Steuerliche Gestaltung unter Vorbehalt

Interview mit Heike Müller
Heike Müller, Steuerberaterin und Partnerin bei FALK in Berlin, ordnet aktuelle steuerliche Gestaltungsoptionen ein und erklärt, warum Belastbarkeit und Transparenz in der Beratung an Bedeutung gewinnen.

Welche neuen steuerlichen Möglichkeiten sehen Sie aktuell für Unternehmen, um ihre Steuerlast effizienter zu gestalten?
Die aktuellen steuerlichen Gestaltungsmöglichkeiten sind weniger durch grundlegend neue Steuersparmodelle geprägt als vielmehr durch gezielte, häufig zeitlich befristete steuerpolitische Anreize, die Unternehmen Liquiditäts- und Planungsvorteile verschaffen können.

Im Mittelpunkt stehen insbesondere Investitions- und Abschreibungsanreize. Die Anwendung degressiver Abschreibungen für bewegliche Wirtschaftsgüter ermöglicht eine beschleunigte steuerliche Berücksichtigung von Investitionskosten und führt primär zu einer zeitlichen Entlastung der Steuerzahlungen. Zudem wurde die Möglichkeit eingeräumt, bei der Abschreibung bestimmter Computerhardware und Software eine Nutzungsdauer von einem Jahr zugrunde zu legen. Der daraus resultierende Liquiditätseffekt kann insbesondere in investitionsintensiven Phasen von erheblicher Bedeutung sein.

Eine besondere Rolle spielt die steuerliche Förderung der Elektromobilität im Unternehmensbereich. Erweiterte Abschreibungsmöglichkeiten und angehobene Wertgrenzen bei der Dienstwagenbesteuerung erhöhen die steuerliche Attraktivität entsprechender Investitionen und verbinden steuerliche Effekte mit ökologischen Lenkungswirkungen.

Darüber hinaus gewinnt die steuerliche Forschungsförderung zunehmend an Bedeutung. Die Ausweitung der Forschungszulage, insbesondere durch höhere Bemessungsgrundlagen und pauschale Gemeinkostenzuschläge, macht dieses Instrument auch für mittelständische Unternehmen attraktiver. Da die Förderung unabhängig von der Ertragslage wirkt, kann sie selbst in Verlustphasen liquiditätswirksam eingesetzt werden.

Schließlich eröffnet die fortschreitende Digitalisierung neue Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung und Risikominimierung. Automatisierte Prozesse, datenbasierte Analysen und digitale Schnittstellen tragen dazu bei, steuerliche Potenziale besser zu identifizieren und gleichzeitig Compliance-Anforderungen sicherer zu erfüllen.

Zusätzlich sinkt ab 2028 der Körperschaftsteuersatz schrittweise um jeweils einen Prozentpunkt auf zehn Prozent im Jahr 2032. Unternehmen können ihre Steuerlast durch gezielte Gewinnverlagerung, Investitionsentscheidungen und Thesaurierungsbegünstigungen optimieren. Auch der Solidaritätszuschlag reduziert sich entsprechend. Eine vorausschauende Steuerplanung ist daher empfehlenswert.

Gibt es spezifische steuerliche Unsicherheiten oder Risiken, die Unternehmen in der gegenwärtigen Lage besonders beachten sollten?
Parallel zu erweiterten Gestaltungsspielräumen ist eine deutliche Zunahme steuerlicher Risiken zu beobachten. Diese resultieren sowohl aus der steigenden Komplexität der steuerlichen Regelungen als auch aus einer intensivierten und digitalisierten Prüfungspraxis der Finanzverwaltung.

Ein zentrales Risikofeld bleibt die Umsatzsteuer. Insbesondere im grenzüberschreitenden Waren- und Dienstleistungsverkehr führen formale Fehler häufig zu erheblichen Steuernachforderungen. Die Anforderungen an Nachweise und Dokumentationen sind hoch, während die Toleranz der Finanzverwaltung für Abweichungen kontinuierlich sinkt.

Hinzu kommt die Digitalisierung der Betriebsprüfung. Durch den umfassenden Zugriff auf Unternehmensdaten und den Einsatz automatisierter Prüfungsroutinen werden Unstimmigkeiten schneller erkannt. Klassische Risikobereiche sind Verrechnungspreise, konzerninterne Leistungen, Finanzierungsbeziehungen sowie verdeckte Gewinnausschüttungen.

Besondere Unsicherheiten ergeben sich zudem aus der internationalen Mindestbesteuerung von 15 Prozent (Pillar Two), die für betroffene Unternehmensgruppen umfangreiche neue Compliance-Pflichten mit sich bringt.

Weitere relevante Risikobereiche betreffen die steuerliche Anerkennung von Rückstellungen, Haftungsfragen der Geschäftsleitung sowie steuerliche Regelungen im Zusammenhang mit Unternehmensübertragungen oder Restrukturierungen.

Anhaltende Diskussionen ergeben sich zudem im Bereich der Erbschaftsteuer. Auch wenn derzeit keine konkreten Gesetzesänderungen absehbar sind, können zukünftige Anpassungen nicht ausgeschlossen werden.

Welche entscheidenden Kriterien sollten Steuerberater bei der Beratung von Unternehmen in Zeiten häufig wechselnder Steuergesetze berücksichtigen?
In einem Umfeld hoher gesetzgeberischer Dynamik verschiebt sich der Maßstab professioneller Steuerberatung deutlich. Entscheidend ist nicht mehr allein die kurzfristige Steuerersparnis, sondern die Nachhaltigkeit und Belastbarkeit steuerlicher Entscheidungen.

Ein zentrales Kriterium ist die Zukunftsfähigkeit steuerlicher Gestaltungen. Maßnahmen sollten nicht isoliert, sondern im Rahmen von Szenario- und Sensitivitätsanalysen beurteilt werden, um ihre Wirkung auch unter veränderten rechtlichen Rahmenbedingungen einschätzen zu können.

Darüber hinaus gewinnt die Prüfungsfestigkeit an Bedeutung. Dokumentationsqualität, wirtschaftliche Substanz und Fremdvergleichsfähigkeit sind wesentliche Voraussetzungen, um steuerliche Positionen dauerhaft abzusichern. Standardisierte Lösungen verlieren an Bedeutung, während individuell zugeschnittene Beratungskonzepte an Relevanz gewinnen.

Unverzichtbar ist zudem eine transparente Kommunikation über Chancen, Risiken und Unsicherheiten. Steuerberatung entwickelt sich zunehmend von einer punktuellen Gestaltungsleistung zu einem kontinuierlichen Begleitprozess.

Welche steuerlichen Anpassungen haben sich als besonders wirkungsvoll erwiesen, um Unternehmen durch wirtschaftlich schwierige Zeiten zu navigieren?
In wirtschaftlich angespannten Phasen bewähren sich insbesondere liquiditätswirksame und belastbare steuerliche Maßnahmen. Dazu zählen Steuerstundungen sowie die Anpassung von Vorauszahlungen, die kurzfristig finanziellen Spielraum schaffen.

Von zentraler Bedeutung ist zudem die konsequente Nutzung von Verlustverrechnungsmechanismen, insbesondere des Verlustrücktrags, der eine Rückerstattung bereits gezahlter Steuern ermöglicht und unmittelbar liquiditätsstärkend wirkt.

Beschleunigte Abschreibungen und eine gezielte Steuerbilanzpolitik können zusätzliche Stabilisierungseffekte bringen. Förderinstrumente wie die Forschungszulage gewinnen in Krisenzeiten besondere Bedeutung, da sie unabhängig von der aktuellen Ertragslage wirken.

Ebenso wichtig ist die aktive Reduzierung steuerlicher Risiken. Die Bereinigung potenzieller Altlasten verhindert zusätzliche Belastungen in ohnehin angespannten Situationen und trägt wesentlich zur Stabilisierung der Unternehmenslage bei.

Wie bereiten Sie sich strategisch auf zukünftige steuerliche Entwicklungen vor, um Unternehmen weiterhin optimal unterstützen zu können?
Die vorausschauende Vorbereitung auf künftige steuerliche Entwicklungen ist zu einem zentralen Element moderner Steuerberatung geworden. Grundlage hierfür sind systematische Frühwarnmechanismen zur Beobachtung nationaler und internationaler Gesetzgebungsprozesse.

Ergänzend gewinnen Szenarioplanung, kontinuierliche fachliche Weiterbildung und der gezielte Einsatz digitaler Technologien an Bedeutung. Diese ermöglichen es, steuerliche Auswirkungen frühzeitig zu analysieren und Handlungsoptionen strukturiert darzustellen.

Darüber hinaus spielen Spezialisierung und interdisziplinäre Zusammenarbeit eine zunehmend wichtige Rolle. Steuerberatung entwickelt sich damit von einer reaktiven Tätigkeit hin zu einer strategischen Begleitfunktion.

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Heike Müller

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