Warum IT ohne Beziehung nicht funktioniert

Interview mit Josip Udovc
Josip Udovc, Geschäftsführer von juunit, erklärt, warum der Fachkräftemangel in der IT weniger ein Recruiting-Problem ist – und mehr mit Haltung, Vertrauen und Beziehung zu tun hat.

Welche neuen Möglichkeiten sehen Sie für IT-Dienstleister, um dem Fachkräftemangel effektiv zu begegnen und gleichzeitig innovativ zu bleiben?

Für mich beginnt die Antwort auf den Fachkräftemangel nicht beim Recruiting, sondern bei der Frage, wie Menschen bei uns arbeiten und ob sie sich mit dem Unternehmen wirklich verbunden fühlen.

Wir bilden bei juunit seit 2015 aus und haben inzwischen 20 Auszubildende erfolgreich begleitet. Ausbildung heißt für uns nicht nur, Wissen zu vermitteln, sondern Menschen früh mitzunehmen, ihnen Vertrauen zu geben und sie Schritt für Schritt in Verantwortung zu führen. Genau das spiegelt sich auch in unserem strukturierten Onboarding wider: Neue Kolleginnen und Kollegen sollen sicher ankommen und schnell Teil des Teams werden. Ausbildung ist Fürsorge – und gleichzeitig eine Investition in nachhaltige Innovation.

Gerade junge Menschen möchten heute früh wissen, wie ein Unternehmen wirklich tickt. Deshalb nutzen wir Social Media nicht als Hochglanzbühne, sondern als ehrlichen Einblick in unseren Alltag. Wir zeigen, wie wir arbeiten, wie unser Büro aussieht und unseren ganz eigenen juunit-Spirit. Viele Bewerberinnen und Bewerber sagen uns später, dass sie überrascht sind, wie sehr das Bild aus Social Media mit der Realität übereinstimmt. Das bestätigt uns darin, dass Authentizität stärker wirkt als perfekte Inszenierung.

Innovativ bleiben IT-Dienstleister aus meiner Sicht dann, wenn Menschen den Raum bekommen, mitzudenken und Verantwortung zu übernehmen. Denn echte Innovation entsteht dort, wo Menschen sich sicher fühlen, Ideen einzubringen.

Wo liegen die größten Risiken, wenn Unternehmen versuchen, den Fachkräftemangel durch Outsourcing oder Automatisierung zu kompensieren?

In unserer Branche darf man eines nie vergessen: IT ist Vertrauenssache – und Vertrauen entsteht zwischen Menschen, nicht zwischen Prozessen.

Outsourcing und Automatisierung gehören selbstverständlich zur modernen IT. Entscheidend ist aber, wie man sie einsetzt. Unsere Kundinnen und Kunden wollen nicht, dass „irgendwo ein Prozess läuft“, sondern jemanden, der zuhört, ihr Anliegen versteht und erreichbar ist.

Für uns ist IT deshalb immer auch Fürsorge – nach innen, indem wir Mitarbeitende entlasten, und nach außen, indem wir Kundinnen und Kunden begleiten. Automatisierung ist dann ein Gewinn, wenn sie genau das unterstützt: wenn sie Freiräume schafft für Gespräche, für Beratung und für ganzheitliche Lösungen.

Wenn sie jedoch dazu führt, dass der persönliche Kontakt verloren geht oder Anliegen anonym „durchgeschoben“ werden, geht genau das verloren, was gute IT ausmacht. Prozesse und Automatisierung dürfen im Hintergrund laufen – Verantwortung und Beziehung bleiben beim Menschen.

Welche Kriterien sind entscheidend, um langfristig die richtigen Fachkräfte zu gewinnen und an das Unternehmen zu binden?

Ich sage ganz offen: Wir können und wollen nicht alles über Gehalt regeln. Als IT-Systemhaus für kleine und mittelständische Unternehmen im Rhein-Main-Gebiet wissen wir, wo unsere Grenzen liegen und dass wir mit großen IT-Unternehmen nicht immer mithalten können. Aber ich bin überzeugt, dass Geld nicht der einzige – und oft nicht der wichtigste – Faktor ist.

Was Menschen bei uns hält, ist aus meiner Sicht eine Mischung aus Mitgestaltung, Vertrauen, Gemeinschaft und echten Entwicklungsmöglichkeiten. Bei juunit soll niemand das Gefühl haben, ein Rädchen zu sein. Jede und jeder soll merken: Du bist Teil der Lösung.

Das zeigt sich ganz konkret in unserer täglichen Arbeit. Bei juunit soll niemand nur Tickets abarbeiten. Es geht darum, Ursachen zu verstehen und Probleme nachhaltig zu lösen. Mitarbeitende bekommen den Raum, mitzudenken und Verantwortung zu übernehmen – das schafft Sinn und Bindung.

Gleichzeitig fördern und fordern wir die persönliche und fachliche Weiterentwicklung, unter anderem durch ein jährlich festes Weiterbildungsbudget. Stillstand passt nicht zu uns. Wer sich entwickeln will, bekommt dafür Raum und Unterstützung, übernimmt aber auch Verantwortung. Fehler sind dabei kein Weltuntergang, sondern Lernchancen.

Diese Offenheit braucht Vertrauen – und Vertrauen entsteht durch Zuhören. Deshalb gehört Feedback fest zu unserer Kultur. Wir nehmen uns bewusst Zeit für regelmäßige Mitarbeiterbefragungen und offene Gespräche. Gerade mit wachsendem Team ist es uns wichtig, Entwicklungen transparent zu machen und alle mitzunehmen. Gemeinschaft und Humor spielen dabei eine große Rolle. Teamwork ist bei uns kein Buzzword, sondern Alltag.

Inwiefern hat sich der Fachkräftemangel auf Ihre bisherigen Projekte ausgewirkt, und welche relevanten Beobachtungen haben Sie dabei gemacht?

Der Fachkräftemangel hat uns gezeigt, wie entscheidend Teamstabilität für den Projekterfolg ist. Im vergangenen Jahr war die Nachfrage nach unseren IT-Services erfreulicherweise sehr hoch. Gleichzeitig sind wir personell an unsere Grenzen gestoßen.

Was uns durch diese Phase getragen hat, war der starke Zusammenhalt im Team – unsere „juunity“, also Zusammenhalt, Humor und Hilfsbereitschaft im Alltag. Diese Situation hat uns auch gezeigt, wie wichtig es ist, vorausschauend zu handeln.

Wir haben intensiv in Recruiting und Employer Branding investiert, um langfristig besser aufgestellt zu sein. Zusätzlich hatten wir die Möglichkeit, mit einem anderen IT-Systemhaus aus Mainz zusammenzuwachsen und uns so personell breiter aufzustellen.

Was bleibt, ist eine klare Erkenntnis: Ein eingespieltes Team, das sich gegenseitig unterstützt, ist durch nichts zu ersetzen. Wenn diese Basis stimmt, lassen sich auch anspruchsvolle Phasen gut meistern.

Wie sollten IT-Dienstleister strategisch aufgestellt sein, um zukünftige Herausforderungen des Fachkräftemangels erfolgreich zu meistern?

IT-Dienstleister sollten sich strategisch bewusst machen, dass sie nicht nur IT-Systeme betreuen, sondern Beziehungen aufbauen – zu Mitarbeitenden wie zu Kundinnen und Kunden.

Für mich heißt das ganz konkret: frühzeitig in Ausbildung investieren und junge Menschen bewusst mitnehmen, weil nachhaltiges Wachstum immer bei den Menschen beginnt. Employer Branding verstehen wir dabei nicht als Kampagne, sondern als ehrlichen Spiegel unseres Alltags.

Gleichzeitig sollten IT-Systemhäuser aufhören, Fachkräftemangel nur reaktiv zu behandeln. Wer erst sucht, wenn es brennt, steht dauerhaft unter Druck. Entscheidend ist ein langfristiger Aufbau von Kultur, Ausbildung und Arbeitgebermarke.

Wenn Mitarbeitende sich sicher fühlen, sich einbringen dürfen und merken, dass sie ernst genommen werden, entsteht etwas, das man nicht planen kann – aber spürt. Genau darin liegt aus meiner Sicht die stärkste Antwort auf den Fachkräftemangel.

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Josip Udovc

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