Petra Passoth: Manchmal sind es auch persönliche Veränderungen

Petra Passoth ist Inhaberin von freischwimmen – systemisches Business Coaching, Training & Consulting in Berlin. Mit ihr sprechen wir über mangelnde Wertschätzung, schlechtes Arbeitsklima sowie berufliche Neuorientierung.

Petra Passoth

Es gibt zahlreiche Gründe, warum Beschäftigte unzufrieden mit ihrem Job sind. Für viele ist aber eine berufliche Neuorientierung keine Option. Was sind die häufigsten Gründe, die zu einer Jobunzufriedenheit führen?

Petra Passoth: Unzufriedenheit im Job wird am häufigsten durch mangelnde Wertschätzung der / des Vorgesetzen hervorgerufen. Damit zusammen hängt ein schlechtes Arbeitsklima, das viele zu einem Wechsel veranlasst. Ebenso machen sich viele Beschäftigte Gedanken zu Veränderungen, wenn sie keine Entwicklungsmöglichkeiten sehen und Monotonie den Arbeitsalltag beherrscht. Manchmal sind es auch persönliche Veränderungen, wie z. B. Familiengründung, die sich im Job nicht spiegeln lassen. Dann kommt es nicht selten zu Wertekonflikten – Beschäftigte möchten beispielsweise pünktlich Feierabend machen, es werden aber Überstunden erwartet. Dann erscheint ein anderer Job mit geregelten Arbeitszeiten attraktiver.

Woher weiß man, dass es Zeit ist den Job zu wechseln, um sich neuen Herausforderungen zu stellen?

Petra Passoth: Das lässt sich nicht pauschal sagen, da viele individuelle Faktoren in dieser Entscheidung eine Rolle spielen. Bei Unzufriedenheit ist es ratsam, zunächst zu reflektieren, was genau die Frustration auslöst. Hier kann auch die Hilfe eines externen Coaches helfen. Besteht darüber Klarheit, kann das interne Gespräch gesucht werden. Im Idealfall werden dann die eigenen Ressourcen im selben Unternehmen besser eingesetzt. Verändert sich aber nach mehreren Gesprächen nichts und die Unzufriedenheit steigt weiter, sollte ein Wechsel in Betracht gezogen werden. Wenn es über mehrere Monate schwerfällt, morgens aufzustehen, ist definitiv Zeit, in eine neue Richtung aufzubrechen. Wird der Wechsel aufgrund von Konflikten erwogen, ist es wichtig, zu warten, bis sich die Emotionen wieder im Normalbereich eingependelt haben, bevor schwerwiegende Entscheidungen getroffen werden.

Viele Beschäftigte über 35 haben Hemmungen sich neu zu orientieren. Kann man im fortgeschrittenen Alter noch adäquat Karriere machen?

Petra Passoth: Auf jeden Fall! Mit 35 Jahren liegt ja noch mehr als die Hälfte des beruflichen Lebens vor der / dem Beschäftigten. Diese Zeitachse zu visualisieren ist immer hilfreich. Mit steigender Berufserfahrung kann sich auch die Definition von „Karriere“ ändern. War zu Beginn vielleicht der Aufstieg oder mehr Geld das Ziel, wird die Sinnhaftigkeit der Tätigkeit bei älteren Beschäftigten immer wichtiger. Da wir inzwischen schon mitten im „War of Talents“ sind, ist in vielen Branchen ein Wechsel inzwischen in fast jedem Alter möglich.

Ein Neuanfang ist immer schwer. Wie kann man mentale Hürden der Neuorientierung überwinden?

Petra Passoth: Wieso ist ein Neuanfang immer schwer? Wer sagt das? Es kann hilfreich sein, die eigene Einstellung bzw. Glaubenssätze zu diesem Thema zu überprüfen. Gibt es vielleicht in der Vergangenheit Beispiele von einem guten und einfachen Neustart? Diese positiven Erinnerungen können Lust auf einen neuen Anfang machen. Und Beschäftigten können sich vor dem ersten Tag überlegen, worauf sie sich freuen. Das können die neuen Kollegen sein, oder gute technische Ausstattung und ein schöner Arbeitsplatz. Ein Neuanfang ist immer eine Chance und eine Abwechslung, der ich mit Neugierde, Offenheit und Freude begegnen kann.

Was muss man also tun, damit eine berufliche Neuorientierung gelingt?

Petra Passoth: Genau hinschauen bei der Auswahl des Unternehmens oder des Betriebs. Passen die Werte zu meinen Werten? Kann ich hinter den Produkten bzw. Leistungen stehen, die das Unternehmen verkauft? Und ganz wichtig: Kann ich meine Fähigkeiten und Kompetenzen in der neuen Position voll einbringen. Ist dies nicht der Fall, wird auch der schönste Jobtitel nicht glücklich machen. Hat man sich entschieden und startet in den ersten Tag im neuen Job, sollte man nicht erwarten, dass es von Tag eins an alles perfekt klappt. Die erste Zeit in einer neuen Position ist Lernzeit. Es dauert, bis man die Abläufe und Inhalte kennt und es dauert auch, bis man die Namen der Kolleg*innen weiß. In dieser Zeit hilft es, sich gedanklich selbst auf die Schulter zu klopfen und die kleinen und großen Fortschritte zu feiern.

Was raten Sie Beschäftigten, die mit dem Gedanken spielen, den Beruf zu wechseln?

Petra Passoth: Ich rate zu einem systematischen Vorgehen, wenn ein Wechselwunsch besteht. Zunächst sollte der / die Beschäftigte herausfinden, was mit dem Wechsel wirklich verändert werden soll. Was löst die Unzufriedenheit aus? Dann sollte geklärt werden, welches Ziel besteht und auch wofür das Herz schlägt. Hier kann ein Coach helfen und den Prozess begleiten. Ist das Ziel klar, kann es losgehen auf der Suche nach einem neuen Aufgabenfeld.

Frau Passoth, vielen Dank für das Gespräch!

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