Sven Kirrmann: Auch Wasserstoff wird sicher eine wichtige Rolle spielen

Sven Kirrmann ist Referent PR und politische Kommunikation bei der NATURSTROM AG. Mit ihm sprechen wir über eine mögliche Energiewende, Windenergie sowie Stromerzeugung.  

Sven Kirrmann

Wind, Sonne und andere erneuerbare Energien haben 2020 rund 43% des deutschen Energiebedarfs gedeckt. Müssen wir um die Energiewende fürchten oder sie gar vertagen?

Sven Kirrmann: Zunächst einmal ist dazu zu sagen, dass die 43 Prozent nur den Stromsektor meinen, dass allerdings die Entwicklung der Erneuerbaren Energien dort bisher noch fast jede Prognose und auf jeden Fall alle gesetzlichen Ziele der Vergangenheit deutlich übertroffen hat. Insofern bin ich guter Dinge, dass wir hier auch künftig eine weitere sehr positive Entwicklung schaffen können und den vielen Ökostrom dann auch verstärkt für die bisher schleppende Wärme- und Verkehrswende einsetzen können – wenn denn die politischen Rahmenbedingungen stimmen. Denn Sie haben recht, in den letzten paar Jahren ging gerade der Ausbau der Windenergie viel zu langsam, und auch beim Solarstrom bleiben trotz einer dynamischen Entwicklung viel zu viele Potenziale ungenutzt. Die Energiewende zu vertagen können wir uns aber gar nicht mehr leisten, wenn wir die deutschen und damit auch europäischen und weltweiten Klimaziele noch erreichen wollen. Schließlich sind wir eine völkerrechtliche Verpflichtung eingegangen, die Erderwärmung auf unter 2 Grad zu begrenzen und haben in Deutschland verbindlich festgelegt – nicht zuletzt dank des historischen Beschlusses des Bundesverfassungsgerichts und damit auch praktisch mit Verfassungsrang – bis 2045 Klimaneutralität zu erreichen.

Berechnungen des Zentrums für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW) zeigen, dass die Windenergie flächenübergreifend um rund 20% eingebüßt hat. Liegt es an der Natur, Politik oder fehlender Technik?

Sven Kirrmann: Die 20 Prozent beziehen sich ja zunächst nur auf das erste Halbjahr 2021 und auch nur auf den Vergleich mit dem Vorjahreszeitraum, wo wir überdurchschnittlich viel Wind hatten. Das ist also zunächst ein natürliches Phänomen, dass bei den stärker wetterabhängigen Erzeugungstechnologien Wind und Sonne immer mal wieder auftreten wird. Allerdings gleichen sich beide Technologien oft auch gut aus, wir hatten dieses Halbjahr etwa eine Rekordeinspeisung von Solarstrom. An der technischen Innovation fehlt es sicherlich nicht, Windenergieanlagen sind sehr zuverlässige Maschinen, die zudem immer günstigen und effizienten Strom erzeugen. Deutlich wird aber: Wenn wir mit unseren Klima- und Energiezielen Ernst machen wollen, muss sich der Ausbau deutlich beschleunigen. Dieser wird bisher vor allem durch bürokratische Hürden, die lange Planungs- und Genehmigungsverfahren nach sich ziehen, verlangsamt. Ein großer Faktor außerdem: Es gibt zu wenig ausgewiesene Flächen. Die 10H-Regelung in Bayern und auch die gerade erst verabschiedete Abstandsregel in NRW sind hier zusätzlich und erheblich limitierende Faktoren. Auch verzögern viele Klagen die Inbetriebnahme neuer Anlagen.

Die Politik hat die höheren Klimaziele beschlossen, aber können sie überhaupt erreicht werden, angesichts rückläufiger Ausbauzahlen beim Wind?

Sven Kirrmann: Wenn die Wind-Ausbauzahlen auf dem Niveau der letzten zwei Jahre bleiben, können wir die Klimaziele vergessen, das muss man so klar sagen. Allerdings ist das aktuelle niedrige Niveau eine Auswirkung politischer Maßnahmen, insofern könnten wir durch eine konsequentere Klimapolitik durchaus auch wieder auf den richtigen Pfad kommen. Schließlich haben wir in früheren Jahren durchaus schon die Ausbauwerte erreicht, die wir jetzt dauerhaft für das Erreichen der Klimaziele bräuchten. Eine leichte Erholung ist immerhin schon zu erkennen, auch wenn die längst nicht ausreicht. Und für eine umfassende Emissionsreduzierung muss es nicht nur im Stromsektor vorangehen, sondern auch in der Wärme und beim Verkehr nachgebessert werden.

Was muss bei der Stromerzeugung geschehen, um das höhere CO2-Einsparziel zu erreichen?

Sven Kirrmann: Wir müssen einfach nur den Ausbau von Wind- und Solarenergie wieder beschleunigen. Wie schon erwähnt, die jährlich nötigen Zubaumengen haben wir in der Vergangenheit durchaus schon erreicht, das muss nun verstetigt werden. Natürlich gibt es in der Praxis da einige Hürden, aber wenn ein politischer Wille da ist, kann man das in den Griff bekommen. Ganz kurz ein paar wichtige Punkte, neben generell höheren Ausschreibungsmengen: Für die Windenergie brauchen wir Flächen, hier müssen sich Bund und Länder bzw. Länder und Kommunen koordinieren. Es braucht straffere Genehmigungs- und Gerichtsverfahren sowie klare Standards beim Artenschutz. Und nicht zuletzt bedarf es besserer Unterstützung für Bürgerenergie-Projekte. Im Solarbereich könnte eine Solarpflicht genauso helfen wie einfachere Eigenverbrauchsmöglichkeiten, weniger Bürokratie beim Mieterstrom und eine bessere Integration von Speichern ins Energiesystem. Insgesamt braucht es für erfolgreichen Klimaschutz aber vor allem wieder mehr Entfaltungsmöglichkeiten für die Menschen und Unternehmen, die die Energiewende konkret umsetzen und die längst mit den Hufen scharren, um bei der Einhaltung unserer Einsparziele mitzuhelfen.

Was sind die Trends bei erneuerbaren Energien? Wohin geht die Zukunft?

Sven Kirrmann: Sonnen- und Windenergie sind die großen Potenzialträger für eine saubere Stromversorgung, da wird sich also gar nicht viel zu heute ändern – auch wenn bspw. mit schwimmenden Offshore-Anlagen und Solarparks auf Seen und über landwirtschaftlich genutzten Feldern neue Anwendungsarten dazu kommen. Künftig wird es aber auch stärker darum gehen müssen, diese fluktuierenden Energieträger in die Mitte unserer Energieversorgung zu stellen und erstens flexibel auf die Einspeisung zu reagieren und zweitens die gewonnenen Ökostrommengen auch für Wärme und Verkehr einzusetzen. Sektorenkopplung und Energiespeichertechnologien werden uns in Zukunft daher sehr viel beschäftigen. Beispielsweise können wir mit Wärmepumpen und Elektroautos nicht nur weite Teile unseres bisherigen fossilen Energiebedarfs im Wärme- und Verkehrsbereich durch dann sehr sauber produzierten Strom ersetzen, gleichzeitig können diese Technologien sich an die Erneuerbaren-Einspeisung anpassen und so das System in Balance halten. Auch Wasserstoff wird sicher eine wichtige Rolle spielen, diesen sehen wir allerdings vor allem in Großstrukturen bei Industrie oder in Backup-Kraftwerken. Neben den technologischen Innovationen gibt es aber auch marktlich einige Weiterentwicklungen. Schon heute rechnen sich erste Erneuerbaren-Anlagen ganz ohne Förderung, finanzieren sich also allein über so genannte Power Purchase Agreements, also Stromlieferverträge oder kurz PPAs. Darunter fallen beispielsweise alte Windenergieanlagen, die wir bei NATURSTROM nach Ablauf ihres Förderzeitraums zu Marktpreisen unter Vertrag nehmen, aber auch ganz neue Solarparks, die komplett ohne EEG-Prämien gebaut werden. Schon heute kaufen wir unseren Strom teilweise von solchen Solaranlagen und NATURSTROM hat auch bereits ein eigenes solches Projekt im Portfolio sowie weitere in Planung. 

Herr Kirrmann, vielen Dank für das Gespräch!

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