Uta Bammel: Viele Paare lernen sich durch Paartherapie erst wirklich kennen

Uta Bammel ist Inhaberin der Praxis Uta Bammel in Essen-Kettwig. Mit ihr sprechen wir über Vorurteile, Beziehungsprobleme sowie Wertschätzung.

Uta Bammel

Eine Paartherapie ist für viele Paare gar keine Option. Obwohl die Beziehung auf der Kippe steht, denken viele Partner, dass professionelle Hilfe nichts bringt. Was umfasst eine Paartherapie und welche Themen werden in den Sitzungen meistens behandelt?

Uta Bammel: Vorurteile überleben oft ganze Generationen und dazu gehört leider auch die immer noch häufig vertretene Vorstellung, für eine Beziehung sei es ohnehin zu spät, wenn man eine Paartherapie benötigt. Meine Erfahrung ist glücklicherweise eine ganz andere: Viele Paare lernen sich durch die Paartherapie erst wirklich kennen, lernen sich aufmerksam zuzuhören, aufeinander einzugehen und zu verstehen und erreichen dabei eine viel tiefere und erfüllendere Ebene in Ihrer Beziehung. Zunächst einmal geht es in der Paartherapie natürlich viel um Kommunikation. Die Paare erfahren, wie wichtig es ist, sich aufmerksam zuzuhören. Was heißt das? Ich erlebe in der Praxis häufig, dass Menschen meinen sie würden zuhören, in dem sie den anderen ausreden lassen und nicht dazwischen reden. Das ist ein erster guter Schritt, der aber bei weitem nicht ausreicht. Wir kennen alle emotional aufgeladene Situationen, in denen wir es mit Mühe schaffen, den anderen noch aus reden zu lassen, statt tatsächlich zuzuhören aber darüber nachdenken, was wir selbst als Nächstes sagen möchten. Und hier ist genau der kritische Punkt, wir meinen ohnehin zu wissen was unser Gegenüber sagen will, zu großen Teilen stimmt das auch, aber die 5-10 Prozent, die wir nicht kennen und nicht hören machen den Unterschied. Hier entstehen die Missverständnisse und die sich endlos wiederholenden Streitigkeiten und Konflikte. In Beziehungen (und das umfasst letztlich alle privaten und beruflichen Beziehungen) sollte es darum gehen, sich gegenseitig verstehen zu wollen, eine echte Bereitschaft zu haben auf den anderen einzugehen und eben nicht nur darüber zu diskutieren wer Recht hat oder Schuld ist. Vordergründig geht es hier um Kommunikationstechniken, viel entscheidender ist aber unsere innere Haltung. In der Paartherapie geht es darum, den anderen wieder wert zu schätzen, zu respektieren, liebevoll und achtsam miteinander umzugehen. Die Bergriffe Respekt, Wertschätzung und Achtsamkeit werden inzwischen inflationär gebraucht aber leider viel zu selten aufrichtig gelebt.

Das alles klingt jetzt vielleicht ein wenig nach dem erhobenen Zeigefinger, der ist es aber überhaupt nicht! Ganz im Gegenteil: Paartherapie sollte eine angenehme, vertrauensvolle Atmosphäre und einen geschützten Raum für beide Partner geben.

Die meisten Menschen treten Paartherapeuten:innen eher skeptisch gegenüber. Vielen Paaren fällt es schwer, mit einer fremden Person über ihre Beziehungsprobleme zu reden. Besonders wenn sich Partner nach der Sitzung wieder im Alltag befinden, neigen sie dazu, in alte Muster zu verfallen. Denken Sie, dass eine Paarberatung die Beziehung nachhaltig und positiv beeinflussen kann?

Uta Bammel: Selbstverständlich! Sonst hätte ich ja meinen Beruf verfehlt:-). Entscheidend sind zwei Dinge: zum einen die bereits erwähnte vertrauensvolle Atmosphäre, in der sich beide Partner:innen wohl und verstanden fühlen und zum anderen gemeinsam klar abgesprochene und verbindliche Regeln, wie das Paar zu Hause miteinander umgeht. Häufig ist es sehr hilfreich in kleinen Schritten vorzugehen, um eine Umsetzung im Alltag zu erleichtern und die von Ihnen angesprochene Nachhaltigkeit zu gewährleisten. Dies kann beispielsweise so aussehen, dass sich das Paar am Abend 1 Stunde Zeit nimmt, in der jeder 1/2 Stunde reden darf und der andere aufmerksam zuhört. Das funktioniert selbstverständlich nicht von Anfang an, muss es aber auch gar nicht, entscheidend ist die gegenseitige Bereitschaft und die regelmäßige Übung. Zu Beginn fühlt sich dies häufig ein wenig künstlich und steif an, kann aber mit der Zeit durchaus zum lieb gewonnenen Ritual werden. Paaren die sich sehr viel streiten und bei denen die Streit Situationen teilweise auch unschön eskalieren empfehle ich, zunächst einmal friedfertiger im Alltag miteinander umzugehen und alle kritischen Themen mit in die paartherapeutischen Sitzungen zu bringen. Hier lassen sich mit der entsprechenden Moderation die Konflikte leichter klären. Wichtig ist es auch herauszufinden, welche ursächlichen Themen hinter immer wiederkehrenden vermeintlich unnötigen Streitigkeiten stecken. Das Paar selbst ist hier meist so in seinem eigenen System gefangen, dass es einen neutralen Therapeuten beziehungsweise eine Therapeutin benötigt, die dies von außen erkennen, spiegeln und gemeinsam mit dem Paar klären kann. Natürlich gibt es auch Paare, die im Rahmen der Therapie erkennen, dass sie die Basis für eine Beziehung verloren haben oder eventuell nie wirklich hatten. In diesem Fall kann die Paartherapie dann auch durchaus in eine Trennungsberatung übergehen und dazu führen, dass sich das Paar freundschaftlich verbunden bleibt, statt sich in einem Rosenkrieg zu schaden. Auch haben beide Partner:innen viel über sich gelernt und wissen, worauf sie in zukünftigen Beziehungen achten möchten. Therapie, egal ob allein oder als Paar sollte immer als Persönlichkeitsentwicklung verstanden werden.

Welche Probleme führen Ihrer Erkenntnis nach Paare meistens in eine Therapie?

Uta Bammel: Häufig sind es immer weiter zunehmende Streitigkeiten, aus denen das Paar nicht allein herauskommt, beide sich aber nach wie vor so emotional verbunden fühlen, dass sie sich nicht trennen möchten, sondern mit externer professioneller

Hilfe die Harmonie, Leidenschaft und Nähe der ersten Jahre wieder herstellen möchten.

Auch ein Seitensprung führt häufig dazu, eine Paar Therapeut:in aufzusuchen, insbesondere wenn das Paar gemeinsame Kinder hat und die Beziehung nicht leichtfertig aufs Spiel setzen möchte. In diesem Punkt nehme ich eine sehr positive Entwicklung wahr. Früher war ein Seitensprung häufig das unerbittliche Ende einer Beziehung. Inzwischen gibt es viele Paare, die trotz aller Kränkungen und Verletzungen sehr offen und konstruktiv damit umgehen können. Den Seitensprung eher als Symptom denn als Ursache sehen und es schaffen ihre Beziehung so neu aufzustellen, dass sie deutlich glücklicher und in jeder Hinsicht befriedigender wird als früher. Hier geht es im Übrigen viel seltener um die reine Sexualität, als gemeinhin angenommen wird. Es ist viel mehr der Wunsch nach Aufmerksamkeit, Anerkennung und gesehen werden. Bedürfnisse, die den Betreffenden häufig gar nicht so bewusst sind und die sie dann bei einem anderen Menschen kurzfristig erfüllt sehen, statt sie in der Beziehung anzusprechen und zu verändern. Und hier geht es nicht darum eine/n Schuldige/ n zu suchen, sich zu rechtfertigen oder Absolution zu bekommen! Es geht um eine beiderseitige Analyse, was in der Beziehung fehlt und wie man es verändern kann und möchte, so dass beide wieder glücklich werden. Ich erlebe schon länger, dass die Generation der unter 40 bis unter 30-jährigen viel offener mit dem Thema Therapie umgeht. Hier kommen auch Paare zu mir, die bemerken, wie schwer Ihnen der Übergang vom ersten verliebt Sein zu einer festen Beziehung fällt. Diese Paare suchen ganz bewusst frühzeitig externe Unterstützung, um direkt gut zu starten und ihre Beziehung auf ein solides Fundament zu stellen. Eine Beziehung muss nicht erst krank sein, um therapiert zu werden. In der Medizin wird viel über Prävention gesprochen, wir sollten diesen Ansatz auch im therapeutischen Kontext verfolgen und die Potenziale sehen, große Probleme erst gar nicht entstehen zu lassen. In den USA gibt es schon seit längerem die so genannte präventive Paartherapie, im deutschsprachigen Raum werden inzwischen ebenfalls partnerschaftliche Lernprogramme wissenschaftlich evaluiert und eingesetzt.

Muss man in einer Partnerschaft sein, um eine Paartherapie aufzusuchen oder kann man dies auch als Einzelperson tun, um eine Krisensituation zu entspannen?

Uta Bammel: Sie sprechen hier zwei sehr wichtige Themen an: Auch wenn ich mich aktuell gar nicht in einer Partnerschaft befinde, kann mir eine Therapie in Hinblick auf beziehungsrelevante Themen sehr weiterhelfen. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn ich mich bereits häufiger in toxischen Beziehungen wieder gefunden habe und feststelle, dass mein Beuteschema mir nicht gut tut. Klient:innen haben so die Chance eigene Themen zu bearbeiten und nicht mehr unbewusst auf ihr Gegenüber projizieren zu müssen. Wir können uns nirgendwo so gut an eigenen Themen abarbeiten, wie in einer Beziehung, ohne dass uns dies überhaupt bewusst ist. Das zweite Thema ist die Frage der Krisensituation in einer bestehenden Partnerschaft. Besser ist es natürlich, wenn das Paar gemeinsam zur Paartherapie geht, die Verweigerung eines Partners kann unterschiedliche Gründe haben, ist aber sicherlich keine ideale Voraussetzung. Doch auch als Einzelperson kann ich kritische Situationen entschärfen, in dem ich mein Verhalten und meine Kommunikation verändere und dadurch automatisch alte ungünstige Paar- Interaktionen aufbreche. Manchmal wird auf diese Weise auch der Partner oder die Partnerin aufgeschlossener gegenüber einer Paartherapie.

Eine Therapiestunde kann bei einem seriösen Anbieter schon einiges kosten. In welchen Fällen kann die Krankenkasse einem Paar unter die Arme greifen?

Uta Bammel: Eine Paartherapie wird grundsätzlich nicht von der Krankenkasse übernommen und muss selbst bezahlt werden. Kostenlose oder preiswertere Beratungsangebote gibt es von karitativen sowie kirchlichen Anbietern. Auch ist hier manchmal der halb scherzhaft, halb ernst gemeinte Spruch „eine Paartherapie ist preiswerter als eine Scheidung“ zu hören. Sofern die finanzielle Situation es zulässt, ist eine Therapie sicherlich eine sehr lohnende Investitionen in ein erfüllteres und zufriedeneres Leben. Die so ausbleibenden Frustkäufe bieten immenses Sparpotenzial:-)

Frau Bammel, vielen Dank für das Gespräch!

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