Überbestände lagen vor Corona-Krise bei 224,5 Milliarden Euro – Prof. Dr. Götz-Andreas Kemmner

Prof. Dr. Götz-Andreas Kemmner ist Geschäftsführer der Unternehmensberatung Abels & Kemmner. Im Interview spricht er über Probleme der Just-In-Time-Produktion und Ineffizienzen in Logistikprozessen.

Prof. Dr. Götz-Andreas Kemmner

Die Corona-Krise hat die Schwächen des Just-In-Time-Managements mit langen Lieferketten gezeigt. Welche Auswirkungen hatte der Lockdown auf Ihr Unternehmen bzw. Ihre Kunden?

Prof. Dr. Götz-Andreas Kemmner: Da wir als Berater tätig sind, sind für Ihre Recherchen die Auswirkungen der Corona-Krise für unsere Kunden, Produktions- und Handelsunternehmen im größeren Mittelstand, sicherlich interessanter. Bei den meisten Unternehmen gibt es kein Just-in-time-Management bei langen Lieferketten, aber natürlich versuchen alle Unternehmen, mehr oder weniger erfolgreich, Ihre Bestände so gering zu halten. In langen Lieferketten befinden sich dabei zwangsläufig mehr Bestände als in kurzen. Bei vielen unserer Kunden kam es daher zu dem Effekt, dass der Lock-down in Italien größere Auswirkungen hatte als der Lock-down in China. Vieles konnte hier über die Puffer in der Supply Chain abgefangen werden. Nachdem China wieder lieferfähig war, konnte zu erhöhten Kosten die Nachbevorratung beschleunigt werden, durch Luftfracht und Bahntransport (Trans-Eurasia-Express). Die Bestandspuffer in der Supply Chain nach Italien waren deutlich geringer und liefen bei vielen unserer Kunden schnell trocken. Allerdings haben sich viele italienische Lieferanten wiederum als sehr geschickt erwiesen, ihre Produktion trotz Lock-down aufrecht zu erhalten.

Welche kurzfristigen Maßnahmen im Supply-Chain-Management haben Sie aufgrund der Corona-Krise umgesetzt?

Prof. Dr. Götz-Andreas Kemmner: Viele Kunden haben sich bemüht, Ersatzlieferanten in China und in Europa aufzutreiben und dort möglichst auch noch Mehrmengen zu bestellen, in der Furcht, dass die Beschaffungswege noch stärker und längerfristig gekappt werden könnten. Der Erfolg war eher mäßig, denn die Lieferanten, die liefern durften, waren so nachgefragt, dass sie schnell auch nicht mehr lieferfähig waren. Allerdings hat sich der Beschaffungsengpass dann relativ schnell aufgelöst, während nun in manchen Branchen die Kundennachfrage einbrach. Wer in der Beschaffung erfolgreich war, sah sich nun gezwungen, die Mengenströme in der Zulieferung möglichst wieder abzubremsen und zu verzögern. Es war ein Fahren auf Sicht, denn niemand hatte eine Idee, wie sich die Zukunft entwickeln würde.

Werden Unternehmen in Zukunft auf höhere Lagerkapazitäten und kürzere Lieferketten setzen?

Prof. Dr. Götz-Andreas Kemmner: Eine Befragung, die wir bei 250 Experten aus Supply Chain Management, Einkauf und Produktion durchgeführt haben, deutet darauf hin. 80% der Befragten erwarteten eine Rückbesinnung auf Lieferanten aus Europa und bei der Frage nach der Veränderung der regionalen Beschaffungsmengen erwarteten 2/3 deutliche Mengenerhöhungen in Europa und eine Verringerung der Nachfrage in den weltweiten Beschaffungsmärkten. Höhere Sicherheitsbestände erwarteten knapp 2/3 der Befragten, vor allem bei für die Unternehmen wichtigen Artikeln.

Ich persönlich sehe diese Bewertung allerdings eher der akuten Schocksituation im Mai, zum Befragungszeitraum, geschuldet und erwarte mittelfristig keine drastischen Veränderungen. Die internationale Arbeitsteilung lässt sich so einfach nicht mehr zurückdrehen. Ganze Produktionscluster haben sich nach Asien verlagert, werden dort bleiben und die entsprechenden Teile und Produkte müssen dort beschafft werden. Hinzu kommt, dass die Überbestände in der deutschen Industrie noch immer beträchtlich hoch sind.

Das von bestimmten Branchen, vor allem der Automobilindustrie, gefärbte Bild einer schlanken „just-in-time-Lieferkette“ trifft auf die Masse der Unternehmen gar nicht zu.  Aus regelmäßigen Bestandsanalysen und Hochrechnungen schätzen wir regelmäßig die Überbestände in Produktion und Handel gegenüber einer ausreichenden Lagerversorgung ohne JIT-Konzepte in Deutschland ab. Diese Überbestände lagen vor der Corona-Krise bei 224,5 Milliarden Euro! Davon dürfte allerdings die Hälfte aus „Nichtdrehern“ bestehen, also Artikel, die aus technischen, rechtlichen oder sonstigen Gründen nicht mehr verkauft werden können. Nach meiner Auffassung liegt hier mehr wirtschaftliche und ökologische Verschwendung als in den Just-in-time-Prozessen.

Wird in Zukunft ein stärkerer Fokus auf nationale bzw. europäische Lieferanten gesetzt werden?

Prof. Dr. Götz-Andreas Kemmner: Bei Produkten, die noch in Deutschland oder Europa beschafft werden können, rechne ich mit einem leichten „Trend nach Hause“. Dieser dürfte allerdings stärker durch die Handelsstreitigkeiten und den Brexit geprägt sein als durch die Corona-Krise. So erwarteten beispielsweise die Experten in unserer Befragung den größten Bedeutungsverlust nach dem Beschaffungsmarkt China für den Beschaffungsmarkt Großbritannien. 

Wie stark ist der internationale Handel betroffen und werden die Auswirkungen auch langfristig bestehen bleiben?

Prof. Dr. Götz-Andreas Kemmner: Wie bereits erläutert, erwarte ich von der Corona-Krise kaum langfristige wirtschaftlich relevante Veränderungen für den internationalen Handel. Die Globalisierung war nicht durch Corona abgebremst und wohl auch leicht zurückgedreht werden, sondern durch die Handelsstreitigkeiten zwischen USA, China und der EU. Diese dürften auch unter eine politisch veränderten US-Administration weitergehen; evtl. verbindlicher im Ton, aber kaum weniger entschieden in der Sache.

Wie kann die Politik unterstützen, um Lieferketten auch in Krisenzeiten aufrechtzuerhalten?

Prof. Dr. Götz-Andreas Kemmner: Direkt operativ eingreifen kann die Politik nur bei strategischen Interventionsbeständen, wie wir Sie bei Erdgas und Kraftstoffen und zukünftig evtl. auch bei Schutzausrüstung und Masken haben werden. Darüber hinaus kann sie nur am kontinuierlichen Abbau von Handelsbeschränkungen arbeiten, denn ohne internationale Arbeitsteilung könnten wir unseren Lebensstandard nicht halten. Das gilt für kein Land nach China entschiedener als für den Exportweltmeister Deutschland.

Auch in den dunkelsten Tagen der Pandemiewelle sind die Ländergrenzen für Warentransporte weitgehend offen geblieben; mehr kann die Politik auf die Sicherung von Lieferketten nicht tun und das hat sie gut gemacht.  Auch wenn in kritischen Zeiten gerne nach Hilfe durch die Politik gerufen wird, liegt der Rest in der Eigenverantwortung und dem Risikomanagement der Unternehmen. Goethe brachte es auf den Punkt: nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss.

Herr Prof. Kemmner, vielen Dank für das Gespräch.

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