Luis Kimyon: Scham spielt ebenfalls eine Rolle

Luis Kimyon ist Inhaber einer Praxis für Psychotherapie, Paartherapie & Personal Coaching. Mit ihm sprechen wir über professionelle Hilfe, Prozess des Sich-Öffnens sowie Unzufriedenheit in der Beziehung.

Luis Kimyon

Eine Paartherapie ist für viele Paare gar keine Option. Obwohl die Beziehung auf der Kippe steht, denken viele Partner, dass professionelle Hilfe nichts bringt. Was umfasst eine Paartherapie und welche Themen werden in den Sitzungen meistens behandelt?

Luis Kimyon: Für viele Menschen ist ein professioneller Gesprächspartner – ob Therapeut oder Coach – zunächst ein innerliches und gedankliches Hindernis. Die meisten Menschen haben keine eigene Erfahrung mit der Thematik. Höchstens eine aus zweiter Hand vom Hörensagen oder durch die Medien. Beim Stichwort Therapie denken viele zuerst an mehr oder minder schwere psychische Erkrankungen. Scham spielt ebenfalls eine Rolle. In unserer Gesellschaft herrscht häufig noch der Gedanke vor, dass man seine Probleme selbst lösen muss. Professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, das weckt negative Assoziationen. Man denkt, gescheitert und schwach zu sein. Oft drängt sich hier auch der Gedanke auf: „Da hilft sowieso nichts mehr“. Ich habe auch schon gehört, dass Menschen Angst haben, einen Fremden so nah an die eigenen Gefühle oder die Psyche heranzulassen. Hier spüre ich oft die Überraschung, wenn das Coaching/die Therapie dann greift. Der Prozess des Sich-Öffnens wird als sehr hilfreich und erleichternd empfunden. Wir Menschen haben schon immer im Verbund gelebt und unsere Erfahrungen geteilt. Mein Ansatz ist im Grundsatz ein Paarcoaching, und in bestimmten Fällen kann es sich zu einer Paartherapie entwickeln. Für mich beginnt eine Therapie in der Beziehung, wenn eine Partnerin/ ein Partner durch Fremdgehen traumatisiert ist und sich depressive Symptome und/oder Angstsymptome entwickeln. Dies zeigt sich besonders schnell an speziellen Schlafstörungen. Der Schlaf ist ein guter Signalgeber für unsere emotionale und gedankliche Innenwelt. Ich beginne meine Paarcoachings mit Einzelsitzungen, indem jede/r ganz frei ihre/seine Situation schildern kann. Dann kommen die PartnerInnen gemeinsam als Paar zu mir. Es werden die unterschiedlichen Sichtweisen gespiegelt. Dabei ist es wichtig, dass die Beteiligten lernen, andere Perspektiven zu verstehen und zu akzeptieren. Unzufriedenheit und Unerfülltheit in der Beziehung sind häufige Themen. Der am meisten gebrauchte Satz ist dann: „Du verstehst mich nicht“. Daran verzweifeln viele. Die Paare verlieren sich aus den Augen, werden sich fremd oder entfernen sich emotional voneinander. Das heißt, eine zu Beginn noch romantische und leidenschaftliche Beziehung wird übermäßig pragmatisch und/oder freundschaftlich. Hier setzen wir im Paarcoaching an. Fremdgehen ist meistens die Spitze des Eisbergs und mit Sicherheit ein wesentlicher Teil der Paartherapie. Es ist wichtig, eine gute Priorisierung im Leben zu haben. Aus meiner Sicht gehört die Beziehung ganz nach oben. Ich sage gerne: „Wo Vertrauen ist, ist auch viel Freiheit“. Das ist aber kontinuierliche Arbeit. Eine intensive, anstrengende und künstlerische Arbeit. Gute Beziehungen haben wenig mit glücklichen Zufällen zu tun. Das hat Professor John Gottman sogar wissenschaftlich dargestellt. Seine Bücher „Die Vermessung der Liebe“ und „Die 7 Geheimnisse der glücklichen Ehe“ sind zum Thema sehr empfehlenswert. Bin ich zur Arbeit an meiner Beziehung bereit, dann stellt sich eine gute und starke Bindung ein. Ich bin zufriedener und glücklicher in meinem ganzen Leben.

Die meisten Menschen treten Paartherapeuten:innen eher skeptisch gegenüber. Vielen Paaren fällt es schwer, mit einer fremden Person über ihre Beziehungsprobleme zu reden. Besonders wenn sich Partner nach der Sitzung wieder im Alltag befinden, neigen sie dazu, in alte Muster zu verfallen. Denken Sie, dass eine Paarberatung die Beziehung nachhaltig und positiv beeinflussen kann?

Luis Kimyon: Mit dieser Frage provozieren Sie ein Lächeln bei mir, auch wenn sie gerechtfertigt ist. Wie bereits erwähnt, ist eine glückliche Beziehung mit Investitionen verbunden. Ich investiere Arbeit und Energie. Solange ich meine, die Beziehung sei ein Selbstläufer, sind Missverständnisse und Misserfolge vorprogrammiert. Typisch ist hier für uns Coaches und Therapeuten der Satz „Das hätte ich nie bei uns gedacht oder erwartet“. Wenn kein Blatt zwischen zwei Menschen passen soll, dann sollte der Wille da sein, etwas dafür zu tun. Für eine nachhaltige Verbesserung in einer Beziehung gilt es zu lernen, gut miteinander zu sprechen und die eigenen Bedürfnisse auszusprechen. Dabei lernt man vor allem bis zum Ende zuzuhören, Themen auszuhalten und gemeinsam zu gestalten. Das Zwiegespräch ist dafür ein ziemlich gutes Mittel. Dabei wiederhole ich das Gesagte meines Gegenübers so, wie ich es verstanden habe und frage nach, ob ich dies so richtig wiedergebe. Das kann schon mühevoll sein, aber es lohnt sich.

Welche Probleme führen Ihrer Erkenntnis nach Paare meistens in eine Therapie?

Luis Kimyon: Wir haben schon darüber besprochen, was die Gespräche von Paaren im Idealfall prägt. Eine Beziehung kippt, wenn ich meine Bedürfnisse nicht mehr erfüllen kann. Selbstverständlich ist jeder für sich verantwortlich. Man muss die eigenen Bedürfnisse kennen und sie für sich auszuleben. In Beziehungen zu Menschen spüre ich Liebe und Verbundenheit, wenn wir uns gegenseitig die Bedürfnisse erfüllen. Die Basis lege ich zum Beispiel mit den „5 Sprachen der Liebe von Gary Chapman“. Hier geht es um 5 elementare Bedürfnisse (Hilfsbereitschaft, Geschenke und Gesten, die vom Herzen kommen, Lob und Anerkennung durch verbale Kommunikation, Zweisamkeit und Zärtlichkeit). Die Gewichtung und die Art, seine Liebe auszudrücken, unterscheiden sich von Mensch zu Mensch. Wie oft habe ich es erlebt, dass bei einem der PartnerInnen Bedürfnisse an erster Stelle stehen, die für den anderen eher unwichtig wären. Deswegen sollte ich die Bedürfnisse meines Gegenübers gut kennenlernen, um eine gute und glückliche Beziehung zu leben. Das Gefühl sich, unverstanden und unerfüllt zu fühlen, gehört zu den größten Hürden in einer Beziehung. Ebenso wie der Eindruck, sich auseinander gelebt zu haben und sich nicht mehr verbunden zu fühlen.

Muss man in einer Partnerschaft sein, um eine Paartherapie aufzusuchen oder kann man dies auch als Einzelperson tun, um eine Krisensituation zu entspannen?

Luis Kimyon: Sollte ich für mich erkannt haben, dass eine Veränderung in meiner Beziehung wichtig ist, kann ich eine Beratung für mich in Anspruch nehmen. Aus Erfahrung weiß ich, dass mit der Veränderung bei einem Beteiligten sich die Beziehung und/oder das Umfeld sich auch verändern. Man sieht schnell, ob die Partnerin/der Partner auch zu gemeinsamen Gesprächen bereit ist. In bestimmten Fällen kann ich auch eine klare Forderung an die Beziehung stellen, um eine Veränderung herbeizuführen. Dazu gehört viel Mut, um das Gewohnte zu verändern. In anderen Fällen ist eher wichtig, etwas Druck herauszunehmen, um wieder zu sehen, was gut läuft und dankbar dafür zu sein. Das kann ich für mich selbst lernen und umsetzen.

Eine Therapiestunde kann bei einem seriösen Anbieter schon einiges kosten. In welchen Fällen kann die Krankenkasse einem Paar unter die Arme greifen?

Luis Kimyon: Die Paartherapie ist in keinem Fall eine Kassenleistung. Gemeinsame Termine bei Therapeuten kann es aber geben, wenn jemand eine klassische Therapie hat und die/der Partner/in kommt an bestimmten Terminen mit dazu. Hier geht es aber nur sekundär um die Beziehung. Das ist nicht ganz einfach zu differenzieren. Hier muss man leider auch sagen, dass die Wartezeiten bei kassenzugelassenen Therapeuten oft 3-6 Monate oder sogar länger betragen. Ich kann Paaren nur empfehlen, sich zu überlegen, was ihnen eine Verbesserung in der Beziehung wert ist. Ähnlich wie ich es bei einem Autokauf mache, beim Buchen eines Urlaubs oder beim Mieten einer Wohnung. Ich versuche, meine Lebensqualität zu erhöhen. Aus meiner Sicht sollte die Persönlichkeitsentwicklung mindestens genau so viel Raum einnehmen wie die Befriedigung materieller Bedürfnisse. Ich nutze diese Möglichkeiten auch für mich. Wir Therapeuten haben genauso viel zu tun in Beziehungen wie jeder Mensch auch. Wir alle brauchen Mut zum Handeln und vor allem Gelassenheit in Bereichen, in denen wir nichts ändern können. Hier gilt es, „alle 5 auch mal gerade sein zu lassen“, weil es wichtiger ist, sich zu vertragen. Dann schaffe ich schöne Lebensmomente und kann das wunderbare Leben genießen.

Herr Kimyon, vielen Dank für das Gespräch!

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