Auswirkungen im Automotiv-Bereich fast unmittelbar – Dr. Martin Schmid (Econsult)

Dr. Martin Schmid ist Geschäftsführender Gesellschafter der ECONSULT Betriebsberatungsges. m.b.H. Im Interview spricht er über die Pandemie, Logistikketten und die Herausforderungen an das Risk-Management. 

Dr. Martin Schmid

Die Corona-Krise hat die Schwächen des Just-In-Time-Managements mit langen Lieferketten gezeigt. Welche Auswirkungen hatte der Lockdown auf Ihr Unternehmen bzw. Ihre Kunden?

Dr. Martin Schmid: Als Logistik-Planungs- und -Beratungsunternehmen war für unser Team der vorübergehende Wechsel ins Home-Office rasch und unkompliziert vollzogen, wir sind im Bereich Digitalisierung bereits sehr weit fortgeschritten und somit auch nicht mehr ortsgebunden. Bei vielen unserer Kunden, die wir betreuen, ist das nicht der Fall. Natürlich hat man die Auswirkungen fast unmittelbar im Automotiv-Bereich zu spüren bekommen, Vormaterialien und Komponenten waren plötzlich nicht mehr wie gewohnt verfügbar. Ein paar Unternehmen, die bereits zuvor auf Multi-Sourcing gesetzt hatten, haben die Supply-Chains aufrecht halten können, ein derartiger globaler Stillstand hat aber fast alle getroffen. Dort wo noch produziert wurde, konnte teilweise aufgrund der Grenzsituationen nicht ausgeliefert werden. Dies führt bei Unternehmen, die je Tag bis zu 40 LKW-Züge ausliefern, rasch zum Überlaufen der bewusst klein geplanten Puffer. Somit gab es also Produktionsstilllegungen, weil die Mengen nicht mehr gelagert werden konnten.

Welche kurzfristigen Maßnahmen im Supply-Chain-Management haben Sie aufgrund der Corona-Krise umgesetzt?

Dr. Martin Schmid: Wir haben anlassbezogen einige unserer Kunden im Handelsbereich dabei unterstützt ihre E-Commerce Channel weiter auszubauen und die entsprechenden Prozesse aufzusetzen. Im Handel gab es ja ganz andere Probleme als in der Industrie, dort haben wir aufgrund der Hamsterkäufe in den Supermärkten einen der größten Bullwhip-Effekte überhaupt erlebt. Das war natürlich aus logistischer Sicht eine spannende Zeit, denn Planprozesse gibt es dafür nicht. Einkauf und Verkauf waren die Taktgeber, und die Logistik hat die Vorgaben zu erfüllen. Wenn die Versorgungssicherheit bei den Prioritäten ganz oben steht, dann sind auch Logistikkosten kein zentrales Thema mehr. Den teilweisen Ausfall des operativen Geschäfts haben die Unternehmen darüberhinausgehend genutzt, um bereits länger geplante Vorhaben umzusetzen, das ging von der Überarbeitung der Artikelstammdaten bis hin zur Anpassung von Produktionsanlagen und Produktionsabläufen. So wurden auch Wartungs- und Instandhaltungsprozesse bei Automatikanlagen vorgezogen.

Werden Unternehmen in Zukunft auf höhere Lagerkapazitäten und kürzere Lieferketten setzen?

Dr. Martin Schmid: Das kann man mit einem klaren JEIN beantworten. So wie auch die Krise die Unternehmen ganz unterschiedlich getroffen hat, und manche Geschäftsmodelle sogar davon profitiert haben, so differenziert werden auch weiterhin die Logistikstrategien sein. Kosteneffizienz bleibt natürlich als oberstes Credo, aber wir merken bereits jetzt, dass „Supply-Chain-Risk-Management“ für fast alle ein Thema ist. Es werden vielleicht weniger die höheren Lagerkapazitäten sein, aber Multi-Sourcing und der Versuche in gewissen Branchen eine Re-Regionalisierung und somit kürzere Lieferketten zu fördern. Wir glauben und hoffen aber, dass sich in vielen Bereichen alles rasch wieder normalisieren wird. Klar ist aber, dass der Schock tief sitzt und viele Auswirkungen jetzt noch gar nicht sichtbar sind. Vermutlich werden einige Unternehmen die Krise erst 2021 spüren, wenn die vollen Auftragsbücher aus der Vor-Corona-Zeit abgearbeitet sind.

Wird in Zukunft ein stärkerer Fokus auf nationale bzw. europäische Lieferanten gesetzt werden?

Dr. Martin Schmid: Ja das denke ich schon, zumindest wird es den Versuch geben. Einige unserer Kunden überlegen bereits, Produktionsprozesse, die aktuell in Asien stattfinden, wieder nach Europa zu verlagern. Dies geht vor allem bei Prozessen mit hohem Automatisierungsgrad. Ein einfaches Switchen auf neue Lieferanten wird vielfach jedoch nicht so leicht möglich sein, zu spezifisch und zu vernetzt sind Produktionsketten. Gewisse Rohstoff- und Zulieferindustrien muss man aber in Europa erst teilweise wieder etablieren und aufbauen (siehe Pharma), da ist die Politik gefordert, um die entsprechenden Rahmenbedingungen und eine Standortattraktivität zu schaffen. Im Consumer Bereich und im Handel ginge das theoretisch schneller. Dort steuern aber die KonsumentInnen die Supply Chain über ihren Warenkorb. Im Lock Down war es kein Problem auf italienische Pasta (sofern man sich nicht mit Hamsterkäufen eingedeckt hatte) oder auf tropische Südfrüchte zu verzichten. Die Frage ist aber, bei wie vielen KonsumentInnen sich wirklich nachhaltig das Kaufverhalten ändert? Da sehe ich aktuell (leider) keinen wirklich großen Umbruch!

Wie stark ist der internationale Handel betroffen und werden die Auswirkungen auch langfristig bestehen bleiben?

Dr. Martin Schmid: Auswirkungen im Außenhandel werden aufgrund all dieser dargestellten Themen mit Sicherheit bestehen bleiben, weil Lieferketten überprüft und teils neu ausgerichtet werden. Das kann aber in beide Richtungen ausschlagen, denn wo eine Tür zu geht, geht eine andere oftmals auf. Es gibt Unternehmen, die in der aktuellen Situation neue Geschäftsmodelle und neue Märkte erschließen. Bei allem Optimismus, muss man aber immer betonen, dass die Krise natürlich eine tiefe Wunde hinterlassen wird. Ein Vorteil: Viele österreichische Industrieunternehmen sind sogenannte „Hidden Champions“, zählen also zur Gruppe der Weltmarktführer in ihren Nischenbereichen. Damit ist man nur schwer ersetzbar oder austauschbar, das zeigt aber auch, dass Know-how Führerschaft, Forschung und Entwicklung sowie Innovationskompetenz in Europa Kernbereiche bleiben müssen.

Wie kann die Politik unterstützen, um Lieferketten auch in Krisenzeiten aufrechtzuerhalten?

Dr. Martin Schmid: Eine einheitliche und abgestimmte Vorgehensweise für internationale Warentransporte wäre wünschenswert gewesen, anstatt unzähliger nationaler und bilateraler Regelungen. Auch Arbeitsvorgaben und Reglementierungen im Logistikbereich sind in einem derartigen Fall klar festzulegen und zu kommunizieren. Transportdienstleister, LKW-Fahrer und die Zusteller von Kurier-, Express- und Paketsendungen wurden nun kurze Zeit als Helden des Alltags gefeiert und ihre Leistungen als systemrelevant hervorgehoben. Die Politik muss dafür sorgen, dass Qualität und Wert der Logistik für unser tägliches Leben in der Öffentlichkeit sichtbar bleiben. In Österreich hat man dafür unter Federführung des Bundesministeriums die Marke „AUSTRIAN LOGISTICS“ (www.austrianlogistics.at) etabliert, bei der wir als ECONSULT auch Partner sind. Speziell in Krisenzeiten braucht es vor allem engagierte und motivierte MitarbeiterInnen, eine sichtbare Attraktivierung der Arbeitsplätze in der Logistik kann und soll durch die Politik daher mitgesteuert werden.

Herr Dr. Schmid, vielen Dank für das Gespräch.

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