Thomas Weinmann und Julien Zornig: Deutschland braucht dringend Risikokapitalgeber

Thomas Weinmann und Julien Zornig sind Gründungspartner von Astorius in Hamburg. Mit den beiden sprechen wir über Risikokapitalgeber, wie Private-Equity-Unternehmen agieren sowie Brexit-Auswirkungen.

Private-Equity-Unternehmen werden im Volksmund häufig als Heuschrecken bezeichnet. Woher kommt dieser zweifelhafte Ruf?

Thomas Weinmann: Den Begriff hat seinerzeit der frühere Arbeits- und Sozialminister Franz Müntefering im Jahr 2005 benutzt und damit eine ganze Branche kritisiert. Er war der Überzeugung, das Private Equity-Unternehmen vor allem an der Gewinnmaximierung ihrer Investments interessiert seien, die „Deutschland […] wie eine Heuschreckenplage heimsuchen“ würden. Das ist natürlich eine den medialen Notwendigkeiten zugespitzte Formulierung, die völlig überzogen war. Damals wie heute braucht Deutschland dringend Risikokapitalgeber, die hier investieren und deutsche Unternehmen unterstützen, ihre Geschäftsmodelle, ihre Prozesse und Strukturen und damit insgesamt ihre Wettbewerbsposition zu verbessern.  

Halten Sie die Kritik an Ihrer Branche gerechtfertigt?

Thomas Weinmann: Selten zuvor hat ein Politiker in Regierungsverantwortung einer ganzen Branche so geschadet wie damals der Arbeits- und Sozialminister. Das Profil einer Branche wurde durch die subjektive Auswahl eines Einzelnen bestimmt. Private Equity-Unternehmen haben üblicherweise kein ausreichendes Interesse am Wissenstransfer über das Geschäftsmodell an die Öffentlichkeit. Das hat sich in den letzten Jahren aber spürbar verändert. Heute ist die Branche bekannter und die Öffentlichkeit hat mittlerweile auch akzeptiert, wie wichtig die Bereitstellung von Kapital für die Weiterentwicklung einer Volkswirtschaft ist.

Wie agieren und arbeiten Private-Equity-Unternehmen wirklich? Welchen Bedarf decken Sie?

Julien Zornig: Private Equity Fonds werden vor allem von institutionellen Anlegern wie Pensionskassen, Staatsfonds, Versicherungen und Stiftungen genutzt. Dabei geht es um das Erzielen von langfristigen Renditen. Gerade Pensionskassen haben diese Assetklasse – neben Immobilien und Aktien – als rentierliche und relativ sichere Anlageform seit einigen Jahrzehnten fest bei sich etabliert. So investieren sie die Mittel zur Altersvorsorge von Lehrern, Krankenschwestern oder Feuerwehrleuten in den USA. Private Equity Fonds fungieren dabei als Kapitalsammelstellen und investieren erhebliche Summen in Unternehmen – meist über einen Zeitraum von vier bis fünf Jahren. Während dieser Phase werden die Unternehmen weiterentwickelt. Das können die Erweiterung des Produktportfolios, eine Verbesserung der Geschäftsmodelle oder die Eroberung neuer Märkte. Nach diesen vier bis fünf Jahren stehen die Unternehmen regelmäßig besser da als zuvor, und werden dann weiterveräußert.

Woher kommt eigentlich das Geld, dass Sie investieren?

Thomas Weinmann: Traditionell gehören große – meist nordamerikanische – Pensionskassen zu den wichtigsten Kapitalgebern in Private Equity, da die Einstiegshürde für ein Investment in Private Equity-Fonds meist auch sehr hoch ist. Astorius ist ein Dachfonds-Anbieter und investiert nur indirekt in Unternehmen. Die Hauptaufgabe eines Dachfonds besteht in der Identifikation und Prüfung von Private Equity Fonds. Konkret formuliert wählen Dachfonds, die ihre Arbeit ernst nehmen, in eine überschaubare Anzahl von PE Fonds aus einer Grundgesamtheit von weltweit etwa 4.000 Private-Equity-Fondsmanagern aus und stellen so ein Portfolio zusammen. Wichtig dabei sind vor allem die Analyse von Performancekennzahlen, das Hinterfragen von PE Fondsstrategien und am wichtigsten die Prüfung von Managementteams der PE Fonds. Ziel eines Dachfonds sollten nachhaltig mindestens Netto-Renditen von 10% für seine Investoren sein.

Julien Zornig: Wir streuen das Risiko für den Einzelinvestor auf viele Fonds. Nicht selten haben wir 60 Unternehmen und mehr in unserem Portfolio. Die Einstiegshürde bei unseren Fonds liegt bei 200.000 Euro. Zudem hatten wir uns anfänglich auf Privatpersonen als Investorengruppe fokussiert und unterstreichen unsere Überzeugung für unsere Fonds durch ein substantielles eigenes Investment in unsere Fonds. Das macht uns vor allem auch für kleinere Vermögende als Geldanlagepartner attraktiv. Mittlerweile betreuen wir auch institutionelle Investoren wie Stiftungen und kirchliche Einrichtungen, die nicht nur unsere Renditen, sondern auch unseren ESG-Ansatz sowie unseren Fokus auf Investitionen in Small und Mid Cap Fonds schätzen.

Risikokapitalgeber sind auf Rendite aus. Ist das eine Chance oder eher ein Risiko für einen Übernahmekandidaten?

Thomas Weinmann: Aus meiner Zeit als PE Fondsmanager weiß ich, dass bei Private Equity Investments der Schutz des zur Verfügung gestellten Eigenkapitals und ein rentierliches Ergebnis im Fokus stehen. Das kann nur über die Weiterentwicklung eines guten Geschäftsmodells zu einem besseren gelingen. Insofern profitieren die übernommen Unternehmen in den allermeisten Fällen davon. Es gibt hunderte von Beispielen dafür.

Während sich der US-Kongress mit einer stärkeren Regulierung der Branche befasst, wird in Europa um Risikokapital geworben. Wie steht es um den europäischen Private-Equity-Markt im internationalen Vergleich?

Julien Zornig: Der europäische Markt ist seinerzeit nach der Finanzkrise mit der von Brüssel betriebenen sogenannten Alternative Investment Fund-Richtlinie neu reguliert worden. Das war ein entscheidender Schritt hin zu einer Harmonisierung der Regeln in Europa. Trotzdem bleibt der europäische Markt natürlich regional fragmentierter als das der US-Markt ist und wird sich auch weiter wandeln.  

Hat der Brexit Auswirkungen auf die europäische Private Equity Szene?

Thomas Weinmann: Traditionell haben viele weltweit agierende Private-Equity-Häuser ihren europäischen Sitz in London. Man wird beobachten müssen, wie sich der Finanzplatz an der Themse nun entwickeln wird. Auf das Geschäft an sich wird der Brexit keine Auswirkungen haben.

Herr Weinmann und Herr Zornig, vielen Dank für das Gespräch!

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