Prof. Dr. Thomas Ratajczak: Ein erneuter Lockdown ist keine Option

Prof. Dr. Thomas Ratajczak ist Rechtsanwalt in der Kanzlei RATAJCZAK & Partner mbB. Mit ihm sprechen wir über hohe Infektionszahlen, Freedom Day sowie mögliches Ende der epidemischen Lage.

Großbritannien hat mit dem „Freedom Day“ einen „Quasi-Feiertag“ ins Leben gerufen, um das Ende der Corona-Auflagen einzuleiten. Wie beurteilen Sie diese Vorgehensweise?

Prof. Dr. Thomas Ratajczak

Prof. Dr. Thomas Ratajczak: Das war eine politische Aktion, um einen Show-Effekt zu erzeugen. Das Coronavirus wird dadurch nicht ausgebremst, wie die seit Wochen anhaltend hohen Infektionszahlen in England zeigen. Im Gegenteil ist zu befürchten, dass mit dem „Freedom Day“ die aktuelle Entwicklung in Großbritannien „angeheizt“ wurde. Denn unzweifelhaft senden solche Aktionstage ein Signal aus: alles ist vorbei. Das ist es mitnichten.

Ist ein ähnliches Szenario vielleicht auch in Deutschland denkbar, denn Jens Spahn hat von einem Ende der epidemischen Lage Ende November gesprochen?

Prof. Dr. Thomas Ratajczak: Denkbar schon, aber ich hoffe nicht, dass es kommt. Die Äußerungen zum Thema Ende der epidemischen Lage sind zwiespältig. Wenn damit gemeint ist, dass die auf das Infektionsschutzgesetz gegründeten Sonderrechte beendet werden und Exekutive und Legislative wieder normal ihre Arbeit verrichten, kann das Ende der epidemischen Lage nicht rasch genug festgestellt werden. Wenn es nur um einen Weihnachtseffekt geht wie vor einem Jahr, dann besser nicht.

Premierminister Johnson argumentierte, dass ein harter Herbst und Winter vor der Tür steht. Bedeutet der „Freedom Day“ und die komplette Lockerung der Restriktionen deshalb nicht „Öl ins Feuer“ zu gießen und ist eine neue Infektionswelle quasi vorprogrammiert?

Prof. Dr. Thomas Ratajczak: Der Ausdruck „Öl ins Feuer gießen“ ist leider vermutlich berechtigt, um die Entwicklung nach dem „Freedom Day“ zu beschreiben. Andererseits muss man realistisch bleiben. Herdenschutz gegen das Coronavirus kann nur auf zwei Wegen erreicht werden: per Impfung und per sog. Durchseuchung. Die aktuellen Zahlen für Großbritannien bedeuten, dass etwa jeder Siebte zu den Coronainfizierten gehört. Da die Impfrate bei 1,5 Impfdosen pro Einwohner liegt und damit deutlich höher als bei uns ist, sollte zu erwarten sein, dass die Addition von Geimpften und Genesenen sich als Herdenschutz demnächst in den Fallzahlen bemerkbar machen wird.

Dennoch wird sich keine Entwarnung einstellen wie nach den Pestzügen. Derzeit läuft die vierte Welle. Es wird im Zweifel künftig jährlich COVID-19-Wellen unterschiedlicher Intensität geben, wie wir sie auch bei der Influenza erleben.

Statt eines Lockdowns gibt es nun die „Selbstisolation“, sobald Kontakt zu einer infizierten Person bestätigt wurde. Der britische Premierminister vertraut dabei auf die Eigenverantwortung der Bürgerinnen und Bürger. Ist ein ähnliches Konzept für den kommenden Winter auch in Deutschland möglich, um somit einen Lockdown zu umgehen und die Wirtschaft aufrechtzuerhalten?

Prof. Dr. Thomas Ratajczak: Die Entwicklung der letzten 1 ½ Jahre hat gezeigt, dass ein erneuter Lockdown keine Option mehr ist. Das wird von den meisten Politikern zurecht so gesehen. Die Auswirkungen sind zu verheerend (Kinder, schulische Leistungen, Psyche, Kulturbetrieb, Gastronomie, etc.), der Nutzen zu gering. Also wird man schwerpunktmäßig auf Eigenverantwortung und Vernunft setzen, aber in bestimmten Bereichen auch auf Zwang. Es ist m.E. ein Gebot der Vernunft, dass im Gesundheitswesen und im gesamten Pflegebereich nur Geimpfte arbeiten dürfen, und zwar sowohl aus Gründen des Eigenschutzes als auch aus Gründen des Fremdschutzes. Die zur Verfügung stehenden Impfstoffe wirken alle nicht zu 100 %. Impfdurchbrüche sind damit zwangsläufig. Wenn sie in Einrichtungen des Gesundheitswesens und im Pflegebereich geschehen, ist die Situation angesichts der Vulnerabilität der Patienten / Betreuten eine durch die Impfung stark reduzierbare Zusatzgefährdung für eine Bevölkerungsgruppe, die sich selbst nicht mehr schützen kann.

Gerade in UK dominiert die neue Corona-Variante „Delta“ das Infektionsgeschehen. Insbesondere unter jungen Menschen stecken sich viele an. Doch gerade die waren es, die den „Freedom Day“ in den Nachtclubs Londons eingeläutet haben. Wie sinnvoll ist der „Freedom Day“ also Ihrer Meinung nach gewesen?

Prof. Dr. Thomas Ratajczak: Delta ist auch die dominierende Variante in Deutschland. Und das Infektionsgeschehen in Deutschland wird auch vor allem von „jungen Leuten“ dominiert, seit Wochen mit einem Peak bei den 10 – 14-Jährigen, nicht gerade die Nachtclubbesucher. Ich denke, das muss man in Kauf nehmen. Die Studenten haben jetzt drei Semester mit überwiegend Online-Vorlesungen hinter sich. Dabei besteht ein Studium nicht nur aus Vorlesungen. Die Sozialisationseffekte sind nicht minder wichtig. Die gibt es jetzt wieder – und das ist gut so.

Johnsons Vorgehensweise wird vielerorts als chaotisch und ineffektiv kritisiert. Wie beurteilen Sie sein Corona-Management insgesamt?

Prof. Dr. Thomas Ratajczak: Für eine abschließende Bewertung der Effizienz von Corona-Management-Maßnahmen ist es m.E. viel zu früh. Das gilt auch für Großbritannien. Womit soll man denn vergleichen? Mit Deutschland? Mit Österreich, der Schweiz oder Schweden? Immerhin liegen diese drei Länder bei den Mortalitätsdaten (wie viele Infizierte sterben an oder mit COVID-19) deutlich besser als Deutschland. Das gilt auch für Großbritannien. Betrachtet man dagegen die absoluten Zahlen (an oder mit COVID-19 Verstorbene im Verhältnis zur Einwohnerzahl), so sehen die deutschen Daten besser aus.

Ohne dass man den nachhaltigen Impact der Corona-Maßnahmen auf die Volkswirtschaft kennt, wird sich eine vergleichende Bewertung nicht ernsthaft begründen lassen. Das wird noch Jahre dauern.

Herr Prof. Dr. Ratajczak, vielen Dank für das Gespräch!

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