Christian Dorian Bollhof: Was ist mir eine Beziehung emotional wert?

Christian Dorian Bollhof ist Inhaber von inTreatment.me. Mit ihm sprechen wir über Paartherapie, struktureller Ablauf sowie Ängste und Erwartungen.

Eine Paartherapie ist für viele Paare gar keine Option. Obwohl die Beziehung auf der Kippe steht, denken viele Partner, dass professionelle Hilfe nichts bringt. Was umfasst eine Paartherapie und welche Themen werden in den Sitzungen meistens behandelt?

Christian Dorian Bollhof

Christian Dorian Bollhof: 1.1 Paartherapie fokussiert im Gegensatz zu Einzeltherapie in der Regel auf die sozialen, kommunikativen und interaktionellen, also zwischenmenschlichen Abläufe in der Beziehung und fällt mit 6-12 Sitzungen auch deutlich kürzer aus.

Der strukturelle Ablauf ist dabei in meiner Praxis der gleiche, wie in der Einzel- und Familientherapie und folgt einem klassischen dreiphasigem Ablauf von Diagnose, Intervention und Evaluation.

Dabei findet zunächst ein kostenloses und zumeist telefonisches Vorgespräch statt, in denen die Paare ihre Probleme und Ziele kurz vorstellen und ich ein Feedback und eine erste Einschätzung gebe.

Danach stehen ab der ersten Sitzung neben der Problemschilderung auch eine wissenschaftlich fundierte Anamnese ihrer individuellen Persönlichkeiten, paarbezogenen Bedürfnisse und der Konfliktthemen aus der aktuellen wie der eigenen Ursprungsfamilie an.

Nach der Auswertung und dem Feedback geht es in die Interventionsphase, in denen Lösungen mit dem Paar gemeinsam konstruiert und umgesetzt werden.

Den Abschluss bildet die Ergebnisbeschau, die Evaluation, in der auf die „Highlights“ und erarbeiteten Erfolge geblickt und Notfallstrategien erarbeitet werden.

1.2 Die meisten hetero- wie homosexuellen Paare kommen zumeist mit Problemen im kommunikativen Bereich. Häufig berichten sie dabei von Verhaltensmustern, in denen Meinungsverschiedenheiten habituell schnell ausufern und am Ende das Problem nicht gelöst aber das Vertrauen in die Stabilität und Zufriedenheit in die Beziehung geschädigt wurden.

Ein weiteres häufiges Thema sind Seitensprünge, nach denen die meisten Beziehungen kurz vor dem Aus stehen, da hierzulande Affären durch den anerkannten sexuellen Exklusivitätsanspruch sozial geächtet sind.

An dritter Stelle rangieren in meiner Praxis Probleme mit den Kindern, die sich dann auf die eheliche Dyade auswirken und mitunter kurzfristig Familientherapie – die ich ebenfalls anbiete – indizieren. Nachdem die familialen Prozesse und Bedürfnisse ausgelotet und die eheliche Allianz wieder gefestigt wurde kann dann in den Paartherapiebereich übergegangen und können die dortigen Problembereiche isoliert und gelöst werden.

Die meisten Menschen treten Paartherapeuten:innen eher skeptisch gegenüber. Vielen Paaren fällt es schwer, mit einer fremden Person über ihre Beziehungsprobleme zu reden. Besonders wenn sich Partner nach der Sitzung wieder im Alltag befinden, neigen sie dazu, in alte Muster zu verfallen. Denken Sie, dass eine Paarberatung die Beziehung nachhaltig und positiv beeinflussen kann?

Christian Dorian Bollhof: Aus meiner Erfahrung, und die vorliegenden empirischen Studien belegen dies, ist Paartherapie genauso wirksam, wie Einzel- und Familientherapie und Bedenken sich zu öffnen, vergehen wie bei einem ersten Artzbesuch auch, in der Regel schon beim 1. Gespräch.

In der Praxis zeigt sich dann auch, dass rund 75 % der Paare, die zu mir kommen, schon während des Therapieprozesses wesentlich mehr Verständnis füreinander und mehr Kompetenz in Fragen der Streitkultur entwickeln. Und egal, wie sehr zu anfangs noch eine Trennung im Raume stand, kommen ¾ aller Partner einander emotional wieder nahe und ist ein Beziehungsende bei ihnen dauerhaft vom Tisch.

Welche Probleme führen Ihrer Erkenntnis nach Paare meistens in eine Therapie?

Christian Dorian Bollhof: Wie erwähnt, sind die üblichen Verdächtigen Kommunikationsschwierigkeiten / eine mangelnde Streitkultur, Seitenbeziehungen, Erziehungsprobeme und schließlich als Erscheinungsform gerade länger andauernder Beziehungen und Paare mittleren Erwachsenenalters sogenannte „Erosionserscheinungen“; also eine Art der Paar- und Partnermüdigkeit.

Muss man in einer Partnerschaft sein, um eine Paartherapie aufzusuchen oder kann man dies auch als Einzelperson tun, um eine Krisensituation zu entspannen?

Christian Dorian Bollhof: Tatsächlich entwickeln sich selbst in den allermeisten Einzeltherapien Phasen, in denen über ehemalige Paarbeziehungen gesprochen wird oder in denen neue Partner und die damit verbundenen Ängste und Erwartungen thematisiert werden.

Abgesehen davon, ist gerade die systemische Paartherapie instrumentell darauf ausgerichtet auch Paartherapie im Einzelsetting anzubieten. Da werden dann sowohl angespannte aktuelle wie ehemalige Paardynamiken kognitiv und emotional angegangen und Konflikte und Verletzungen aufgearbeitet. Das gibt dann Gelegenheit, auch im Einzelsetting alte Problemmuster nicht bei dem neuen Partner zu wiederholen.

Eine Therapiestunde kann bei einem seriösen Anbieter schon einiges kosten. In welchen Fällen kann die Krankenkasse einem Paar unter die Arme greifen?

Christian Dorian Bollhof: Die Übernahme der Kosten für eine Paartherapie stellt bislang keine Leistung von gesetzlichen oder privaten Krankenkassen dar. Jedoch bietet unter anderem die Caritas kostenlos Unterstützung für Paare an, die in minder schweren Fällen schon eine gute Hilfe sein können.

Ansonsten ist es einfach eine Frage, was mir diese Beziehung emotional wert ist, welche Kosten eine Trennung nach sich ziehen kann und ob sich da der professionelle Blick eines Experten nicht in jedem Fall lohnen kann; auch in Hinblick auf alte Schwierigkeiten mit künftigen neuen Beziehungspartnern.

Herr Bollhof, vielen Dank für das Gespräch!

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