Holger Niemann: Der LKW-Verkehr ist für die deutsche Wirtschaft unersetzlich

Holger Niemann ist Leiter der Logistikberatung bei der Städtler Logistik GmbH & Co KG in Nürnberg. Mit ihm sprechen wir über Transport von Gütern, Wichtigkeit für die deutsche Wirtschaft sowie Fachkräftemangel.

Der Transport von Gütern auf Straße, Luft, Schiene und zu Wasser ist überlebensnotwendig für Deutschland. Doch wie wichtig ist eigentlich der LKW-Transport für die deutsche Wirtschaft und welche Güter werden vorrangig auf der Straße transportiert?

Holger Niemann: Auch wenn es nach außen unpopulär klingt, so ist der LKW-Verkehr für die deutsche Wirtschaft unersetzlich und lebensnotwendig. Der LKW ist ein Transportmittel, das letztlich fast immer zum Einsatz kommen muss. Kaum ein Transport mittels Luft, See -oder Schiene kommt ohne einen Vor- und Nachlauf, das heißt Transporten von und zu Häfen, Flughäfen und Umschlagbahnhöfen, mit dem LKW aus. Hinzu kommt, dass der LKW ein hohes Maß an Flexibilität leistet, die in der heutigen Wirtschaft unabdingbar ist. Lieferungen innerhalb von 24h Deutschlandweit oder 48h europaweit sind ohne LKW nicht machbar. Allein die Abfertigung von Ladeeinheiten an Umschlagbahnhöfen bis zum Abrollen verschlingt annähernd so viel Zeit wie die Fahrt des LKWs von München nach Hamburg.

Die Wirtschaft hat sich durch Just-in-time und auch Just-in Sequence Strategien hier auch in eine Abhängigkeit zum LKW begeben. Ein Ausfall des LKWs als Transportmittel würde deshalb ganze Wirtschaftszweige zunächst zum Erliegen bringen vom Einzelhandel an dieser Stelle mal ganz abgesehen. Hier merkt der Verbraucher es direkt, wenn der Lkw-Verkehr nicht mehr geleistet werden kann und wie in Großbritannien deshalb Regale leer bleiben müssen. LKWs dienen heute auch als sogenannte rollende Läger, die Lagerflächen beim empfangenden Unternehmen vermeiden. Das heißt, durch alleinige Lagerung beim Lieferanten wird eine weitere Lagerung und damit „Flächenfrass“ beim Abnehmer vermieden. Es setzt jedoch voraus, dass der LKW flexibel die Wünsche des Abnehmers bedienen kann. Mit der Bahn sind derartige Konzepte nur im großen Stil durch Bewegung von Ganzzügen oder zumindest Teilzügen machbar. Ohne LKW-Verkehr würden Industrie und Handel ihre Produktionsstätten auch nur noch in gut erschlossenen Zentren ansiedeln können, was letztlich auch zu einer weiteren Landflucht führen würde, da ja sich insbesondere auch die Bahn schon lange aus der Fläche zurückgezogen hat. Apropos Bahn. Man muss sich gerade beim Wunsch, den LKW-Verkehr zu begrenzen, auch vor Augen führen, dass die Kapazitäten der Deutschen Bahn weitestgehend ausgeschöpft sind. Hierzu müsste das Schienennetz um spezielle Güterverkehrsstraßen ausgebaut werden, um auch nur einen Bruchteil der Lkw-Transporte übernehmen zu können.

In Großbritannien mangelt es seit dem Brexit an LKW-Fahrern. Könnte dieses Phänomen auch in Deutschland drohen?

Holger Niemann: Die Situation in Großbritannien zeigt uns sehr gut auf, was bei uns in vielleicht nicht ganz so starker Ausprägung, aber mit Sicherheit in den nächsten Jahren auf uns zukommt. Nicht ganz so stark deshalb, weil Deutschland sich aus einem wesentlich größeren Fahrermarkt bedienen kann, als es Großbritannien aufgrund ihrer eher restriktiven Arbeitserlaubnispolitik kann. Dennoch ist auch in Deutschland und Europa bereits der Fahrermangel deutlich zu spüren. So können beispielsweise in Hochzeiten bestimmte Güter nicht wie erforderlich zugestellt werden. Nehmen wir als Beispiel die Getränkeindustrie. Im Sommer bei Hitze kommt es hier innerhalb weniger Tage zu sehr hohen Auftragszahlen, die dann aufgrund zu weniger Fahrer nicht bedient werden können. Problem ist hierbei nicht das Fahrzeug, welches durchaus auf dem Markt vorhanden ist, sondern vielmehr der Fahrer, der das Fahrzeug lenken soll.

Können Sie uns Gründe nennen, warum es an Fachkräften in diesem Bereich mangelt bzw. wie viele Fahrer fehlen derzeit in der Logistikbranche?

Holger Niemann: Aktuell spricht man von ca. 60.000-100.000 Fahrern, die fehlen. Dies wird sich aber in nächster Zeit noch deutlich erhöhen, so dass wir in wenigen Jahren wahrscheinlich von 200.000 Fahrern sprechen werden. Jedes Jahr entsteht dabei eine Lücke von ca. 15.000-20.000 Fahrern. Diese entsteht durch eine relativ hohe Zahl jener, die in Rente gehen und eine niedrige Zahl, die neu auf den Markt kommt. Die Gründe sind vielschichtig. Der Beruf des LKW-Fahrers ist über viele Jahre immer unattraktiver geworden. Immer schlechter werdende Bezahlung, tagelange Touren durch Europa, zunehmender Verkehr mit vielen Staus und Probleme bei der Suche nach Übernachtungsmöglichkeiten, scharfe Kontrollen und nicht zuletzt ein hoher Druck, der ausgeübt wird, um Termine zu schaffen. Vom „King of the road“ ist nicht mehr viel übrig geblieben. Tagelange Fahrten werden heute auch gerne getauscht gegen Tagesfahrten, bei denen man dann sicher zuhause schlafen kann. Hinzu kommt, dass der größte Ausbildungsbetrieb von Fahrern mit dem Wegfall der Wehrpflicht entfallen ist. In Zeiten der Wehrpflicht wurden dem Fahrermarkt immer wieder Fahrer zugeführt. Sei es von Wehrpflichtigen, die bei der Bundeswehr Ihren LKW-Führerschein gemacht haben und dann direkt nach der Bundeswehr ohne weitere Ausbildung in einen damals noch relativ lukrativen Geldverdienst einsteigen konnten. Oder Wehrpflichtige mit Führerschein, die ihr späteres Studium mit LKW-Fahrten in den Semesterferien verdient haben.

Der Mangel an Fachkräften zieht einige Konsequenzen mit sich. Welche Probleme ergeben sich aus dem Fahrermangel in Deutschland?

Holger Niemann: Wie bereits oben angedeutet, wird der Mangel an Fachkräften zu erheblichen Auswirkungen führen, was die Lieferfähigkeit der Unternehmen betrifft. Das bedeutet im schlimmsten Falle auch leere Regale bei uns. Möglicherweise können auch Unternehmen, die verstärkt auf das schnelle e-Business und das B2C Geschäft setzen, ihre Lieferversprechen nicht mehr einhalten. Mittelfristig wird es zu einer deutlichen Verteuerung der Transporte kommen. Dies ist zunächst durch die Fahrerknappheit begründet, die Unternehmen mit genügend Fahrpersonal zur Verfügung haben und diese Lieferfähigkeit preislich ausnutzen können. Langfristig wird eine weitere Verteuerung der Logistik einsetzen, da die Attraktivität des Fahrerberufs wieder erhöht werden muss. Dies funktioniert am besten durch eine Erhöhung der Bezüge und evtl. der Nebenkostenersatz der Fahrer. Hierzu gehört zum Beispiel die Übernahme von Übernachtungen in Motels bzw. Übernahme von warmen Mahlzeiten etc. Die Gesamtkosten der Transporte werden sich entsprechend erhöhen. Gemeinsam mit der Erhöhung der Kraftstoffkosten führt dies zu einer Verteuerung der Transporte um mindestens 17-20%. Dies wird auch auf die Preise durchschlagen, so dass wahrscheinlich einige Prozent wiederum beim Verbraucher bzw. beim Abnehmer hängen bleiben werden.

Gegen den Fachkräftemangel sollte möglichst schnell etwas getan werden. Was für Anstrengungen nehmen Logistikunternehmen auf sich, um dem Fahrermangel entgegenzuwirken?

Holger Niemann: Kurzfristige Engpässe versucht man inzwischen mit Fahrern aus Rumänien und Bulgarien auszugleichen, da die Fahrermärkte in Polen und Tschechien ebenfalls leergefegt sind. Inzwischen versuchen Unternehmen mit Fuhrpark wieder vermehrt, eigene Fahrer auszubilden. Hierzu werden auch Personen, die gerne Berufskraftfahrer werden wollen, in diesen Ländern angeworben und dann in Deutschland bei den jeweiligen Unternehmen ausgebildet.

Herr Niemann, vielen Dank für das Gespräch!