Werkbank trifft Bildschirm, Handwerk im digitalen Alltag

Interview mit Stefan Füll
Stefan Füll, Präsident der Handwerkskammer Wiesbaden, erklärt, wie Digitalisierung im Handwerk vor allem Sichtbarkeit und Organisation verändert und warum handwerkliches Können dabei unverzichtbar bleibt.

Wie wirkt sich die Digitalisierung aktuell auf den Wettbewerb und die Marktstruktur im Handwerkssektor aus?
Die Digitalisierung verändert den Wettbewerb im Handwerk spürbar, allerdings weniger durch einen grundlegenden strukturellen Umbruch als durch eine veränderte Wettbewerbswahrnehmung. Entscheidend ist dabei nicht das handwerkliche Können, sondern vor allem die Sichtbarkeit, Organisation und Erreichbarkeit eines Betriebs. Betriebe konkurrieren heute nicht mehr nur über Qualität und Preis, sondern zunehmend auch über Auffindbarkeit, Reaktionsgeschwindigkeit und Außendarstellung. Wer digitale Werkzeuge sinnvoll einsetzt, etwa für Kundenkommunikation, Terminvergabe oder Social Media, wird schneller gefunden und wirkt professionell sowie zeitgemäß.
Gerade für Kleinstbetriebe mit drei bis fünf Mitarbeitenden kann bereits eine einfache digitale Präsenz einen spürbaren Unterschied machen und mit überschaubarem Aufwand die eigene Marktposition stärken. Dies gilt nicht nur gegenüber Kunden, sondern auch im Wettbewerb um Fachkräfte, insbesondere bei jüngeren Zielgruppen. Gleichzeitig bleibt das Handwerk stark regional geprägt. Persönliche Beziehungen, Vertrauen und lokale Verankerung spielen weiterhin eine zentrale Rolle. Digitalisierung ersetzt diese Faktoren nicht, sondern unterstützt und ergänzt sie. Sie verschiebt die Marktstruktur nicht grundlegend, sondern verstärkt bestehende Stärken oder Schwächen zwischen gut organisierten und weniger gut aufgestellten Betrieben. Entscheidend ist daher, Digitalisierung als Werkzeug zur Unterstützung des Betriebsalltags zu verstehen und nicht als Selbstzweck.

Welche speziellen Herausforderungen und Risiken sehen Sie für Handwerksbetriebe bei der Implementierung digitaler Technologien?
Eine zentrale Herausforderung bei der Digitalisierung im Handwerk ist der anhaltende Zeit- und Ressourcenmangel, insbesondere in kleinen Betrieben, in denen die Inhaberinnen und Inhaber stark operativ eingebunden sind. Digitalisierung wird häufig als zusätzliches Thema wahrgenommen, das neben dem Tagesgeschäft kaum zu bewältigen ist. Hinzu kommt eine spürbare Unsicherheit darüber, welche digitalen Lösungen wirklich sinnvoll sind, zum eigenen Betrieb passen und langfristig einen Nutzen bringen.
Risiken entstehen vor allem dann, wenn digitale Technologien zu komplex sind oder ohne klare Zielsetzung eingesetzt werden und im Vorfeld als vermeintliches Allheilmittel beworben werden. Auch die Kostenfrage spielt eine zentrale Rolle, auch wenn viele Anwendungen heute deutlich günstiger und niedrigschwelliger sind als noch vor einigen Jahren. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Akzeptanz bei den Mitarbeitenden, da nicht jeder sofort mit digitalen Werkzeugen oder geänderten Betriebsabläufen vertraut ist. Hakt es in der Implementierungsphase, kann dies den Betriebsalltag belasten. Digitalisierung darf den Betriebsalltag nicht lähmen oder verkomplizieren, sondern soll ihn spürbar erleichtern. Entscheidend ist daher eine schrittweise, praxisnahe Umsetzung, begleitet von realistischer Erwartungshaltung und passender Unterstützung.
Genau hier setzen die Digitalisierungsberatungsstellen der Handwerkskammern an, auch bei der Handwerkskammer Wiesbaden sowie bei vielen weiteren Kammern in Deutschland. Sie unterstützen Betriebe gezielt bei Fragen der Implementierung digitaler Lösungen, greifen auf gesammelte Erfahrungswerte anderer Handwerksbetriebe zurück und stellen den Zugang zu einem starken Netzwerk her. Dadurch erhalten insbesondere kleine Betriebe Orientierung und praxisnahe Hilfe, die im betrieblichen Alltag direkt umsetzbar ist.

Können Sie ein Beispiel aus Ihrer Praxis nennen, in dem Digitalisierung zu einer messbaren Effizienzsteigerung oder Qualitätsverbesserung führte?
Ein sehr anschauliches Beispiel stammt aus einem Dachdeckerbetrieb aus dem Bezirk der Handwerkskammer Wiesbaden, der gezielt auf Social Media gesetzt hat. Der Betrieb hatte zuvor große Schwierigkeiten, Ausbildungsbewerbungen zu erhalten. Durch eine authentische Präsenz auf verschiedenen Social-Media-Kanälen geben sie kurze Einblicke in den Arbeitsalltag, ihre Arbeit auf Baustellen und zeigen ihr Team. Durch diese Maßnahme konnte die Zahl der Bewerbungen für Ausbildungsplätze deutlich gesteigert werden. Innerhalb eines Jahres gingen wieder mehrere qualifizierte Bewerbungen ein, überwiegend von Jugendlichen aus der Region. Der zeitliche Aufwand blieb überschaubar, der Effekt jedoch klar messbar. Gleichzeitig führte die digitale Sichtbarkeit zu mehr Wertschätzung für das Gewerk. Das Beispiel zeigt, dass Digitalisierung nicht kompliziert sein muss, um Wirkung zu entfalten. Gerade in der Nachwuchsgewinnung bietet sie enorme Chancen für das Handwerk.

Weitere Informationen zum genannten Beispiel:
https://www.op-online.de/region/main-kinzig-kreis/bruchkoebel/die-boygroup-vom-dach-93241569.html
https://www.schultheis-dach.de/
https://www.tiktok.com/@schultheisbedachungen

In welche Richtung glauben Sie, wird sich die Digitalisierung im Handwerk in den nächsten fünf bis zehn Jahren entwickeln?
In den kommenden fünf bis zehn Jahren wird sich die Digitalisierung unserer Einschätzung nach auch im Handwerk noch deutlich anwenderorientierter entwickeln. Durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz passt sich die Technik zunehmend an den Menschen an und nicht umgekehrt. Dieser Trend ist gesamtgesellschaftlich zu beobachten, hat aber gerade im Handwerk eine besondere Bedeutung. Handwerkerinnen und Handwerker sind Werkzeuganwender und Tool-Nutzer, keine IT-Spezialisten. Digitale Lösungen müssen daher intuitiv, verständlich und ohne großen Schulungsaufwand nutzbar sein. KI-gestützte Anwendungen werden in Zukunft noch stärker betriebliche Begleitprozesse vereinfachen, Informationen bündeln und Entscheidungen unterstützen. Gleichzeitig wird das unverzichtbare handwerkliche Können wieder mehr Raum bekommen. Die Digitalisierung wird sich speziell im Handwerk dort durchsetzen, wo sie konkret entlastet und den Menschen in den Mittelpunkt stellt.

Vor dem Hintergrund zunehmender Digitalisierung: Welche Rolle spielt die traditionelle Handwerkskunst in der heutigen Zeit?
Die traditionelle Handwerkskunst spielt auch in Zeiten zunehmender Digitalisierung eine zentrale und unverzichtbare Rolle. Sie bildet das Fundament des Handwerks und steht für Qualität, Erfahrung und fachliches Können. Diese Werte sind heute genauso relevant wie früher und werden durch Digitalisierung nicht ersetzt. Vielmehr schafft Digitalisierung neue Möglichkeiten, handwerkliche Qualität besser zu organisieren, transparenter darzustellen und verständlich nach außen zu kommunizieren.
Speziell für die Fachkräfte von morgen ist die Aussicht auf echtes, qualitätsorientiertes Handwerk ein wichtiger Motivationsfaktor. Digitale Werkzeuge unterstützen vor allem begleitende Prozesse, die nicht den Kern der handwerklichen Arbeit betreffen. Dadurch bleibt mehr Zeit für das Wesentliche: das handwerkliche Arbeiten selbst. Tradition und Moderne stehen somit nicht im Widerspruch, sondern ergänzen sich sinnvoll. Die traditionelle Handwerkskunst bleibt der Maßstab, an dem sich auch die digitale Weiterentwicklung des Handwerks orientiert.

Interview teilen: 

Facebook
Twitter
LinkedIn
WhatsApp
No related posts found for the provided ACF field.

Zum Expertenprofil von Stefan Füll

Handwerkskammer Wiesbaden
Stefan Füll

Weitere Informationen zum Thema finden Sie unter diesem Link:

Weitere Interviews

die neusten BTK Videos