Yvonne Günther: Menschen verändern sich

Yvonne Günther ist selbständiger Coach und Beraterin in Bonn. Mit ihr sprechen wir über Veränderungen bestimmter Lebensphasen, Umbruchssituationen sowie Konflikte im Team.

Yvonne Günther

Es gibt zahlreiche Gründe, warum Beschäftigte unzufrieden mit ihrem Job sind. Für viele ist aber eine berufliche Neuorientierung keine Option. Was sind die häufigsten Gründe, die zu einer Jobunzufriedenheit führen?

Yvonne Günther: Menschen verändern sich und dann kann es sein, dass auch der Job nicht mehr passt. Der bisherige Job passte zu einer bestimmten Lebensphase zur neuen Lebensphase nicht mehr. Dies beobachte ich oft bei Frauen in Umbruchsituationen, wenn z.B. die Kinder größer sind oder auch der Beziehungsstatus sich geändert hat. Oft wird dann das komplette Leben betrachtet und die Unzufriedenheit kommt in den Blick und ein Wunsch nach Veränderung entsteht. Zum Beispiel der Wunsch nach mehr Verantwortung, einer völlig neuen Aufgabe oder auch schlichtweg nach mehr Geld. Manchmal machen Konflikte im Team, Schwierigkeiten mit der Leitung oder Führungsdefizite das Arbeiten unerträglich. Ob Mobbing oder Bossing, auch wenn der eigentliche Job viel Spaß macht, kostet das Arbeiten unter solchen Bedingungen zu viel Kraft und Energie – und schadet dem Selbstbewusstsein, da gerade Frauen in solchen Situationen oft beginnen sich erst einmal in Frage zu stellen. Andere kommen in die Beratung, weil sie merken, dass ihr berufliches Tun für sie inzwischen wenig sinnhaft ist. Dabei geht es zum einen darum, einen Beitrag für einen übergeordneten, größeren Zweck zu leisten, z.B. für das Gemeinwohl dienlich zu sein, aber auch um die eigene, persönliche Sinnhaftigkeit des Tuns. Insbesondere in den letzten 10 Jahren beobachte ich, dass der Wunsch nach Sinnhaftigkeit gewachsen ist. Meistens betrifft dies das nicht nur den Beruf, oft wird das ganze Leben auf den Prüfstand gestellt und neu ausgerichtet, große und kleine Veränderungen werden angestoßen. Andere kommen in die Beratung, weil ihnen nach der Lebensmitte die Endlichkeit ihres Lebens bewusster wird und damit bisher Ungelebtes wichtig wird. Wenn nicht jetzt wann dann? Dann möchten ignorierte und bisher brach liegende Talente gelebt, ausgelebt werden. Andere hatten in bestimmten Lebensphasen ihren Fokus auf bestimmte Werte, wie z.B. Sicherheit, Karriere und Erfolg. Im Laufe des Lebens ändern sich Menschen und oft auch deren Werte. Manche merken, z.B. dass ihnen mehr Zeit für sich wichtiger wird als die Fortsetzung der Karriere und einen weiteren Aufstieg. Der Wunsch den eigenen Prioritäten mehr Raum zu geben wird größer als ausschließlich für den Beruf zu leben. Die Bereitschaft wächst das Leben reduzierter und fokussierter zu leben. Den eigenen Wichtigkeiten mehr zu folgen und darin mehr Lebenssinn und -freude zu finden. Dann passt z.B. ein Teilzeit-Job in Non-Profit-Bereich besser als ein zeitlich ausufernder Fulltime-Job in einem gewinnorientierten Konzern.  

Woher weiß man, dass es Zeit ist den Job zu wechseln, um sich neuen Herausforderungen zu stellen?

Yvonne Günther: Wenn die Unzufriedenheit dauerhaft anhält, wird es Zeit eine Veränderung konkret anzugehen. Meistens hat die Unzufriedenheit auch einige „Nebenwirkungen“ die deutlich machen, dass es so nicht mehr weiter gehen kann: Energielosigkeit, häufiges Grübeln, schlechter Schlaf und andere gesundheitliche Beschwerden, ein Gefühl von wenig Lebensfreude usw. Dann ist es überfällig eine Veränderung anzugehen.

Viele Beschäftigte über 35 haben Hemmungen sich neu zu orientieren. Kann man im fortgeschrittenen Alter noch adäquat Karriere machen?

Yvonne Günther: Nach meiner Erfahrung ist es kein Thema auch mit 35 oder 40+ noch Karriere zu machen, im Gegenteil. Mit mehr Berufs- und Lebenserfahrung bringe ich Fähigkeiten und dazu eine Reife und gewachsene Persönlichkeit mit, die für einen neuen Job und neue Arbeitgeber*innen sehr interessant sind. Dazu kommt, dass auf unserem Arbeitsmarkt der Fachkräftemangel mehr und mehr sichtbar wird und einige Arbeitgeber bereits Schwierigkeiten haben gute Arbeitskräfte zu finden.

Ein Neuanfang ist immer schwer. Wie kann man mentale Hürden der Neuorientierung überwinden?

Yvonne Günther: Am besten baut man zu Beginn keine Hürden auf, dann müssen sie später weder abgebaut noch überwunden werden. Wenn ich weiß, was mich ausmacht, was ich will und was ich nicht will habe ich eine gute Grundlage für eine Neuorientierung – bin ich mir meiner selbst bewusst. Dann kann ich fokussiert nach den für mich passenden Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt Ausschau halten und mich selbstbewusst präsentieren. Auch hilft es sich Unterstützung zu holen. Zu mir kommen Klienten in die Beratung, die sich z.B. länger nicht beworben haben oder heikle Stellen im Lebenslauf haben, um daraus keine Hürde werden zu lassen.

Was muss man also tun, damit eine berufliche Neuorientierung gelingt?

Yvonne Günther: Zum einen geht es darum, dass ich mich intensiv mit meinem Profil beschäftige, meine bisherigen Erfahrungen reflektiere und darüber herausfinde, wo meine Fähigkeiten, Stärken und Schwächen sind. Dann weiß ich, worin ich gut bin, was ich will und nicht will. Um sich dann gezielt zu bewerben, nicht auf „irgendwelche Jobs“, für die ich einigermaßen passe, sondern eine Passung von meiner Seite genauso gegeben ist. Mich dann klar und selbstbewusst im ausgewählten Job zu präsentieren steigert die Chancen den präferierten Job zu bekommen.

Was raten Sie Beschäftigten, die mit dem Gedanken spielen, den Beruf zu wechseln?

Yvonne Günther: Meine Empfehlung ist sich zuerst damit zu beschäftigen, woher diese Gedanken rühren. Gibt es etwas, was mir fehlt? Missfällt mir etwas? Wenn ich dies reflektiert habe, kann ich im nächsten Schritt heraus finden, wo genau ich etwas ändern möchte bzw. sich etwas ändern sollte und wie dies gelingen kann. Wenn der aktuelle Job ansonsten gut passt, rege ich im ersten Schritt an, eine Veränderung vor Ort auszuchecken. Ein Gespräch mit dem Chef zu führen oder im anstehenden Mitarbeitergespräch deutlich zu formulieren, was ich mir wünsche, am besten direkt mit konkreten Vorschlägen. Wenn sich dann nach einer selbst gesetzten Frist nichts tut, dann ist es an der Zeit, außerhalb des bisherigen Unternehmens nach neuen Möglichkeiten Ausschau zu halten.

Frau Günther, vielen Dank für das Gespräch!

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