Der Markt ist gesättigt – Äneas Niesel

Äneas Niesel ist Geschäftsführer der Otto Oehme GmbH Lorito – Vertrieb Berlin. Im Interview spricht er über den Trend zu Hygieneartikel und Preisexplosionen während der Pandemie.

Zu Beginn der Corona-Krise war Desinfektionsmittel eine Mangelware. Wie sieht die aktuelle Versorgungslage aus?

Äneas Niesel: Aktuell ist die Lage und das Angebot an Desinfektionsmittel stabil. Der Markt ist „gesättigt“ und nahezu jedes Unternehmen verkauft es. Es ist so ähnlich wie mit Getränken, Kaugummis, etc. – fast jeder hat es im Angebot. Das „Überangebot“ liegt wohl auch daran, dass die WHO Rezepturen für die Bevölkerung herausgegeben hat, um sich ausreichend desinfizieren zu können. Das ist natürlich auch gut so. Man muss ja auch bedenken, dass die Rohstoffe nicht ausreichend für die Produktion der Desinfektionsmittel, in der uns bekannten Weise, zur Verfügung standen. Ein anderer Weg musste schnell gefunden werden. Die Einkaufspreise waren jenseits aller Vorstellungen. Wir als Hersteller haben schlussendlich eine passende Lösung für unsere Kunden, zu einem marktgerechten Preis, gefunden.

Welche Produktkategorien werden derzeit besonders stark nachgefragt, wie haben sich die Preise entwickelt?

Äneas Niesel: Mir fällt hierzu spontan die aktuelle Lage bei den Einweghandschuhen ein. Diese werden aktuell am häufigsten nachgefragt. Nicht die Desinfektionsmittel. Die Einkaufspreise sind über das Doppelte gestiegen, der Markt wird von China und den USA leergekauft. Der Bedarf hat sich verfünffacht und die Produktion lässt sich halt nur um 20 bis 30% steigern. Ein Exportverbot für Schutzkleidung, Überlastung der Produzenten in Fernost, begrenzte Liefermengen und anhaltende Lieferschwierigkeiten machen die Situation nicht einfacher. Seit April steigen die Preise für Einweghandschuhe (Vinyl, Nitril, Latex) kontinuierlich und wir sind fast schon gezwungen zum Tagespreis zu verkaufen. Der Markt ist aktuell unvorhersehbar. Wir haben, auf Grund der langjährigen Zusammenarbeit mit unserem Lieferanten, noch Glück überhaupt Ware zu bekommen. Es ist aber aktuell eher eine Überraschung, was man von der bestellten Ware bekommt, weil diese eventuell nicht verfügbar ist. In der Zwischenzeit haben wir für unsere Kunden Möglichkeiten gefunden, den Einsatz der teureren Einweghandschuhe zu reduzieren. Aktuell bieten wir Einweghandschuhe an, die auch längerfristig verfügbar sind und für Arbeiten mit geringem Risiko geeignet sind. Das ist aktuell auch bei der Mehrzahl der Reinigungsarbeiten der Fall.

Welche Unterschiede gibt es zwischen den verschiedenen Desinfektionsmitteln?

Äneas Niesel: Man muss sich erstmal „durchkämpfen“ durch die Vielfalt und man ist auch mal schnell überfordert. Es gibt die Unterschiede bei den Rohstoffen (Ethanol, Isopropanol, Chlor), in der Beschaffenheit bzw. Verarbeitung (flüssig, gelartig, vorgetränkte Tücher), der zu desinfizierenden Materialien (Medizinische Geräte, Flächen, Hände, OP Geräte, etc.) und natürlich in der Art der Anwendung (Tauchbäder, Sprühdesinfektion, Vernebler, vorgetränkte Tücher, etc.).

Es ist ein Trugschluss, dass man Flächendesinfektion auch zur Desinfektion der Hände nehmen kann. Maximal ein- oder zweimal. Nein, im Ernst: Die Flächendesinfektion kann auf den Händen zu Hautirritationen und ähnlichem führen. Daher sollte die Flächendesinfektion nur mit Handschuhen aufgebracht werden.

Unterschiede bei den Desinfektionsreinigern gibt es natürlich für den Einsatzbereich. „Welche Keime sollen beseitigt (desinfiziert) werden?“ Das ist oft die entscheidende Frage. Handelt es sich z.B. um umhüllte Viren (Influenza, SARS-CoV2) oder um Viren ohne eine Hülle (Rota-, Noroviren). Man spricht hier von einer viruziden Wirkungsweise. Will man Schimmelpilze oder ähnliches beseitigen, spricht man von der fungiziden, bei Sporen von der sporiziden Wirkungsweise. Oft sind die Mittel aber auch in der Wirkungsweise kombiniert. Auf den Desinfektionsmitteln steht aber auch oft, für welche Viren das Mittel NICHT geeignet ist. Hier ist Obacht zu geben und auch nicht auf Vorschläge von intravenöser Verabreichung (Trump-Methode) einzugehen. Für weitere Fragen ist der örtliche Händler, Hersteller oder die Webseite des RKI behilflich.

Rechnen Sie dauerhaft mit einer erhöhten Nachfrage nach Desinfektionsmitteln, bei welchen Produkten insbesondere?

Äneas Niesel: Jain. Die Nachfrage nach Desinfektionsmittel ist, nicht nur Deutschlandweit, gestiegen. Bis zum heutigen Tag haben wir ein Umsatzplus bei Desinfektionsmitteln von ca. 128% im Vergleich zu Januar bis Dezember 2019. Mit einer weiteren größeren Nachfrage rechne ich allerdings nicht, weil die Produkte marktmäßig zu weit verstreut sind und jeder es anbietet. Getränke-Kaugummi-Prinzip halt. Deutschlandweit wird die Nachfrage drastisch steigen. Der Überblick dafür fehlt mir aber als Hersteller. Wir sind aber auf die eventuell erhöhten Anfragen und Bedürfnisse unserer Kunden gut vorbereitet und werden diese auch in Zukunft auf das Vollste erfüllen können.

Welche Trends und Produktinnovationen gibt es in der Branche?

Äneas Niesel: Es gibt einen Hygienetrend. Die Leute waschen sich wieder mehr die Hände und trocknen diese auch ab. Das zeigen Verkaufszahlen von Verbrauchsmaterialien, insbesondere Handtuchpapier, ganz deutlich. Und dabei sind noch nicht einmal alle Büros, etc. wieder voll besetzt. Das kann einen schon nachdenklich machen, was die Leute nach dem Gang zur Toilette, vor Corona mit ihren Händen gemacht haben. Die Reinigungsintervalle in den zu reinigenden Objekten nehmen deutlich zu.

Wirkliche Produktinnovationen haben wir nicht beobachten können. Es handelt sich vielmehr immer um die Weiterentwicklung von bestimmten Produkten. Ganz vorne dabei sind wohl die Desinfektionssäulen. Vorzugsweise mit einem Desinfektionsspender mit Sensor (hygienischste Lösung). Die Säulen lassen sich in der Zwischenzeit auch modular erweitern. Man kann diese mit einer Halterung für Handschuhe und Mund- und Nasenschutz erweitern. Ebenfalls lässt sich ein Handtuchpapierspender dort anbringen, wie auch ein Mülleimer. Viele Produkte zur Einhaltung der Hygiene und Prävention von Krankheiten, waren ja schon immer verfügbar, aber nicht für den Kunden interessant. Das hat sich drastisch geändert.

Herr Niesel, vielen Dank für das Gespräch.

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