Patrick F. Stier: Krisen sind häufig sehr komplex und haben mehrere Auslöser

Patrick F. Stier ist Gründer von STIER Investments, einer unabhängigen Vermögensverwaltung, die sich auf die Betreuung großer Vermögen spezialisiert hat. Mit ihm sprechen wir über das Basler-Regelwerk, Nebenwirkungen von Regulierungen sowie eine mögliche Hyperinflation.

Patrick F. Stier

Seit der globalen Finanzkrise sind Maßnahmen zur Regulierung und Stabilisierung der Finanzmärkte ins Zentrum der politischen Debatten gerückt. Das Basler-Regelwerk ist in eine einheitliche europäische Bankenregulierung, die „Capital Requirements Regulation“ (CRR) und die „Capital Requirements Directive“ (CRD IV) wurden umgesetzt. Haben die Regulierungen Ihrer Meinung nach zu mehr Stabilität geführt?

Patrick F. Stier: Die Verordnungen sind sicherlich nicht perfekt, aber unter dem Strich sorgen sie für mehr Stabilität. Ein starker Finanzsektor ist unabkömmlich für eine florierende Volkswirtschaft. Allerdings darf sich eine Finanzkrise wie in den Jahren 2007 und 2008 nicht noch einmal wiederholen, da ist man sich einig. Daher befinden sich weltweit Regierungen in einer Zwickmühle: Regulieren sie zu viel, hemmen sie nachhaltig das Wirtschaftswachstum, was u.a. die Arbeitslosigkeit steigert. Regulieren sie zu wenig, könnten Blasen entstehen, die bei einem Platzen ebenfalls die Arbeitslosigkeit erhöhen und sogar zu einer Rezession führen könnten. Man muss also abwägen, um die optimale Mischung zu finden. Die EU hat dabei guten Willen bewiesen. Ich würde mir dennoch einen engeren Dialog mit der Finanzbranche wünschen, damit Regularien effizienter eingesetzt werden können und vor allem kleine Institute nicht benachteiligt werden. Die Corona-Wirtschaftskrise zeigt, dass die Regulierungen für Banken aktuell ausreichen, da Banken in dieser Krise durch ihre Kreditvergabe sogar ein Teil der Lösung sind und nicht mehr ein Teil des Problems.

Wie bewerten Sie die Nebenwirkungen von Regulierungen, beispielsweise höhere Kosten, weil einerseits die Unternehmen höhere Anforderungen haben und anderseits die gesetzgebende Seite stetig den Prozess überwachen muss. Sehen Sie noch weitere negative Folgen?

Patrick F. Stier: Als Vermögensverwalter kann ich von meinen persönlichen Erfahrungen sprechen: Meine Branche wurde insbesondere seit der Finanzkrise 2007/2008 extrem reguliert, da man den Anleger schützen wollte – herausgekommen ist allerdings das Gegenteil. Ich nenne zwei Beispiele:

Bevor der Berater für einen Anleger tätig werden darf, muss der Kunde ein dickes Schriftstück mit vielen Fachbegriffen unterzeichnen, das festhält, dass der Berater seine Arbeit perfekt ausgeführt hat und der Kunde nun über alle Risiken Bescheid weiß, was natürlich nicht immer der Fall ist. Denn wenn ein Anleger über alles Bescheid wissen würde, würde er womöglich sein Vermögen selbst managen. Gerät das Kundenvermögen anschließend in Schieflage, hat der Anleger keine Möglichkeit mehr, die Bank dafür zu Rechenschaft zu ziehen. Per Gesetz darf der Berater aber erst dann tätig werden, wenn der Anleger unterschreibt. Es wurde also der Berater bzw. die Bank geschützt und nicht der Anleger, den man schützen wollte.

Das zweite Beispiel zeigt, dass die Regulierungen dazu geführt haben, dass Anleger nun mehr für eine schlechtere Leistung bezahlen müssen und Kleinanleger am meisten darunter leiden:

Durch die starke Regulierung sind nämlich die Verwaltungskosten enorm gestiegen, was naturgemäß kleine Vermögensverwaltungen am stärksten belastet. Kleine Investmentboutiquen leben von ihrem kleinen Kundenstamm. Sie können gar nicht anders, als stets das Beste für ihre Kunden zu geben, da sie auf die volle Zufriedenheit ihrer Kunden angewiesen sind. Jedoch wurden viele kleine Vermögensverwaltungen von den Kosten der Regulierung erdrückt und mussten sich größeren Häusern anschließen. Deren Kunden werden nun zunehmend standardisierte Lösung angeboten, die weniger gut auf die persönliche Lebenssituation abgestimmt und damit schlechter für die Kunden sind.

Anleger mit meinem investierbaren Vermögen von unter 250.000 € haben es am schwersten. Die hohe Regulatorik verursacht Fixkosten, die Kleinanleger nicht stemmen können. Daher kann man sich erst mit einem höheren Vermögen einen Vermögensverwalter leisten, der im Idealfall seine Kosten mehrfach wieder erwirtschaftet.  Kleinanlegern bleibt also nichts anderes übrig, als sich entweder auf ihre Hausbank zu verlassen, die aber leider häufig nur teure Produkte vertreibt, oder sich selbst um ihr Vermögen zu kümmern, was in der Praxis oft zu hohen Verlusten führt, da wir in der Schule fast nichts über wirtschaftliche Themen lernen und es deswegen an fundiertem Wissen fehlt. Auf meiner Homepage erläutere ich daher, wie man als Kleinanleger am besten in Aktien investiert.

Eine besondere Rolle als Auslöser der Finanzkrise soll nicht der heiß gelaufene US-Immobilienmarkt gewesen sein, sondern zwischen Finanzmarktteilnehmern direkt bilateral abgeschlossene Derivate („Over-the-Counter-Derivate“, kurz OTC). Sind außerbörsliche Derivate weiterhin eine Gefahr für das Finanzsystem?

Patrick F. Stier: Krisen sind häufig sehr komplex und haben mehrere Auslöser. Bei der Finanzkrise war es vor allem die US-amerikanische Regierung, die jedem Bürger den „amerikanischen Traum“ ermöglichen wollte, ein Eigenheim zu besitzen. Es wurden also Anreize gesetzt, Kredite an Menschen geringer Bonität zu vergeben, damit sie sich davon diesen „Traum“ verwirklichen können. Ein weiterer Auslöser war, dass Banken aus Mangel an Regulierung immer höhere Risiken eingegangen sind und unter anderem viel zu viel Fremdkapital aufnahmen. Darüber hinaus bündelten Banken Hypothekenkredite exzellenter Bonität mit solcher miserablen Qualität, solange sie dafür noch das beste Rating der Rating-Agenturen bekamen. Diese Bündel an Krediten unterschiedlicher Qualität wurden anschließend häufig erneut mit anderen Finanzprodukten zusammengefasst und unter dem Gütesiegel „AAA“ international verkauft. Käufer wussten oft gar nicht was sie erhielten, da sie sich blind auf das Rating der Rating-Agenturen verließen. Doch in Triple-A-Produkten waren häufig unbemerkt viele Hypothekenkredite von US-Bürgern, die weder Vermögen noch Einkommen hatten. Als die Immobilienblase platzte, wurden diese toxischen Hypothekenkredite wertlos und weltweit mussten Banken Verluste in Milliardenhöhe hinnehmen. Aus Mangel an gegenseitigem Vertrauen liehen sich daraufhin Banken kurzfristig kaum noch Geld, was gravierende Folgen hatte, da weltweite Zahlungsströme ins Stocken gerieten. So wurde aus der Immobilienkrise eine Bankenkrise, die im Anschluss aufgrund des wirtschaftlichen Abschwungs in eine Wirtschaftskrise mündete. Um die Folgen der Wirtschaftskrise zu bekämpfen, nahmen insbesondere (schwache) EU-Länder, zu hohe Schulden auf und lösten damit die sogenannte „Eurokrise“ aus, die eigentlich EU-Staatsschuldenkrise heißen sollte, da der Euro in dieser Zeit recht stabil blieb.

Derivate werden häufig stigmatisiert, da sie für viele Menschen sehr kompliziert und risikobehaftet erscheinen, was sie aber meistens gar nicht sind. In Wahrheit ist ein Derivat ein Produkt, dessen Wert sich aus der Entwicklung eines anderen Produktes ableitet. Wenn Derivate nicht standardisiert an einer Börse gehandelt werden, sondern direkt zwischen zwei Akteuren, so spricht man von Over-the-Counter-Derivaten. Das spart nicht nur Geld, sondern ermöglicht es auch maßgeschneiderte Kontrakte zu handeln. Sie werden z.B. eingesetzt, um Bauern gegen schlechte Ernten abzusichern. Mit Derivaten kann man zocken und hohe Verluste erleiden, aber auch Risiken reduzieren und sich gegen bestimmte negative Ereignisse absichern. Sie generell zu verteufeln halte ich daher für falsch. Anreize zu setzen, dass Banken nur vertretbare Risiken eingehen und langfristige Folgen stark berücksichtigt werden, halte ich hingegen für extrem wichtig. Während der Corona-Krise sehe ich keine signifikante Gefahr für das Finanzsystem, die von außerbörslichen Derivaten ausgeht.

Wie schätzen Sie das Vertrauen in den Finanzmarkt auf institutioneller Ebene ein?

Patrick F. Stier: Institutionelle Anleger, mit denen ich gesprochen habe, gaben eigentlich alle dieselbe Antwort: Sie haben keine andere Wahl als dem Finanzmarkt zu vertrauen. In der Vergangenheit konnten sie entspannt ihr Risiko über mehrere Vermögensklassen streuen – auch außerhalb des Finanzmarkts, wie z.B. in Immobilien. Aber dann fielen die Zinsen. Heute erhält man bei Immobilien kaum noch eine Rendite, da günstige Kredite die Immobilienpreise in die Höhe getrieben haben. Doch solange Notenbanken die Finanzmärkte mit Geld überschwemmen, werden Anleger davon profitieren. Ich sehe hier noch für sehr lange Zeit kein Ende. Von einer echten Zinserhöhung sind wir nämlich sehr, sehr weit entfernt, da dies die (Staats-)Verschuldung nur noch weiter verschärfen würde. Die Notenbanken können also gar nicht anders, als genauso weiterzumachen. Und solange das System funktioniert, profitiert davon der Finanzmarkt und institutionelle Anleger verdienen sehr viel Geld.

Kann Corona eine ähnliche Finanzkrise wie die von 2008 auslösen? Erwartet uns eine Hyperinflation?

Patrick F. Stier: Corona wird keine Finanzkrise mehr auslösen, da wir nun Impfstoffe und Medikamente haben und spätestens 2022 wieder (mehr oder weniger) wie vor der Krise leben können, wovon natürlich auch die Wirtschaft profitiert. Allerdings hat Corona die globale (Staats-) Verschuldung massiv in die Höhe getrieben, die in absehbarer Zeit nicht abgebaut werden kann. Der japanische Staat hat gezeigt, dass man auch mit hoher Verschuldung solvent bleiben kann, solange die heimische Wirtschaft läuft. Sollte uns aber zeitnah eine weitere Krise treffen, wie z.B. ein Auseinanderbrechen der EU, hätte die Welt erneut ein ernsthaftes Problem. Die Schulden müssen also irgendwie abgebaut werden, um für die nächste Krise gerüstet zu sein. Die Argumente für einen politisch motivierten Anstieg der Inflation liegen auf der Hand und tatsächlich pumpen Notenbanken sehr viel Geld in den Finanzmarkt. Doch bisher hat die ultra-lockere Geldpolitik zu keinem wirklichen Anstieg der Inflation geführt, was mehrere Gründe hat: Das Geld ist nämlich bisher weitgehend im Finanzsektor „gefangen“ und kommt daher so gut wie gar nicht bei den Bürgern an. Damit das Geld stärker bei den Bürgern ankommen würde, müsste man den Bankensektor gezielt deregulieren. Dann hätten Kreditinstitute mehr Anreize, lockerer Kredite zu vergeben. Dies würde dann aber wiederum das Risiko einer Finanzkrise erhöhen und macht daher keinen Sinn. Banken werden also an dieser Stelle nicht dereguliert. Somit steigen bisher ausschließlich die Preise für Finanzwerte, was Anleger freuen dürfte. Für eine Inflation müssten aber die Verbraucherpreise steigen.

Weitere wichtige Gründe für ein Ausbleiben der Inflation, also ein Anstieg der Verbraucherpreise, sind eine geringere Beschäftigung, die zu niedrigeren Löhnen führt und natürlich ein niedrigerer Ölpreis. Zudem sorgt die Digitalisierung, zum Beispiel in Form des zunehmenden Onlinehandels, ebenfalls für niedrigere Preise.

Von einer Hyperinflation sind wir also weit entfernt, auch wenn ich langfristig mit einer etwas höheren Inflation rechne.

Herr Stier, vielen Dank für das Gespräch!

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