Matthias Dittert: Der Haussegen hängt oft schon schief

Matthias Dittert ist systemischer und integraler Einzel- und Paartherapeut in der Praxis Beller & Dittert – Privatpraxis für Psychotherapie, Paartherapie, Coaching und Beratung in München. Mit ihm sprechen wir über eine gute Paartherapie, ehrliche Bestandsaufnahme sowie einfühlsame Aufarbeitung.

Matthias Dittert

Eine Paartherapie scheint für viele Paare auf den ersten Blick keine Option zu sein. Obwohl die Beziehung auf der Kippe steht, scheuen sich viele Partner, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Was umfasst eine Paartherapie und welche Themen werden in den Sitzungen meistens behandelt?

Matthias Dittert: Zunächst einmal verstehe ich, wenn ein Paar am Anfang etwas unsicher ist. Der Haussegen hängt ja schon schief, und da möchten die Klienten vorsichtig sein. Aus diesem Grund sind die Paare auch sehr erleichtert, wenn ich ihnen direkt in der ersten Sitzung erkläre, dass ich in den Terminen darauf achte, dass zu den schon bestehenden alten Verletzungen keine neuen hinzukommen. Vor diesem Hintergrund geben mir die Paare dann gerne die Erlaubnis, bei Bedarf sofort intervenieren zu können – so fühlen sich beide sicher und es fällt ihnen viel leichter, sich zu öffnen. Eine gute Paartherapie umfasst nach meinem Vorgehen vier Phasen: Eine ehrliche und achtsame Bestandsaufnahme, eine einfühlsame und gründliche Aufarbeitung und spürbare Verbesserung der problematischen Bereiche, eine Kreation von und Ausrichtung auf eine gemeinsame wünschenswerte Paarvision und eine ganz konkrete Umsetzungsbegleitung. Die Themen erarbeite ich mit den Paaren ganz individuell. Mir liegt es am Herzen, dass die Paare erleben, dass es wirklich um sie ganz persönlich geht. Egal, ob es dem Paar um Lösungen für wiederkehrende Streits, ein besseres Verstanden-werden, eine erfülltere Sexualität oder um andere Themen geht: wir bearbeiten alle Herzensanliegen mit genau der Gewichtung, die das Paar selber dem entsprechenden Lebensbereich zumisst.

Einige Menschen treten Paartherapeuten:innen am Anfang eher skeptisch gegenüber. Weil sie es nicht gewohnt sind, fällt es vielen Paaren zunächst schwer, mit einer fremden Person über ihre Beziehungsprobleme zu reden. Besonders wenn sich Partner nach der Sitzung wieder im Alltag befinden, neigen sie dazu, in alte Muster zu verfallen. Denken Sie, dass eine Paarberatung die Beziehung nachhaltig und positiv beeinflussen kann?

Matthias Dittert: Etwas anfängliche Skepsis finde ich ganz in Ordnung. Man merkt doch sehr schnell, ob die Chemie stimmt oder nicht. Und mit diesem Gefühl sollte man meiner Meinung nach gehen. Ich biete daher auch ein kurzes Kennenlernen (oder auch eine ganze Therapie) per Videositzung an. Wenn dann das Eis gebrochen ist, berichten mir viele Paare, dass sie in der Sitzung viel leichter und offener über ihre Beziehungsprobleme reden können, als alleine. Sie wissen den sicheren Rahmen, den wir aufgebaut haben, zu schätzen und nutzen ihn positiv. Der Übergang in den Alltag ist dann eine ganz entscheidende Phase, ich nenne das den Praxistest. In der Sitzung schauen wir uns aus beiden Perspektiven eine problematische Situation an, erarbeiten gemeinsam eine Vereinbarung, und dann kommt der Praxistest im Paaralltag. Bei der nächsten Sitzung reflektieren wir dann, was für das Paar schon gute Verbesserungen bringt und wo noch weitere Wünsche offen sind. Durch die vielen positiven Rückmeldungen meiner Klient:innen habe ich die Gewissheit, dass eine Paarberatung die Beziehung nachhaltig und positiv beeinflussen kann. Was mich wirklich immer wieder sehr berührt, ist, wenn ein Paar mir berichtet, dass ihre Kinder sagen, dass Mama und Papa wieder fröhlich und gut miteinander sind – und zwar ohne dass die Kinder von der Paartherapie wissen. Das sind die Momente, für die ich diesen Beruf einfach liebe.

Welche Probleme führen Ihrer Erkenntnis nach Paare meistens in eine Therapie?

Matthias Dittert: Der Wunsch wieder wertschätzend und konstruktiv miteinander reden zu können, der Wunsch nach tiefer Verbundenheit und guter Autonomie, der Wunsch verstanden zu werden und so angenommen zu werden, wie man ist, der Wunsch nach erfüllter und unkomplizierter Sexualität, der Wunsch so viel mehr zu sein als eine Zweck-WG, der Wunsch mit Gewissheit zu lieben und mit Gewissheit geliebt zu werden.

Muss man in einer Partnerschaft sein, um eine Paartherapie aufzusuchen oder kann man dies auch als Einzelperson tun, um eine Krisensituation zu entspannen?

Matthias Dittert: Meine erste Empfehlung ist, wenn es irgend geht, als Paar in die Therapie zu kommen. Wenn dies aus unterschiedlichen Gründen zunächst nicht gehen sollte, dann können wir natürlich auch im Einzelsetting viele positive Impulse erarbeiten – immer schön konkret und praxistauglich. Übrigens ist es auch für Langzeitsingles sehr Mut-machend und hilfreich, sich noch einmal ganz neu mit professioneller Unterstützung einfühlsam dem Thema Partnerschaft zu nähern.

Eine Therapiestunde kann bei einem seriösen Anbieter schon einiges kosten. In welchen Fällen kann die Krankenkasse einem Paar unter die Arme greifen?

Matthias Dittert: Krankenkassen bezahlen ausschließlich die Behandlung von Krankheiten und sind daher in diesem Kontext irrelevant. Die meisten Menschen sagen, dass die Erholungswirkung von einem Urlaub ein, bestenfalls zwei Wochen andauert. Wenn man das gleiche Geld in die Liebe investiert, dann wird etwas ganz Anderes möglich: die eigene Beziehung wieder Tag für Tag als Quelle von Rückhalt und Glück zu erleben.

Herr Dittert, vielen Dank für das Gespräch!

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