Arndt Kühne: Ein Milliardenhype um NFTs

Arndt Kühne ist Gründer und Geschäftsführer der Berliner Digitalagentur Basilicom. Mit ihm sprechen wir über NFTs, Blockchain-Technologie sowie Kryptokunst.

Arndt Kühne

Alle Welt spricht zur Zeit von NFTs, sogenannte „Non-Fungible Tokens“. Was sind Non-Fungible Tokens genau?

Arndt Kühne: Im Grunde sind NFTs Codeschnipsel auf einer Blockchain. Das können Bilder, Videos, Programme oder Musik sein. Es sind also digitale Inhalte oder virtuelle Güter, man nennt sie auch Assets oder Tokens. Die Blockchain-Technologie macht es möglich, dass der Besitz eines NTFs eindeutig einer Person zugeordnet werden kann und dieses gleichzeitig eine Art Echtheitsnachweis bekommt. Durch dieses Prinzip können Nutzer diese virtuellen Güter besitzen und handeln. Durch die zusätzliche Möglichkeit, die Stückzahl eines solchen Gutes zu limitieren, entstehen Angebot und Nachfrage und die Assets können damit potenziell im Wert steigen. Ein ganz neuer Markt ist da in wahnsinniger Geschwindigkeit entstanden, der sehr viel in der Wirtschaft umkrempelt.

Für das größte Aufsehen hat der Handel über NFT vermutlich auf dem Kunstmarkt gesorgt, wo in diesem Jahr unglaubliche Preise für Kryptokunst erzielt wurden. Und natürlich schlägt die Auseinandersetzung mit den Potenzialen von virtuellen Welten, den sogenannten Metaversen, hohe Wellen. Auf dem NFT-Markt kann es aber genauso um digitale Raritäten aus dem Mode- oder Sportbereich gehen oder um einen Gegenstand in einem Videospiel oder um eine digitale Sammelkarte. Auch Aufsätze, Domain-Namen oder Veranstaltungstickets sind auf den NFT-Marktplätzen zu finden. Und schließlich können auch reale Güter wie beispielsweise Immobilien tokenisiert werden, indem die damit verbundenen Rechte und Pflichten auf den NFT übergehen.

Dieser NFT-Markt funktioniert in der Regel über die Ethereum-Blockchain. Über diese lässt sich zweifelsfrei nachverfolgen, wem das jeweilige Token gehört. Dafür wird in der Blockchain jeder Eigentümer dokumentiert, der die NFT bislang besessen hat. Und das unveränderlich. Die kryptografische Blockchain-Technologie stellt zudem sicher, dass auch die NFT selbst sich niemals ändert. Das bedeutet: Wer ein NFT kauft und später weiterverkaufen will, kann es in der Zwischenzeit nicht fälschen. Als Dokument der Einzigartigkeit und Authentizität der so repräsentierten virtuellen Güter fungiert ein „intelligenter Vertrag“ oder ein Stück Code, der auf dem ERC721-Standard der Ethereum-Blockchain basiert.

Blockchain und NFTs müssen im Kontext der Entwicklung des Internets vom Web1 über Web 2.0 zu Web3 gesehen werden. Web1 waren die Anfänge, mit einfachen und sehr technischen Protokollen für E-Mail, www, Chat usw. Dieses erste Web war sehr offen und dezentral. Mit dem Web 2.0 kamen die großen Tech-Konzerne auf den Plan, um das Internet zu monetarisieren. Google, Facebook und Co. sind Stand heute die zentralen Gatekeeper des Internet für viele Dienste. Hinter Web3 und NFTs steckt die Philosophie, diese zentrale Struktur aufzubrechen und zu dezentralisieren, sie transparenter zu machen, nutzergesteuert und vertrauenswürdig.

Die eingebauten Bezahlmöglichkeiten über Kryptowährungen schaffen einen eigenen Markt, in dem die Monetarisierung nicht mehr durch Mittelsmänner wie die Techkonzerne oder Banken stattfindet, sondern in die Hände der User übergeht. Alte Geschäftsmodelle stehen daher vor großen Disruptionen. Denn letztendlich geht es bei den NFTs darum, die Struktur des Internets und der Wirtschaft gewissermaßen von Grund auf neu aufzubauen und dabei neue Geschäftsmodelle und Transaktionsmöglichkeiten zu schaffen. Es wurden sogar bereits die ersten Unternehmen in sogenannte „dezentralisierte autonome Organisationen“ (DAO) überführt, wie zum Beispiel die Krypto-Börsenplattform Uniswap, in denen Unternehmensprozesse durch Algorithmen abgebildet werden und Entscheidungen durch Nutzerabstimmungen erfolgen.

Was bringt der Besitz von NFTs und welche Anwendungsbereiche gibt es für diese, wenn jeder doch quasi ein individuelles Sammlerstück ist?

Arndt Kühne: Was bringt es mir, einen Picasso zu besitzen? Was macht ihn wertvoll? Der Wert hinter einem NFT ist wie bei realen Kunstwerken abhängig vom Markt, in dem er gehandelt wird. NFTs machen aber Digital Ownership überhaupt erst möglich und wecken damit das Interesse beispielsweise von Sammlern. Der Markt boomt im Multi-Millionen-Dollar-Bereich. Eines der ersten Beispiele für NFTs und CryptoArt waren die Cryptopunks, 10.000 jeweils einzigartige virtuelle Sammelfiguren, die auf der Ethereum-Blockchain gespeichert sind. Heute haben sie ein Handelsvolumen von fast 100 Millionen Dollar.

Neben dem Kunstmarkt als Anwendungsbereich liegt momentan sehr viel Aufmerksamkeit auf den virtuellen Welten oder Metaversen. Denn NFTs lassen sich nicht nur mit realer Kunst oder realem Eigentum verknüpfen, sondern können auch der Repräsentation von Ingame-Items in virtuellen Welten dienen. So zum Beispiel in Axie Infinity, Decentraland oder Sandbox. Bei diesen Blockchain-Computerspielen handelt es sich um Erweiterungen unseres heutigen Internets ins Virtuelle hinein, eine virtuelle Welt, in der ich als Avatar spielen und leben kann. Diese Idee gab es bereits im Science-Fiction-Roman „Ready Player One“ von Ernest Clines, der später von Steven Spielberg verfilmt wurde. Virtuelle Welten, in denen wir mit unseren Avataren „leben”, also spielen, mit eigener Wirtschaft und mit eigener Währung. Allein im letzten Jahr wurden für virtuelle Güter 55 Milliarden ausgegeben. Microsoft-Chef Satya Nadella sprach kürzlich von einem Wandel hin zu „metaversen Geschäftsmodellen“. Mark Zuckerberg hat angekündigt, Facebook in den nächsten zehn Jahren von einem Social-Media-Konzern zu einem Metaverse-Unternehmen zu transformieren.

Erklären Sie doch einmal bitte, wie man in den Besitz von NFTs kommt?

Arndt Kühne: Zunächst einmal brauchen Neulinge auf dem NFT-Markt eine Krypto-Brieftasche oder Crypto-Wallet. Dabei handelt es sich um eine Software, die Passwörter oder digitale Schlüssel beinhaltet und damit geschützt Zugriff auf die Blockchain bietet. Sobald man eine eigene Wallet installiert hat, erstellt man darin seinen persönlichen Account und kann sich fortan über die gängigen Authentifizierungsverfahren in der Wallet anmelden. Ähnlich wie die Paypal-App auf dem Handy. In der Wallet gibt es unterschiedliche Konten, auf denen man Euro oder Kryptowährungen speichern kann. So kann man auch Euro einzahlen und in Kryptowährungen tauschen. Danach verbindet man die Wallet mit dem gewünschten Handelsplatz im Internet. Und schon kann man potenziell damit beginnen, die ersten NFTs zu erwerben. Das Ganze ist allerdings mit Vorsicht zu genießen, man sollte sich vorher sehr intensiv mit dem Thema Blockchain und NTFs auseinandersetzen.

Ein Weg zur eigenen Wallet und zu Blockchain-Anwendungen ist beispielsweise über den Wallet-Anbieter Metamask, der nach eigenen Angaben bereits über mehr als eine Million User verfügt. Auf NFT-Marktplätzen wie OpenSea, Sandbox und Superrare lassen sich NFT tauschen oder handeln. Auf dem wohl momentan größten NFT-Marktplatz OpenSea beispielsweise lassen sich NFTs in diversen Kategorien erwerben, die von Kunst über Sport, Musik und vieles mehr reichen. Das alles ohne Gewähr.

Warum treten so viele Experten dem NFT-Hype kritisch entgegen?

Arndt Kühne: Naja, neben dem ganzen verständlichen Hype ist diese NFT-Welt noch wirklich jung, und so gibt es immer wieder Angriffe auf Wallets und Portale. Beispielsweise können Hacker Kryptowährung stehlen, indem sie Fehler in den Protokollen ausnutzen. Aktuell geht es dort wie im Wilden Westen zu, es gibt Goldschürfer und jede Menge Betrüger.

Eine Sicherheitslücke, die noch zu beheben ist, liegt in der Verlinkung zu URLs, an denen die jeweiligen NFTs mit allen informativen Details dazu gespeichert werden. Wer nicht aufpasst, hat plötzlich einen toten Link … und damit in einigen Fällen auch kein NFT mehr. Weitere Einfallstore für Angriffe liegen in ungesicherter Speicherung von Daten der NFT-Käufer. Die meisten Diebstähle von Kryptowährung passieren, wenn User ihre Wallets online oder offline nicht genügend sichern. Aber auch vom Missbrauch digitaler Urheberschaft wurde schon berichtet. Zudem werden der massive Stromverbrauch und die Umweltauswirkungen von NFTs rege diskutiert.

Und dann ist da sicherlich auch Angst im Spiel, nicht unbegründet. Zum einen Angst vor der Disruption bestehender Geschäftsmodelle. Denn wenn sich der dezentral strukturierte Blockchain-Markt durchsetzt, werden Vermittler jeglicher Art wie Anwälte, Banker und Makler nicht mehr so richtig notwendig für die Transaktionen zwischen Käufern und Verkäufern sein. Zum anderen weiß man einfach nicht, wie Regierungen künftig regulierend in die neuen Märkte eingreifen werden. China beispielsweise hat ja kürzlich sogar alle Transaktionen mit Kryptowährungen verboten.

Könnten diese speziellen Token das Kunstsammeln der Zukunft sein?

Arndt Kühne: Wenn man sich kürzliche Versteigerungen bei Christies, Sotheby’s etc. ansieht, scheinen sie das zu sein. NFT-Kunstwerke können entweder rein digital vorliegen oder sie bestehen aus zwei Komponenten: Zum einen das Kunstwerk selbst, das es digital oder manchmal auch physisch gibt, zum anderen das digitale Token, das ebenso vom Künstler geschaffen wurde und sein Kunstwerk repräsentiert. Hierbei spricht man von Tokenisierung. Beides ist sammel- und handelbar.

Meiner Meinung nach geht aber alles Richtung Metaverse. Das ist ein Multimilliarden-, wenn nicht Billionenmarkt. Auch da können Kunstwerke gehandelt werden, darüber hinaus aber auch alles andere, was man für ein Leben in der virtuellen Welt so “braucht”. Gerade erst hat Facebook 50 Millionen US-Dollar in die Metaverse-Forschung investiert. 

Was würden Sie sagen: Sind NFTs als rentable Geldanlage oder eher als riskante Spielerei einzuschätzen?

Arndt Kühne: Ich würde sagen, sie sind hochriskante Spekulationsobjekte, mit denen man mit Glück sehr hohe Renditen erzielen kann. Ich schätze sie riskanter als Aktien ein, weil sie noch viel weniger Regulierung unterworfen sind. Zudem wird der NFT-Markt immer komplexer. Was bedeutet, dass es als Anleger enorm viele Kenntnisse benötigt, um die Funktionsweise zu verstehen und die Chancen und Risiken abwägen zu können.

Viel wichtiger finde ich aber, dass sich Unternehmen heute schon mit den neuen Marketing- und Vertriebsmöglichkeiten in Bezug auf diese neuen Märkte beschäftigen. NFTs sind für uns nichts anderes als physische Produkte. Ein Metaverse ist ein neuer Absatzmarkt der Zukunft, ein neuer Kanal, wie heute TikTok oder Amazon. Die Vollständigkeit der Produktdaten und die richtige Infrastruktur in der Kanalausgabe sind entscheidend, um Themenführerschaft in diesen neuen Märkten zu erlangen und damit schon heute den Grundstein für eine Marktführerschaft im Internet von Morgen zu legen.

Herr Kühne, vielen Dank für das Gespräch!

Ein Kommentar auch kommentieren

  1. Schlager sagt:

    Hallo Arndt – NFT ist ein spannendes Thema! Vielen Dank für den guten Einblick. Gut zu wissen, dass Basilicom neben Produkt-Content-Hubs, digitalen Produkt-Zwillingen und Order-Management-Systemen auch über den Tellerrand ins Metavers schaut! Das macht Spaß!
    Grüße Martina

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