Anne Stolle: Es empfiehlt sich, früher aktiv zu werden

Anne Stolle ist selbständiger Coach und Mentaltrainerin in ihrer Praxis in Krefeld. Mit ihr sprechen wir über Unzufriedenheit im Job, fehlende Anerkennung sowie Über- und Unterforderung.

Anne Stolle

Es gibt zahlreiche Gründe, warum Beschäftigte unzufrieden mit ihrem Job sind. Für viele ist aber eine berufliche Neuorientierung keine Option. Was sind die häufigsten Gründe, die zu einer Jobunzufriedenheit führen?

Anne Stolle: Tatsächlich höre ich einige Gründe immer wieder: fehlende Anerkennung, Über- oder Unterforderung, ein schlechtes Betriebsklima, Schwierigkeiten mit Vorgesetzten. Letztlich sind die Motive aber individuell. Genau wie die Frage, ob eine Neuorientierung die richtige Option ist. Viele haben da den ganzen großen Wechsel im Kopf: vom Banker zum Weinbauer oder als Erzieherin in die Informatik. Das kann für den ein oder anderen genau das Richtige sein. In der Praxis geht es aber meist darum, näherliegende Möglichkeiten auszuloten.

Woher weiß man, dass es Zeit ist den Job zu wechseln, um sich neuen Herausforderungen zu stellen?

Anne Stolle: Wenn ich beim Sonntagsfrühstück schon daran denke, wie furchtbar es ist, dass ich am Montag wieder zur Arbeit muss. Natürlich haben wir alle mal Tage, an denen wir lieber zu Hause bleiben würden. Aber wenn die Gedanken nur noch darum kreisen, dass der Job einfach keine Freude mehr macht, ist es fünf vor zwölf. Deshalb empfiehlt es sich, früher aktiv zu werden. Am besten, sobald ich das Gefühl habe, dass im Job irgendetwas nicht mehr stimmt. Wichtig ist es, genau zu hinterfragen, was mich eigentlich stört. Dann kann ich frühzeitig das Gespräch mit Vorgesetzten und Kollegen suchen. Und ich erlebe immer wieder, dass sich auf diese Weise manchmal Lösungen ergeben, an die man vorher gar nicht gedacht hat.

Viele Beschäftigte über 35 haben Hemmungen sich neu zu orientieren. Kann man im fortgeschrittenen Alter noch adäquat Karriere machen?

Anne Stolle: Jeder von uns hat jeden Tag die Chance, noch einmal neu anzufangen – das gilt auch für den Beruf. Zumal ich beobachte, dass der Arbeitsmarkt immer offener und flexibler wird. Es gibt heute viel mehr Quereinsteiger als noch vor einigen Jahren, weil immer neue Jobs entstehen und viele Arbeitgeber suchen. Letztlich kommt es aber auch darauf an, was ich unter Karriere verstehe. Das muss ja nicht immer der Vorstandsjob sein. Häufig geht es um einen Beruf, bei dem die Work-Life-Balance stimmt und mit dem ich trotzdem gutes Geld verdiene. Oder eine Tätigkeit, die mir sinnvoll erscheint. Manche meiner Klienten möchten auch einfach freier arbeiten und sich haupt- oder nebenberuflich selbstständig machen. Ich finde das großartig, dass es heute nicht mehr nur den Job fürs Leben gibt, sondern viele unterschiedliche Modelle und Möglichkeiten.

Ein Neuanfang ist immer schwer. Wie kann man mentale Hürden der Neuorientierung überwinden?

Anne Stolle: Da stimme ich Ihnen zu, etwas Neues zu beginnen, kann eine große Herausforderung sein. Und die Erfahrung zeigt: Einen anderen Job zu finden, ist meist gar nicht so schwierig. Aus negativen Denkmustern auszubrechen dagegen schon. „Ich bin zu alt“, „Ich kann das nicht“, „Das ist zu unsicher“, solche Gedanken haben viele Menschen, und das kann unglaublich viel Energie und Potenzial blockieren – wie schade! Deshalb ist mir wichtig, solche Widerstände nicht einfach abzutun. Stattdessen hilft es, sich bewusst zu machen, warum man daran festhält und zu schauen, wie viel das eigentlich mit der aktuellen Situation zu tun hat. Gleichzeitig ist es wichtig, sich die eigenen Stärken und Fähigkeiten bewusst zu machen. Ich bin immer ganz begeistert, wenn ich sehe, was da alles zutage tritt! Viele, auch sehr berufserfahrene Menschen wissen gar nicht, was sie alles können.

Was muss man also tun, damit eine berufliche Neuorientierung gelingt?

Anne Stolle: Zunächst mal: Gnadenlos ehrlich zu sich selbst sein. Die eigenen Motive hinterfragen. Nur wenn ich genau weiß, woher die Unzufriedenheit kommt, kann ich mir eine Alternative überlegen. Und dann: Überlegen, was ich möchte, welche Werte ich habe, was mir wichtig ist und wohin es gehen soll in zwei, fünf oder zehn Jahren. Wie der Job aussehen muss, den ich auch in Zukunft noch gern mache. Was ich dafür mitbringe, was mir vielleicht noch fehlt. Auf welche Weise ich mir die entsprechenden Fähigkeiten aneignen kann. Wie ich in Kontakt mit Menschen komme, die den Beruf bereits ausüben. Anders formuliert, damit die Neuorientierung gelingt, brauche ich einen Plan. Und zwar einen, der Schritt für Schritt zum Ziel führt. Genau dabei begleite ich meine Klienten.

Was raten Sie Beschäftigten, die mit dem Gedanken spielen, den Beruf zu wechseln?

Anne Stolle: Ins Tun zu kommen! Sich Hilfe suchen, allein ist es manchmal schwierig, andere Perspektiven und Sichtweisen einzunehmen. Nichts ist so frustrierend, wie immer wieder darüber nachzudenken, wie unzufrieden ich mit meinem Job bin. Schließlich verbringen die meisten von uns täglich viele Stunden im Beruf. Wobei „ins Tun kommen“ auf keinen Fall heißen soll, gleich die Kündigung zu schreiben. Wie schon gesagt, ein Wechsel will durchdacht sein. Der Job muss zu mir passen, ich muss davon leben können und langfristig Freude daran haben. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen: Ein Beruf, der Spaß macht, fühlt sich häufig gar nicht nach Arbeit an.

Frau Stolle, vielen Dank für das Gespräch!

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