Wie nehmen Sie derzeit die Entwicklung der finanziellen Bildung in Deutschland wahr, insbesondere im Hinblick auf die jüngere Generation?
Ich bemerke, dass im Umfeld meiner vier Kinder in den letzten Jahren immer mehr über Geld gesprochen wird. Das hängt, vermute ich, an zwei Aspekten: Finfluencer sprechen viele Themen an, oft ohne sie gründlich zu erklären. Aber sie stoßen eine Auseinandersetzung an, die es vorher in diesem Umfang nicht gab. Mittlerweile sind praktisch alle Informationen, die Sie als Selbstentscheider:in brauchen, frei online zugänglich, was aber nicht heißt, dass das auch genutzt würde.
Zudem habe ich den Eindruck, dass viele junge Menschen gesellschaftlich sehr negative Eindrücke von Finanzen haben: die Sorge, dass das staatliche Rentensystem nicht reicht, und dass Wohnraum zunehmend unerschwinglich wird, auch wenn man lange spart. Das hat zumindest den positiven Nebeneffekt, dass die jungen Menschen sich mehr und eigenständiger mit Finanzfragen auseinandersetzen, als es beispielsweise meine Generation in dem Alter getan hat. In der konkreten Umsetzung sehe ich dann weniger ein Wissensdefizit als eine Schwierigkeit, das umzusetzen. Was fehlt, ist oft das Verständnis für kognitive Verzerrungen, etwa dafür, warum Menschen trotz Wissen nicht konsequent handeln, und davon ausgehend die verhaltenspsychologische Perspektive.
Welche Hindernisse sehen Sie aktuell bei der Implementierung von finanzieller Bildung in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen?
Da ist zentral die Tatsache, dass an Schule und Lehrkräfte immer mehr Erwartungen formuliert werden: von kritischem Umgang mit sozialen Medien, Künstlicher Intelligenz, verständlicherweise Inklusion und einer ganzheitlichen Demokratiebildung – wenn wir als Eltern und Bürger an die Schule nur immer weitere Erwartungen formulieren, landet die Finanzbildung ganz unten auf einer unerfüllten Wunschliste.
Wenn Sie versuchen, ein Modul „Finanzbildung“ über freiwillige Fortbildungen für Lehrkräfte zu integrieren, brauchen Sie auch den zeitlichen Rahmen dafür. Und da sind die Kapazitäten der Lehrpläne begrenzt. Umgekehrt, wenn Sie das fest in den Lehrplan und die Lehrerbildung integrieren wollen, wirkt das sehr zeitverzögert und formuliert an Lehrkräfte sehr spezifische Anforderungen, die nicht immer abgedeckt werden können.
Dazu kommt grundsätzlich, dass wir in Deutschland Geld sehr stark kulturell aufladen. Entweder nach dem Motto „Geld ist der Maßstab für Erfolg“ oder „Geld verdirbt den Charakter“. Dass wir so moralisieren, macht die Auseinandersetzung mit Geld schwieriger. Das fängt schon in den Familien an, wenn wir daran scheitern, Gespräche über Geld zu führen.
Können Sie ein Beispiel aus Ihrer Praxis nennen, bei dem finanzielle Bildung entscheidend zur Verbesserung der Lebensqualität einer Person beigetragen hat?
Ich erlebe immer wieder Menschen, die – trotz teilweise traumatischer Erlebnisse – ihre finanzielle Bildung in die eigenen Hand genommen haben und sich freigeschwommen haben. Sehr beeindruckt hat mich Veronika (Name geändert), die trotz toxischer Glaubenssätze in ihrer Kindheit („Wir hatten nie Erfolg“, „Hauptsache sicher“) ihr Schicksal selbst in die Hand genommen hat und versucht hat, sich eigene Reserven und ein erfolgreiches Business aufzubauen. Mich hat ihre Geschichte so berührt, dass ich sie in meinem neuen Buch „Endlich gut mit Geld. Finanzkompetenz in 12 Wochen.“ erzählt habe. Denn Finanzbildung hat weniger mit Zahlen und deutlich mehr mit innerer Haltung zu tun, als man meint.
Inwiefern hat sich Ihre Herangehensweise an die Beratung verändert, um finanzielle Bildung stärker in den Fokus zu rücken?
Grundsätzlich beraten wir unsere Mandanten nie nur als Einzelpersonen, sondern übernehmen Verantwortung für ein Mandat, das die gesamte Familie umfasst. Logischerweise werden Partner:innen und Kinder darin einbezogen. Wir schaffen in unseren Beratungsgesprächen die Grundlage, dass alle Beteiligten informiert mitreden und mitentscheiden können. Finanzbildung ist damit die systematische Grundlage für einen ganzheitlichen Beratungsansatz, der mehrere Generationen umfasst. Und dabei geht es nicht nur um die Basics am Kapitalmarkt, sondern besonders um Verhaltenspsychologie und den individuellen Blick auf Identität und die eigenen Werte, die den Umgang mit Geld prägen.
Als Antwort auf dieses Interesse veranstaltet mein Sozius Stefan Heringer jedes Jahr öffentliche Webinare für die „Next Generation“. Damit soll finanzielle Bildung auch außerhalb unserer Mandantenschaft zugänglicher werden. Wer sich zu den Blog & Events der Neunundvierzig Honorarberatung anmeldet, wird übrigens automatisch dazu eingeladen. Zudem organisieren wir anlassbezogen immer wieder Veranstaltungen, die beim gelassenen Umgang in Krisen helfen, sowohl für Mandanten als auch öffentlich.
Schließlich war die immense Nachfrage nach Finanzbildung eine wichtige Motivation für mich, mein drittes Finanzbuch „Endlich gut mit Geld. Finanzkompetenz in 12 Wochen“ zu schreiben. Ich hatte den Eindruck, dass zwischen dem verfügbaren Wissen und der konkreten Anwendung da oftmals noch eine Lücke klafft, die ich gerne schließen möchte. Denn die Frage „Was soll ich mit meinem Geld tun?“ greift oft zu kurz, wenn man sich nicht auch die Frage beantworten kann, „warum ist Geld wichtig für mein Leben“.
Welche Entwicklungen erwarten Sie in den kommenden Jahren hinsichtlich der Integration finanzieller Bildung in das öffentliche Bildungssystem?
Ganz ehrlich: Aktuell sehe ich keine politische Initiative, die finanzielle Bildung strukturiert ins öffentliche Bildungssystem integrieren würde. Ich glaube aber, dass das zunehmende Interesse junger Menschen einen Druck erzeugt, den auch das Schulsystem wahrnimmt und auffangen möchte. Das sollte bestenfalls nicht an einzelnen engagierten Lehrkräften hängen bleiben.
Realistisch wäre ein Online-Modul zur Finanzbildung, das von den zuständigen Kultusministerien in Zusammenarbeit mit Verbraucherschützern entwickelt wird. Das könnte wahlweise angeboten und von ein bis zwei interessierten Lehrkräften pro Schule mit einer wöchentlichen Stunde zum gemeinsamen Austausch begleitet werden. Kein neues Schulfach, sondern ein kompetenzorientiertes Querschnittsthema.
Ausdrücklich warnen möchte ich davor, die Finanzlobby zu eng zu beteiligen: Sonst besteht das Risiko, dass Schulen, wie aktuell manche Hochschulen, zum Absatzkanal für Strukturvertriebe werden, die junge Menschen über den Tisch ziehen. Dieser strukturelle Interessenkonflikt zwischen der Finanzbranche, die Produkte verkaufen will, und Menschen, die sich informieren und gut entscheiden wollen, ist nur durch eine enge Bindung an Neutralität und Verbraucherschutz aufzulösen. Und da kommt der Staat als regulierende Instanz ins Spiel, der endlich den Einfluss der Finanzlobby einschränken muss.
Wichtig wäre mir persönlich außerdem, dass ein solches Format für alle Schulformen angeboten und zugeschnitten wird. Und dann darf Finanzbildung nicht aufs Investieren beschränkt bleiben, sondern muss breiter gedacht werden: Kapitalmarkt-Basics, Verhaltenspsychologie, nötige Versicherungen, Vorsorgevollmachten, aber auch die Auseinandersetzung mit den eigenen Glaubenssätzen und Werten.