Wie haben sich die Rollen innerhalb von Webagenturen im Hinblick auf die Bedeutung von User Experience verändert?
Wir beobachten auf dem Markt eine fundamentale Verschiebung: UX ist keine isolierte Disziplin mehr, die erst kurz vor dem Go-live kosmetisch angewandt wird. Früher war der UX-Designer oft derjenige, der Mockups hübsch machte. Heute sehen wir, dass User Experience zur strategischen Kernkompetenz der gesamten Agentur geworden ist.
In den Agenturprofilen und Projektbeschreibungen zeigt sich, dass die Grenzen verschwimmen. Projektmanager müssen heute UX-Methoden verstehen, um Scopes richtig zu definieren, und Entwickler müssen ein Gespür für Interaktionsdesign haben, um nicht stur nach Ticket zu programmieren. UX hat sich von einer Rolle zu einem Mindset entwickelt, das die gesamte Agenturkultur durchdringt.
Zudem entsteht eine stärkere Spezialisierung im UX-Bereich selbst. Rollen wie UX Researcher oder UX Writer, die vor einigen Jahren in kleineren und mittleren Agenturen kaum existent waren, werden häufiger. Wer heute erfolgreich sein will, verkauft nicht mehr nur Webdesign, sondern evidenzbasierte Nutzerführung. Die Rolle des UX-Verantwortlichen hat sich damit vom Gestalter zum strategischen Berater entwickelt.
Welche Widerstände begegnen Ihnen häufig in den Lernprozessen zur Implementierung neuer User-Experience-Trends?
Der größte Widerstand liegt im Spannungsfeld zwischen Notwendigkeit und Budget. Auf Kundenseite fehlt oft noch das Verständnis dafür, dass UX-Recherche bezahlte Arbeitszeit ist, die einen klaren Return liefert. Viele erwarten sofort sichtbare Ergebnisse und unterschätzen die Bedeutung der Forschungsphase.
Intern stoßen neue UX-Ansätze häufig auf alte Gewohnheiten. Wenn Teams lange in Silos gearbeitet haben, erzeugen integrative Methoden wie Continuous Discovery zunächst Reibung. Hinzu kommt die Geschwindigkeit technologischer Entwicklungen. Agenturen müssen permanent filtern, welche Trends relevant sind und welche nur kurzfristige Hypes darstellen.
Können Sie ein konkretes Beispiel nennen, wie eine Webagentur erfolgreich auf veränderte Nutzererwartungen reagiert hat?
Ein aktuelles Beispiel ist der Umgang mit Barrierefreiheit im Kontext des Barrierefreiheitsstärkungsgesetzes 2025. Eine Agentur aus unserem Netzwerk hat Barrierefreiheit nicht als Pflicht, sondern als Qualitätsmerkmal positioniert.
Ein E-Commerce-Kunde wünschte einen visuell aufwendigen Relaunch. Die Agentur konnte datenbasiert zeigen, dass überladene Interfaces die Conversion senken. Stattdessen setzte sie auf ein Inclusive-Design-Konzept mit klaren Kontrasten, skalierbaren Schriften und sauberer Tastaturnavigation. Das Ergebnis war Rechtssicherheit, bessere Reichweite und eine messbar höhere Performance.
Welche Veränderungen nehmen Sie in der Zusammenarbeit zwischen Designern und Entwicklern wahr?
Das klassische Weiterreichen von Entwürfen ist weitgehend verschwunden. Stattdessen dominieren Design Systems und komponentenbasierte Arbeitsweisen. Entwickler sind früh eingebunden und bewerten technische Machbarkeit bereits in der Konzeptphase.
Beide Disziplinen arbeiten heute an einer gemeinsamen Grundlage. Design Tokens und zentrale Systeme sorgen für Konsistenz und sparen Zeit. Zudem entstehen hybride Rollen wie der UX Engineer, der Design und Code verbindet. Die Zusammenarbeit ist partnerschaftlicher und weniger hierarchisch geworden.
Welche zukünftigen Kompetenzen werden für Webagenturen entscheidend sein?
Wir sehen zwei zentrale Felder: KI-Kompetenz und psychologische Empathie. Während KI zunehmend operative Aufgaben übernimmt, wird die Fähigkeit wichtiger, Ergebnisse zu bewerten und sinnvoll einzuordnen.
Gleichzeitig gewinnt das Verständnis für menschliches Verhalten an Bedeutung. Wenn Technologie das Wie beantwortet, müssen UX-Experten das Warum klären. Beratungskompetenz wird damit zum entscheidenden Faktor. Wer nur umsetzt, wird austauschbar. Wer Nutzerverhalten versteht und strategisch übersetzt, bleibt relevant.