Welche aktuellen Trends beobachten Sie im Bereich der finanziellen Bildung und wie beeinflussen diese die Finanzberatungsbranche?
Im Bereich der finanziellen Bildung beobachten wir aktuell einen klaren Paradigmenwechsel: weg von reiner Wissensvermittlung hin zur Befähigung, finanzielle Entscheidungen selbstbewusst und souverän zu treffen. Gerade jüngere Menschen zeigen ein hohes Interesse an Finanzthemen, fühlen sich jedoch häufig von der Komplexität und der Vielzahl an Informationen überfordert.
Ein zentraler Trend ist daher die stärkere Ausrichtung auf Alltagsnähe und Entscheidungskompetenz. Für uns bei RWS wird Finanzbildung zunehmend als Lebenskompetenz verstanden – mit Fokus auf Haushaltsplanung, Absicherung, langfristige Vorsorge und den bewussten Umgang mit Risiken. Parallel gewinnt digitale Finanzkompetenz an Bedeutung. Informationen sind jederzeit verfügbar, gleichzeitig wächst der Bedarf nach Einordnung und persönlicher Orientierung.
Hinzu kommt, dass Kapitalmarkt- und Nachhaltigkeitsthemen den Erklärungsbedarf weiter erhöhen. Begriffe wie ESG oder Sustainable Finance entfalten nur dann Wirkung, wenn ihre Funktionsweisen, Zielkonflikte und Grenzen verständlich vermittelt werden. Für RWS bedeutet das eine klare Verschiebung: Beratung entwickelt sich weg vom reinen Produktfokus hin zu einer langfristigen Begleitung.
Was sind die größten Hindernisse, die Finanzberater derzeit bei der Vermittlung von finanziellem Wissen an ihre Kunden erleben?
Eines der größten Hindernisse ist die Diskrepanz zwischen der steigenden Komplexität finanzieller Themen und der begrenzten Aufnahmebereitschaft vieler Kundinnen und Kunden. Finanzentscheidungen betreffen heute Altersvorsorge, Kapitalmarkt, Kreditverantwortung, Digitalisierung und Nachhaltigkeit – häufig ohne ausreichendes Vorwissen oder klare Struktur.
Hinzu kommt eine spürbare Unsicherheit. Viele Menschen fürchten Fehlentscheidungen oder fühlen sich durch widersprüchliche Informationen überfordert. Das führt nicht selten zu Aufschub oder zu stark vereinfachten Entscheidungen. Ein weiteres Hindernis ist das Informationsumfeld selbst: soziale Medien und vermeintlich einfache Lösungen erzeugen Erwartungen, die in der Beratung zunächst eingeordnet werden müssen.
Zeitdruck, regulatorische Anforderungen und historisch gewachsene Produktlogiken lassen zudem oft wenig Raum für echte Bildungsarbeit. Finanzbildung entfaltet ihre Wirkung jedoch im Dialog über mehrere Gespräche hinweg.
Können Sie ein Beispiel aus Ihrer Praxis nennen, bei dem finanzielle Bildung zu einer signifikanten Verbesserung der finanziellen Situation eines Kunden geführt hat?
Ein Beispiel aus unserer Praxis betrifft die Altersvorsorge eines Kunden, der über Jahre mehrere Verträge abgeschlossen hatte, ohne deren Zusammenspiel, Kostenstruktur oder Flexibilität wirklich zu verstehen.
Im ersten Schritt haben wir bewusst keine Produkte empfohlen, sondern gemeinsam eine strukturierte Finanzanalyse durchgeführt. Einnahmen und Ausgaben wurden transparent gemacht, bestehende Verträge analysiert und persönliche Ziele geklärt. Dabei wurde sichtbar, wo Versorgungslücken bestehen und wo Absicherungen überdimensioniert waren.
Mithilfe objektiver Vergleichsrechner und einer an der DIN-Finanznorm orientierten Priorisierung konnte der Kunde nachvollziehen, warum bestimmte Themen wichtiger sind als andere. Das Ergebnis war nicht nur eine bessere Struktur, sondern vor allem ein deutlich höheres Verständnis und Sicherheitsgefühl bei finanziellen Entscheidungen.
Wie haben sich Ihre Methoden oder Ansätze in der Zusammenarbeit mit Kunden verändert, um finanzielle Bildung effektiver zu vermitteln?
Unsere Methoden haben sich bewusst weiterentwickelt. Finanzbildung setzt heute nicht mehr beim Produkt an, sondern beim Menschen, seinen Zielen und seiner individuellen Situation. Das bedeutet: zuhören, strukturierte Fragen stellen und Zusammenhänge gemeinsam erarbeiten, bevor Lösungen diskutiert werden.
Ein zentraler Baustein ist die Qualifizierung unserer Beraterinnen und Berater über die RWS-Akademie. Neben fachlichem Know-how geht es dabei auch um Kommunikationsfähigkeit, Entscheidungs- und Gestaltungskompetenz sowie Persönlichkeitsentwicklung. Ergänzend nutzen wir strukturierte Analyse- und Entscheidungsprozesse, unterstützt durch digitale Tools, die Transparenz schaffen und finanzielle Sachverhalte nachvollziehbar ordnen.
Welchen Entwicklungen sehen Sie in der Zukunft entgegen, die die Bedeutung von finanzieller Bildung weiter verstärken könnten?
Die Bedeutung finanzieller Bildung wird weiter zunehmen, da Finanzentscheidungen komplexer und stärker mit gesellschaftlichen Fragen verknüpft werden – von Altersvorsorge über Kapitalmarktteilnahme bis hin zu Nachhaltigkeit und Digitalisierung.
Ein wichtiger Treiber ist Sustainable Finance. Gemeinsam mit dem WWF Deutschland haben wir unsere Kooperation neu ausgerichtet, um finanzielle Bildung stärker in den Mittelpunkt zu stellen. Geplant sind unter anderem digitale Finanzkurse sowie Kundenveranstaltungen in digitalen und Präsenzformaten.
Gleichzeitig wird deutlich, dass finanzielle Bildung ohne Persönlichkeitsentwicklung an Grenzen stößt. Deshalb bauen wir unsere Angebote weiter aus, unter anderem durch eine Kooperation mit dem GABAL Verband. Mit Projektwochen zur Finanzbildung an berufsbildenden Schulen setzen wir zudem bewusst früh an.