Wenn Nutzerfreundlichkeit zur Rechtsfrage wird

Interview mit Thomas Krüger
Thomas Krüger erklärt, warum europäische Regulierung User Experience grundlegend verändert – und weshalb Webagenturen heute strategischer denken müssen als je zuvor.

Welche politischen oder regulatorischen Veränderungen beeinflussen derzeit die Arbeit von Webagenturen im Bereich der User Experience?
In erster Linie macht sich bemerkbar, dass Europa den digitalen Raum konsequent regelt und teilweise auch überregelt. Das stellt uns vor neue Aufgaben. Früher haben wir Webprojekte vor allem unter dem Anspruch geplant, sie so nutzerfreundlich und ansprechend wie möglich zu gestalten. Heute müssen wir ebenso intensiv fragen, ob sie rechtlich sicher und für alle zugänglich sind. Konkret betrifft das unter anderem neue Plattformregeln der EU, die verschärfte Anwendung des Datenschutzes sowie verbindliche Barrierefreiheit und weitere rechtliche Anforderungen.
Bei einem Shopprojekt für einen mittelständischen Kunden bedeutet das, von Beginn an zu klären, wie personalisierte Produktempfehlungen umgesetzt werden, wie sparsam mit Daten umgegangen wird und wie sichergestellt ist, dass auch Menschen mit Sehschwächen problemlos bestellen können. Hinzu kommen Themen wie Zoll, Rückgabe, Entsorgung und Produktauszeichnung. Das erweitert unseren Verantwortungsrahmen deutlich und stellt Kunden, die mit einfachen Systemen arbeiten, nicht selten vor Sackgassen.

Inwiefern wirken sich diese Veränderungen auf die strategische Ausrichtung von Webagenturen aus?
Die Veränderungen bestätigen im Grunde unsere seit über 20 Jahren verfolgte Philosophie: Einzelmaßnahmen reichen immer weniger aus. Kunden brauchen einen verlässlichen Partner, der das große Ganze im Blick behält – von der Markenidentität über die technische Umsetzung bis zur langfristigen Betreuung.
Für unsere Strategie bedeutet das drei Dinge. Erstens setzen wir auf Komplettlösungen im partnerschaftlichen Rahmen, den der Kunde zulässt. Wir denken nicht nur in Designs oder Werbetexten, sondern in Zusammenhängen: Wie passt ein neues Corporate Design zu einer barrierefreien Website? Wie wird Social Media datenschutzkonform gesteuert? Welche Kanäle entfalten unter rechtlichen Rahmenbedingungen die höchste Wirkung? Diese vernetzte Denkweise ist von einem USP zum erwarteten Standard geworden.
Zweitens fördern die neuen Regeln eine Kultur langfristiger Partnerschaften. Websites sind keine statischen Produkte mehr, sondern erfordern kontinuierliche Pflege, Updates und Weiterentwicklung. Drittens gehört für uns Wissensvermittlung dazu – etwa über IHK-zertifizierte Weiterbildungen im Online-Marketing in Kooperation mit der HSB Akademie. Regulierung treibt den Markt damit in Richtung Verantwortung, Partnerschaft und nachhaltigen Erfolg.

Welche Herausforderungen sehen Sie bei der Einhaltung neuer Vorschriften im Bereich User Experience?
Die größte Herausforderung ist der praktische Spagat. Ein gutes Nutzererlebnis soll flüssig, intuitiv und schnell sein. Viele Vorschriften verlangen jedoch Erklärungen, Einwilligungen und alternative Zugangswege, die den Nutzerfluss unterbrechen können. Die Kunst besteht darin, diese Pflichtelemente so verständlich und elegant einzubetten, dass sie nicht als Hürde wahrgenommen werden. Ein schlecht umgesetzter Cookie-Hinweis kann den ersten Eindruck einer Website sofort zerstören. Hier gilt es täglich, tragfähige Kompromisse zwischen rechtlichen Anforderungen und Nutzererwartungen zu finden.

Wie reagieren Webagenturen auf diese regulatorischen Anpassungen in der Praxis?
Wir gehen das Thema pragmatisch und strukturiert an. Zum einen binden wir rechtliche und konzeptionelle Aspekte sehr früh in den Prozess ein, sodass problematische Ideen rechtzeitig erkannt und regelkonforme Alternativen entwickelt werden können. Das ist effizienter, als fertige Designs später umzubauen. Zum anderen arbeiten wir mit geprüften Bausteinen und regelmäßigen Schulungen. Wir haben eine Datenbank an gestalterischen und technischen Lösungen aufgebaut, von denen wir wissen, dass sie den Anforderungen entsprechen, und sensibilisieren unser gesamtes Team für diese Themen. Gute Regulierung beginnt im Denken, nicht im Paragraphen.

Welche gesellschaftlichen Trends könnten die zukünftige Regulierung von User Experience beeinflussen?
Ein zentraler Trend ist das wachsende Misstrauen gegenüber manipulativen Taktiken im Netz. Irreführende Buttons oder undurchsichtige Abonnements werden zunehmend abgelehnt, was klare gesetzliche Grenzen für sogenannte Dark Patterns erwarten lässt. Hinzu kommt die Forderung nach fairer und nachvollziehbarer Technik, insbesondere wenn Künstliche Intelligenz das Nutzererlebnis personalisiert. Nutzer wollen verstehen, warum ihnen Inhalte angezeigt werden. Schließlich gewinnt auch Nachhaltigkeit an Bedeutung: Digitale Produkte verbrauchen Energie, sodass künftig auch Vorgaben zur Effizienz von Websites denkbar sind. Unsere Aufgabe ist es, diese Entwicklungen früh zu erkennen und Kunden darauf vorzubereiten.

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