„Geldanlage ist immer noch etwas sehr Persönliches“

Wir sprechen mit Frau Renate Fritz, Geschäftsführerin und Mitinhaberin der frau & geld Helma Sick Finanzdienstleistungen für Frauen GmbH & Co. KG über Finanzberatung, nicht nur für Frauen.

Nutzen Sie computergestützte Systeme bei der Verwaltung von Vermögen?

Renate Fritz: Wir lassen uns in unseren Entscheidungen gern von Software unterstützen. Die Entscheidung abnehmen lassen wir uns nicht.

Wie stehen Sie zu dem Thema Robo-Advisor?

Renate Fritz

Renate Fritz: Wenn jemand weiß, was er kaufen will und keine individuelle Beratung und laufende Betreuung bei der Geldanlage und dem Vermögensaufbau braucht oder möchte, nur zu. Corona hat für einen gewaltigen Boom der digitalen Kommunikation gesorgt, aber ob daraus langfristig und flächendeckend auch ein Aufschwung der rein digitalen Geldanlage wird? Es gibt nicht nur Aktienexperten da draußen, sondern viele Menschen, die persönliche und individuelle Beratung einfordern und sich nicht allein einer Beratungsstrecke im Internet anvertrauen wollen. Das kann nur ein nachgelagerter Baustein innerhalb eines Finanzkonzepts sein. Vielleicht ist der Markt hier mal wieder weiter ist als die Kundschaft.

Mittlerweile gibt es Massenanbieter, die die Geldanlage revolutionieren wollen. Wie sieht Ihrer Meinung nach die Zukunft der Vermögensverwaltung aus?

Renate Fritz: Nicht nur in stürmischen Zeiten wie den heutigen sind unsere KundInnen froh uns zu haben. Das geht anderen BeraterInnen bestimmt auch so. Geldanlage ist immer noch etwas sehr Persönliches, individuelles. Es kommt sehr auf die Person an, was sie leisten kann, will oder muss. Es gibt unendlich viele Facetten, die es zu beachten gilt und die persönlichen Wünsche sind stets in unterschiedlichen Kontext gebettet. Daher bin ich der Meinung, dass eine persönliche Beratung und dauerhafte Betreuung, also Finanzplanung, nach wie vor für viele zentral bleibt und von einem Robo-Advisor nicht umfänglich abgelöst werden kann. Für standardisierte Vorgänge sind sie jedoch eine willkommene Unterstützung und Ergänzung.

Stirbt der klassische Finanzexperte von nebenan aus?

Renate Fritz: Nein. 

Was sind die Unterschiede zwischen der Bankberatung und einer unabhängigen Finanzberatung?

Renate Fritz: Neben den Argumenten, die jeder kennt, kann ich dazu nicht mehr viel Zusätzliches sagen. Viele Kunden erzählen uns, dass sie mit wenigen Zehntausend Euro bei ihrer Bank gar keinen Geldanlage-Vorschlag mehr bekommen. Da hat sich aufgrund der Regulierung viel geändert. Diese Kund*innen gleich auf die (beratungsfreie und kostengünstige) online-Schiene zu schieben kommt nicht immer gut an. Wir sind seit über 30 Jahren der Meinung, dass jede*r eine gute persönliche Beratung erhalten soll. Das bedeutet Arbeit, lohnt sich aber. 

Das verwaltete Vermögen durch Robo-Advisor soll sich auf Milliarden Euro belaufen, sehen Sie darin Systemrisiken, ähnlich wie bei Lehmann Brothers?

Renate Fritz: Verlässliche Zahlen kennt man nicht, sie sind aber bestimmt nicht gering. Einen Brennpunkt sehe ich hier aber nicht. Bekannt ist, dass die meisten Robo-Advisor mit ETFs hinterlegt sind, weil günstig und schnell handelbar. Bekannt ist auch, dass sich die durchschnittliche Haltedauer von Geldanlagen, insbesondere von ETFs, sehr verkürzt hat. Ich würde behaupten, dass der Finger bei einem Robo-Advisor schneller am Abzug ist als bei einer Finanzberatung mit persönlichem Bezug und langfristigem Plan. Den Robo-Advisor kennt man nicht persönlich und er liefert auch keine ausführliche Erklärung im Krisenfall, die Handlungsoptionen erläutert und von der Verkaufsentscheidung im Affekt abhält. Daher kann es in Crashszenarien eventuell zu höheren Schwankungen – aber in beide Richtungen – kommen. 

Wann kommt die nächste Finanzkrise oder werden wir die nächsten 10 Jahre keine mehr erleben?

Renate Fritz: Wenn Sie jemanden finden, der das mit Sicherheit sagen kann, würde ich ihn oder sie gern kennenlernen. Und damit meine ich nicht diejenigen, die mit dieser „Information“ und damit mit der Angst der Leute ihr Geschäftsmodell sehen.

Frau Fritz, wir danken Ihnen für das Gespräch

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