf eine kreative Zukunft. Lesen Sie 2-mal und schauen Sie was passiert. Auf die Plätze, fertig, los! 
  • Übliche Reaktionsarten und Pseudo- Bewältigungsstrategien mit kurzfristiger Wirkung
  • IN ARBEIT STÜRZEN
  • Im beruflichen sowie privaten Umfeld erreichen Sie stets ihre ehrgeizigen Ziele.  Auf dem Weg dahin geben Sie alles und fühlen sich gut in diesem Flow. Sie denken, dass Ihnen das Erreichen Ihres Zieles das ersehnte Glücksgefühl, die ultimative Zufriedenheit bringen wird, doch immer hält ihre Begeisterung danach nur für kurze Zeit an. Sie fallen in ein Loch und fühlen sich innerlich ausgehöhlt, leer und unglücklich.
  • Trotz Ihres unermüdlichen Einsatzes und Ihrer grandiosen Erfolge erleben Sie keine dauerhafte Verbesserung Ihrer Lebensqualität, sondern eher eine Verschlechterung.
  • SELBSTKRITIK / SELBSTVORWÜRFE
  • Auch wenn Sie eine schwierige Situation erfolgreich gemeistert oder eine Aufgabe gut gelöst haben, flüstert da immer eine innere Stimme in ihrem Kopf, dass Sie das hätten besser machen können, das hätten besser machen müssen. „In Wirklichkeit bist du ein Versager und schaffst nichts“, werfen Sie sich vor, indem Sie jeden Erfolg Ihrerseits so lange mit sich selbst diskutieren, bis Sie alles Erreichte zwar noch wahrnehmen aber in keiner Weise mehr wertschätzen können. Ihr innerer Miesmacher ist mächtiger als Ihre Vernunft, als Ihre Logik. Je mehr Sie versuchen diese selbstkritische Stimme zu bekämpfen, desto mehr gewinnt sie die Oberhand.
  • Der „innere Schweinehund“ hält mich von wichtigen Dingen oder guten Vorsätzen ab. Ihn gilt es zu überwinden, damit ich mich von der Couch erhebe und endlich mit dem Joggen, dem Abnehmen … anfange.
  • VERHARMLOSEN / BAGATELLISIEREN / IGNORIEREN
  • Sie fühlen sich nicht gut. Einmal sind Sie unruhig, wissen sich nicht zu helfen und fühlen sich verletzbar, ein anderes Mal sind Sie verärgert und wütend. Diese Stimmungsschwankungen sind Ihnen lästig und verunsichern Sie. „Ist doch alles gar nicht so schlimm!“, versichern Sie sich deshalb und nehmen sich vor, sich ab sofort keine Sorgen mehr zu machen, nicht unruhig zu sein, sich nicht aufzuregen und nicht traurig zu sein, doch je mehr Sie das versuchen, desto schlimmer wird Ihr emotionaler Zustand. Aufmunterungsversuche von außen können Sie nicht ertragen, die wirken nur kontraproduktiv.
  • KOMPLEXITÄT ÜBERSEHEN 
  • Sie versuchen Ihre Probleme logisch zu lösen, setzen sich neue ehrgeizige Ziele und stellen dennoch immer wieder fest, dass es langfristig schlimmer wird? Erfolge können Sie entweder kurz oder gar nicht mehr genießen. Je mehr Sie sich anstrengen, desto schlimmer wird es.
  • ALLES IST SINNLOS
  • Sie haben schon so viel versucht, aber nichts hat wirklich geholfen. Einige ehrgeizige Ziele haben Sie zwar erreicht, aber in Ihrem Inneren spüren Sie nur Leere und Sinnlosigkeit.
  • Die Menschen in Ihrer Nähe können sich gar nicht vorstellen, wie unglücklich, sinnlos und hilflos Sie sich fühlen, sondern zeigen Ihnen gegenüber Unverständnis und betrachten Ihre Erfolge sogar mit Neid, doch Sie fragen sich, wozu Sie die ganze Mühe auf sich genommen haben, welchen Sinn Ihr Leben überhaupt hat.
  • ANALYSIEREN
  • Sie haben Ihr Kernproblem durch intensive Selbstreflexion und mit therapeutischer Hilfe richtig und sehr gut erkannt.  Zunächst sind Sie von Ihren neu gewonnenen Erkenntnissen absolut begeistert und denken, dass Sie damit endlich DIE Lösung für Ihre Probleme gefunden haben, doch leider müssen Sie feststellen, dass sich davon keine Verbesserung eintritt. Sie treten auf der Stelle.
  • Das verunsichert Sie zutiefst und verstärkt Ihr Gefühl der Hilflosigkeit.
  • FÜR ANDERE DA SEIN
  • Sie kümmern sich gerne um andere Menschen und lieben es, für Harmonie und Glück in Ihrer Umgebung zu sorgen. Stets sind Sie zur Stelle wenn jemand Hilfe braucht und stellen dafür Ihre eigenen Bedürfnisse auch gerne hinten an. „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es auch wieder heraus“, ist Ihre Devise, doch nur manchmal dankt Ihnen jemand für Ihr unermüdliches Geben, wirkliches Interesse hat niemand an Ihnen.
  • Sie sind entsetzt, wie egoistisch die Menschen sind und fühlen sich noch einsamer und hilfloser als zuvor.
  • IHR KÖRPER, DER SPIELVERDERBER
  • Sie haben alles getan, um Ihre emotionalen Zustände zu ertragen und weiterhin zu funktionieren, und das hat gut geklappt, bis ihr Körper plötzlich angefangen hat, verrückt zu spielen.
  • Nun fühlen Sie sich körperlich krank, manchmal sogar schwer krank. Sie sind erschöpft und niedergeschlagen, können aber trotzdem weder ein- noch durchschlafen. Ihre Konzentrationsfähigkeit lässt immer mehr nach und Sie haben Kopfschmerzen, Herzrasen, Beklemmungen in der Brust, Magen-Darm-Probleme, Verspannungen und Schmerzen im Rücken und Nacken.
  • Sie rennen von Arzt zu Arzt, aber alle Untersuchungsergebnisse sind unauffällig und nicht wegweisend, so dass Sie mittlerweile den Eindruck haben, dass die Ärzte Sie gar nicht mehr ernst nehmen. Sie fühlen sich abgestempelt als Hypochonder, denn die Ärzte deuten an, dass Sie sich ihr Leiden einbilden könnten.
  • Sie können den Ärzten nicht mehr vertrauen und fühlen sie ausgeliefert und allein gelassen.
  • THINK POSITIV
  • Sie haben gelesen, dass positives Denken wohltuend auf Körper und Geist wirken kann. Das praktizieren Sie, indem Sie täglich nach einem positiven Erlebnis Ausschau halten, es aufschreiben und eigene gute Eigenschaften sowie erreichte Ziele notieren. Ihr Selbstwertgefühl ist dadurch etwas gestiegen und die Suche nach Positivem in Ihrem Alltag ist eine angenehme Beschäftigung, doch leider lenkt Sie das alles nur kurzfristig von der Realität ab und lässt Sie letztendlich enttäuscht und verunsichert zurück. Nicht mal positives Denken gelingt ihnen mehr, obwohl es doch ganz einfach sein soll.
  • ENTSPANNUNG
  • Sie haben viele Büche über Entspannungsübungen gelesen, mehrere Kurse besucht und waren wie immer fleißig beim Erlernen der unterschiedlichsten Techniken. Im Alltag können Sie sich jedoch trotz der vielen Übungen und der Mühe, die Sie sich geben, nicht entspannen.
  • Unter der Käseglocke eines Kurses wirken sie hervorragend, doch in stressigen Alltagssituationen haben vergebliche Entspannungsversuche bei Ihnen nur noch mehr Spannungsgefühle und Unsicherheit ausgelöst.
  • SPORT
  • Sie treiben viel Sport, denn Sie haben gehört, dass Sie damit nicht nur Ihre physische sondern auch Ihre psychische Gesundheit fördern können, und tatsächlich, es wirkt. Sie fühlen sich beim und nach dem Sport besser, aber leider hält dieses gute Gefühl nicht dauerhaft an und ist Ihnen in einer alltäglichen Stresssituation keine Hilfe. „Vielleicht habe ich zu wenig Sport gemacht“, überlegen Sie und steigern Ihr Pensum. Ein Teufelskreis, der dazu führt, dass Sie sich besonders schlimm fühlen, wenn Sie keine Möglichkeit haben Sport zu treiben und sich entsprechend von Ihren Sorgen und Nöten abzulenken.
  • Summa summarum greifen Ihre Strategien und Reaktionsarten nur kurzfristig und verbessern Ihre Lebensqualität nicht auf Dauer. Sie fragen sich daher, ob es überhaupt einen Weg für Sie aus der Krise geben kann, oder ob Sie vielleicht psychisch so krank sind, dass nur noch Medikamente Ihnen helfen können Ihr Leiden zumindest erträglicher zu machen. Diese Vorstellung macht Ihnen große Angst.
  • Immer wieder das Gleiche zu tun und trotzdem andere, bessere Ergebnisse zu erwarten, kann nicht funktionieren. Erst wenn Sie begreifen und akzeptieren, dass Ihre bisherigen Lösungsansätze nicht wirksam und somit auch nicht zielführend sind, dann sind Sie bereit für neue Lösungsstrategien, die Ihr Leben positiv verändern können. Dies ist ein mutiger und nicht selbstverständlicher Schritt, denn es ist gar nicht so einfach alte Verhaltensautomatismen abzustellen.
  • Doch das kann gelernt werden! Suchen Sie sich dazu kompetente Hilfe und Unterstützung. Lernen Sie, Ihren Fokus weg von Ihrer psychiatrischen Diagnose zu nehmen, die Sie als stigmatisierend und wie ein Damoklesschwert über Ihnen schwebend empfinden und richten Sie ihn stattdessen auf Lernaufgaben, anhand derer Sie funktionelle Lösungswege für Ihre individuellen Verhaltensveränderungen kennenlernen, durch die Sie Ihre Lebensqualität nachhaltig verbessern können.
  • Viele Menschen sind diesen Weg schon gegangen und haben es geschafft.

Herr Pastushenko, vielen Dank für das Gespräch!

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