Judith Knoche: Toleranzgrenze ist dann überschritten

Judith Knoche ist selbständiger Coach in Bochum. Mit ihr sprechen wir über schlechtes Arbeitsklima, mangelhaften Teamzusammenhalt sowie langfristige Überforderung im Job.

Judith Knoche

Es gibt zahlreiche Gründe, warum Beschäftigte unzufrieden mit ihrem Job sind. Für viele ist aber eine berufliche Neuorientierung keine Option. Was sind die häufigsten Gründe, die zu einer Jobunzufriedenheit führen?

Judith Knoche: Die Top-Five sind aus meiner Erfahrung heraus:

– ein schlechtes Arbeitsklima in Verbindung mit mangelhaftem Teamzusammenhalt,

– Vorgesetzte, die die Kompetenzen des Mitarbeiters nicht erkennen,

– langfristige Überforderung im Job, z.B. durch ständigen Zeitdruck und hohe Arbeitsbelastung,

– dauerhafte Unterforderung oder Desinteresse am Aufgabenbereich,

– mangelnde Einbindung des Teams in (Veränderungs-)Prozesse, z.B. bei Strukturveränderungen.

Woher weiß man, dass es Zeit ist den Job zu wechseln, um sich neuen Herausforderungen zu stellen?

Judith Knoche: Das ist sehr individuell. Die Grenzen dafür sind bei jedem anders. Bei vielen gibt es irgendwann den Punkt „Ich kann so nicht mehr weitermachen…“. Die Toleranzgrenze, Dinge auszuhalten, die einen stören, ist dann überschritten. Häufig kommen dazu auch gesundheitliche Beschwerden wie Erschöpfung, Sodbrennen oder ähnliches, was im Zusammenhang mit der täglichen Unzufriedenheit bzw. dem Stress im Job gesehen wird.

Das gefühlte Dilemma ist oft, dass nicht alles am jetzigen Job schlecht ist. Vielleicht hat man flexible Arbeitszeiten und ein nettes Team. Aber die Aufgaben öden einen an. Der neue Job ist „unbekanntes Land“. Man sieht erst einmal nur, was auf der Verpackung draufsteht.

Viele Beschäftigte über 35 haben Hemmungen sich neu zu orientieren. Kann man im fortgeschrittenen Alter noch adäquat Karriere machen?

Judith Knoche: Ja, definitiv! Man braucht Mut, aber es ist nie zu spät neu anzufangen. Die Herausforderung ist, sich auf das Neue und Unbekannte einzulassen. Beim bisherigen Job weiß man bei aller Unzufriedenheit, was man hat. Das fühlt sich sicherer an als eine Veränderung.

Der Vorteil ist, mit Mitte 30 oder Mitte 40 kennt man sich selbst besser und damit auch, welcher Job zu einem passt und was man braucht, um sich wohlzufühlen und langfristig gute Leistungen erbringen zu können.

Das ist mit Mitte 20 oft noch unklarer. Zudem hat man wertvolle Berufserfahrung gesammelt.

Ein Neuanfang ist immer schwer. Wie kann man mentale Hürden der Neuorientierung überwinden?

Judith Knoche: Ja, Neuanfänge brauchen Mut und Kraft. Es kann helfen hier bedacht im eigenen Tempo Ideen und Alternativen zu entwickeln. Und dies nicht gleich damit zu verbinden, dass man sofort kündigen muss.

Gleichzeitig ist es wichtig, seine eigenen Kompetenzen, Fähigkeiten und Eigenschaften zu sehen, die einen ausmachen. Viele, die in einer beruflichen Neuorientierungsphase zu mir kommen, erkennen diese erst einmal nicht.

Es hilft auch an eine Situation in seinem Leben zu denken, in der man eine Veränderung gewagt hat, auf die man stolz ist. Oft wartet auf einen hinter der Veränderung ein Gefühl von Freiheit, Selbstbestimmtheit und Unabhängigkeit, was einen tief zufrieden macht. Auch wenn die Veränderung ein Sprung ins kalte oder kühlere Wasser war. Wie der Philosoph Marc Aurel bereits gesagt hat, der Mensch bereut nie, was er getan, sondern immer, was er nicht getan hat. Ich glaube, da ist etwas Wahres dran.

Was muss man also tun, damit eine berufliche Neuorientierung gelingt?

Judith Knoche: Erkennen, welche beruflichen Rahmenbedingungen man bräuchte. Sprich, arbeite ich lieber in einem kleinen oder großen Team, wie wichtig sind mir flache Hierarchien und partizipative Führung, möchte ich einen Teilzeit- oder Vollzeitjob, wünsche ich mir flexible Arbeitszeiten? …

Die Chance nutzen, zu hinterfragen in welchem beruflichen Bereich man tätig sein möchte. Was einen nachhaltig interessiert und auch Durststrecken bewältigen lässt.

Sich für die Neuorientierung Zeit lassen, ohne dass das Thema versandet.

Mit Menschen darüber sprechen, die einen ermutigen und an einen glauben. Das kann ein Freund, Nachbar oder ein Coach sein.

Was raten Sie Beschäftigten, die mit dem Gedanken spielen, den Beruf zu wechseln?

Judith Knoche: Es macht Sinn, sich selbst für 3 Monate intensiver mit dem Thema zu beschäftigen, zu reflektieren und in den Dialog zu gehen. Am besten ein Notizbuch anschaffen und Gedanken, Ideen, Sorgen, Sehnsüchte sowie erste Schritte zu dem Thema reinschreiben.

Beispielsweise was einen am jetzigen Job stört (inhaltlich, zwischenmenschlich, organisatorisch) und wie der Wunscharbeitsplatz aussehen könnte. Sich fragen, wofür man sich interessiert, welche Tätigkeiten man wirklich gerne und mit einer gewissen Leichtigkeit macht. Auch die Frage „Was würdest du tun, wenn du noch 5 Jahre zu leben hättest“, kann helfen auf Themen zu kommen, die einem wirklich wichtig im Leben sind. Wenn man „feststeckt“, kann zusätzlich ein professionelles Coaching unterstützen.

Frau Knoche, vielen Dank für das Gespräch!

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