Herr Thieme, vielen Dank, dass Sie heute bei uns sind. Beginnen wir direkt: Die anhaltend hohe Inflation ist ein Thema, das viele Menschen beschäftigt. Wie beeinflusst sie konkret die aktuelle Rentensituation in Deutschland?
Sven Thieme: Vielen Dank für die Einladung. Die Inflation wirkt wie ein heimlicher Steuerungsfaktor: Sie schmälert die realen Kaufkraftwerte – also was Ihre Rente tatsächlich noch wert ist, nachdem die Preise für Alltagsgüter gestiegen sind. Selbst wenn die nominalen Rentenzahlungen steigen, verlieren sie oft an realer Wirkung, wenn die Inflation darüber liegt. Genau das erleben wir derzeit – was für viele Rentner zu spürbaren Einbußen führt.
Bedeutet das, dass die gesetzliche Rente allein nicht mehr ausreicht?
Thieme: Genau. Die gesetzliche Rente war nie als alleinige Existenzsicherung gedacht, sondern als Grundpfeiler. Aber mit langen Laufzeiten, niedrigen Zinsen und hoher Inflation verliert sie real an Stärke. Wer ausschließlich darauf vertraut, steht im Alter vor echten finanziellen Herausforderungen.
Welche Folgen hat das für die Generation der 30- bis 50-Jährigen, die noch Jahrzehnte bis zur Rente haben?
Thieme: Zwei Dinge sind zentral: Zeit und Rendite. Wer früh anfängt, kann den Zinseszinseffekt für sich nutzen und finanzielle Freiräume schaffen, die später enorm wirken. Gleichzeitig müssen Anlageformen gewählt werden, die realrenditestark sind – also die Inflation zumindest ausgleichen oder übertreffen. Klassische Sparbücher tun das aktuell nicht.
Heißt das, man sollte mehr Risiko eingehen?
Thieme: Risiko und Rendite gehen grundsätzlich Hand in Hand. Es geht nicht darum, blind Risiken einzugehen, sondern sie bewusst zu managen. Eine ausgewogene Altersvorsorge kombiniert konservative Komponenten – etwa sichere Rentenbausteine – mit renditeorientierten Anlagen wie breit gestreuten Aktienfonds. Wichtig ist, Maßnahmen auf die persönliche Lebenssituation und Risikotoleranz abzustimmen.
Viele Menschen sagen, „Ich verdiene zu wenig, um zusätzlich zu sparen“. Was entgegnen Sie?
Thieme: Das ist ein häufiges Gefühl – aber oft eine Frage der Priorisierung. Schon kleine, regelmäßige Beiträge können über Jahre erheblich wirken. Altersvorsorge ist keine Zusatzoption für Reiche, sondern strategische Lebensplanung. Gerade bei jüngeren Menschen lohnt sich der frühe Einstieg. Und es gibt flexible Modelle, die sich an Einkommen anpassen lassen.
Welche Rolle spielt die politische Dimension – also staatliche Reformen bei Rente und Inflationsschutz?
Thieme: Politik kann Rahmenbedingungen setzen, zum Beispiel über steuerliche Anreize für private Vorsorge oder die Stabilisierung der gesetzlichen Rentenbalance. Aber politische Entscheidungen wirken meist langfristig und sind abhängig von wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Individuelle Vorsorge bleibt deshalb ein unverzichtbarer Baustein – unabhängig davon, was politisch kommt.
Was empfehlen Sie als ersten Schritt für jemanden, der bisher kaum über Altersvorsorge nachgedacht hat?
Thieme: Zuerst eine Bestandsaufnahme: Einnahmen, Ausgaben, bestehende Vorsorgestrukturen. Dann Ziele definieren – etwa „Ich möchte mit 67 meinen Lebensstandard zu 80 % halten“. Erst dann macht es Sinn, passende Instrumente zu wählen. Und: Regelmäßig überprüfen und anpassen. Finanzplanung ist kein einmaliger Akt, sondern ein Prozess.
Zum Abschluss: Was ist Ihr persönlicher Rat in einem Satz?
Thieme: Beginnen Sie heute – denn jede Verzögerung kostet Sie langfristig Rendite und Kaufkraft.
Vielen Dank für das Interview, Herr Thieme.