Christian Schober: Es fehlen immer mehr LKW-Fahrer

Christian Schober ist Inhaber von Schober Beratung für Logistik in Germering. Mit ihm sprechen wir über Bedeutung der LKW-Transporte, deutsche Wirtschaft sowie Aufgabe der Logistikwirtschaft.

Christian Schober

Der Transport von Gütern auf Straße, Luft, Schiene und zu Wasser ist überlebensnotwendig für Deutschland. Doch wie wichtig ist eigentlich der LKW-Transport für die deutsche Wirtschaft und welche Güter werden vorrangig auf der Straße transportiert?

Christian Schober: Der LKW-Transport ist von herausragender und unverzichtbarer Bedeutung für die deutsche Wirtschaft und die gesamte Gesellschaft. Denn selbst wenn Transporte per See- oder Binnenschiff, auf der Schiene per Bahn oder mit Flugzeugen durchgeführt werden: die letzte Strecke übernimmt immer der LKW. Die Güter müssen ja tatsächlich vom Flughafen, vom Hafen einer Wasserstraße oder eines Schiffshafens oder vom Güterbahnhof oder einem Güterumschlagsterminal abgeholt und bis zum Endempfänger gebracht werden. Diese „letzte Meile“ können nur LKW. Lediglich wenige Unternehmen, die über Gleisanschlüsse verfügen, können Güter erhalten, ohne dass ein LKW die Anlieferung übernimmt. Die Frage ist also nur, welchen Anteil an der Transportstrecke der LKW übernimmt: entweder die komplette Strecke, weil der Transport durchgängig auf der Straße durchgeführt wird oder eine Teilstrecke, weil der Transport auf der Straße im Anschluss an einen anderen Verkehrsträger (Schiff, Flugzeug, Bahn) erfolgt.

Insofern transportieren LKW fast ALLES, entweder die ganze Strecke oder auf einer Teilstrecke. Nur in Fällen, in welchen sowohl der Absender als auch der Empfänger über einen Gleisanschluss verfügen, kann auf den LKW verzichtet und mit der Bahn transportiert werden.

In Großbritannien mangelt es seit dem Brexit an LKW-Fahrern. Könnte dieses Phänomen auch in Deutschland drohen?

Christian Schober: In dieser Form – meiner Meinung nach – nicht. Der Mangel entstand offenbar durch eine Kombination arbeitsrechtlicher Problemstellungen hinsichtlich des Austritts gepaart mit wirtschaftspolitischen Fehleinschätzungen. Die deutsche Logistikwirtschaft ist und bleibt – vor Allem durch die Grundfreiheiten des europäischen Binnenmarktes – handlungsfähig und hat außerdem eine gewisse Resilienz entwickelt.

Können Sie uns Gründe nennen, warum es an Fachkräften in diesem Bereich mangelt bzw. wie viele Fahrer fehlen derzeit in der Logistikbranche?

Christian Schober: Je nach Quelle und Zählweise sind es sicherlich mehrere Zehntausend Fahrer, die heute schon fehlen. Die wichtigere Nachricht in diesem Zusammenhang ist jedoch die Prognose, die ebenfalls negativ ist. Jedes Jahr werden nach heutigem Wissen immer noch mehr Fahrer fehlen. Die Tätigkeit als Fahrer ist nicht nur vergleichsweise schlecht bezahlt, sie ist auch immer anstrengender geworden und wird stark überwacht. Haben vor Jahrzehnten die „Kapitäne der Landstraße“ noch mit dem Gefühl der Freiheit Europa durchquert, ist heute der Termindruck enorm und die Transparenz so hoch, dass Auftraggeber sogar erkennen könnten, ob – bspw. – der Fahrer gerade für eine Toilettenpause stehen geblieben ist, oder nicht. Die Technik im Fahrzeug, die heute auch für die Transportplanung notwendig ist, macht es möglich. Zudem lasten auf Fahrern ganze Bündel von Verantwortlichkeiten für unterschiedliche rechtliche Problemstellungen: von den Arbeitszeiten bis zur Straßenverkehrsordnung, von der Verantwortung für die Technik des LKW bis hin zum Gefahrguttransport und der Verantwortung für die Ladungssicherung. Und dies ist noch lange nicht Alles. Man darf auch nicht vergessen, dass LKW-Fahren außerdem oft nicht nur „Leben außerhalb von Zuhause“ sondern auch Arbeiten gleichermaßen tagsüber und/oder nachts bedeutet. Dies alles macht den Beruf weniger attraktiv, er passt oft nicht in moderne Lebensplanungen. Der Nachwuchs, der jahrzehntelange auch im Rahmen der Wehrpflicht der Bundeswehr im LKW-Fahren ausgebildet wurde, fehlt dem Arbeitsmarkt außerdem.

Im Übrigen kommt es auch deshalb zu einem Fahrermangel, weil die Nachfrage ebenso steigt, wie das Angebot rückläufig ist. Eine Schere öffnet sich. Die zu transportierenden Mengen steigen weiterhin Jahr für Jahr, im Privatbereich sieht man das beim Online-Handel: Auch hier benötigt jedes zusätzliche Auslieferfahrzeug wieder… einen Fahrer!

Der Mangel an Fachkräften zieht einige Konsequenzen mit sich. Welche Probleme ergeben sich aus dem Fahrermangel in Deutschland?

Christian Schober: Das möchte ich mir nicht anmaßen hervorzusehen. Probleme könnten sein, dass immer mehr Transporte durch ausländische Transporteure abgewickelt werden und somit die heimische Logistikwirtschaft ihren Entwicklungsmöglichkeiten beraubt wird. Möglich ist auch eine Verteuerung der Logistik, dadurch letztlich aber auch eine Verteuerung von Produkten. Da jedoch europäische Mitbewerber in der Logistik ihre Dienstleistungen (noch) nicht verteuern müssen, weil dort andere Kostenstrukturen herrschen, wären durch Kostensteigerungen getriebene Preiserhöhungen für die hiesige Logistikwirtschaft ggf. ein Bärendienst. Es ist schwer zu sagen, ob sich eine Akzeptanz für höhere Kosten durchsetzen wird. Beobachtet man den Online-Handel stellt man fest, dass die Kunden eher weniger als mehr für Versand, Verpackung und Retoure bezahlen möchten. Auf die sog. Verladende Wirtschaft (Industrie und Handel) können Probleme zukommen, ausreichend LKW für den Transport ihrer Güter zu finden. Dies wird die Logistikkosten erhöhen, aber auch die Notwendigkeit erfordern, die Nähe zu ausländischen Anbietern (die zu deutschen Logistikunternehmen im Wettbewerb stehen) zu suchen um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können. Logistikkapazitäten werden zu entscheidenden Assets für Unternehmen.

In Summe könnte also eine mögliche Konsequenz sein, dass sich die Logistik verteuert, einerseits zu Lasten der hiesigen Logistikwirtschaft und Industrie und Handel und andererseits zu Lasten des Endverbrauchers.

Gegen den Fachkräftemangel sollte möglichst schnell etwas getan werden. Was für Anstrengungen nehmen Logistikunternehmen auf sich, um dem Fahrermangel entgegenzuwirken?

Christian Schober: Hier gibt es kein Allheilmittel, mehr Unternehmen werden um weniger Fahrer konkurrieren. Die Logistikwirtschaft investiert seit geraumer Zeit verstärkt in die Ausbildung von Fahrern, wer das noch nicht tut, sollte hier schnellstens aktiv werden. Gute Bezahlung, wertschätzender Umgang mit dem Berufsstand und dessen Herausforderungen und Arbeitszeiten, die ein Familienleben ermöglichen sind außerdem wichtige Maßnahmen um den Beruf (wieder) interessanter zu machen. Aber auch diese positiven Entwicklungen kommen nur einer immer kleiner werdenden Anzahl von potentiellen Fahrern zu Gute. Und auch die bessere Bezahlung hat ihre Grenzen, denn dazu müssten die Kunden der Logistikunternehmen wiederrum bereit sein, Preiserhöhungen mitzutragen. Für das Problem Fahrermangel gibt es also weder pauschale noch einfache Lösungen. Jeder betroffene Arbeitgeber muss einen eigenen Weg finden, die Lücke zu schließen. Ob und wie das gelingt hängt auch von der Region ab, von der Art der Fahrzeuge, die gefahren werden müssen, von den zeitlichen Vorgaben und den Serviceanforderungen der Kunden, aber auch von der Rendite einzelner Geschäfte.

Herr Schober, vielen Dank für das Gespräch!

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