Vermögensaufbau als neues Zentrum der Finanzberatung

Interview mit Jan Biedermann
Jan Biedermann ist Geschäftsführer einer unabhängigen Finanzberatung in Berlin. Im Gespräch beschreibt er, wie sich Vermögensaufbau, Beratung und Kooperationen in wirtschaftlich unsicheren Zeiten grundlegend verschieben.

Welche strategische Relevanz hat der Vermögensaufbau für Finanzberater in wirtschaftlich unsicheren Zeiten?

Der Vermögensaufbau besitzt für Finanzberater in wirtschaftlich unsicheren Zeiten eine sehr hohe strategische Relevanz. Eine zentrale Grundlage für die Wettbewerbsfähigkeit von Finanzberatern besteht darin, Kunden trotz der zunehmenden Möglichkeiten durch Onlinebroker weiterhin einen Mehrwert zu bieten. Dieser Mehrwert liegt insbesondere in der Unterstützung bei Kapitalmarktinvestitionen durch fachliche Expertise, rationale Entscheidungsfindung und eine langfristig ausgerichtete Anlagestrategie.

Während Onlinebroker den reinen Marktzugang ermöglichen, übernehmen Finanzberater eine führende Rolle bei der Einordnung von Risiken, der Vermeidung emotionaler Fehlentscheidungen und der individuellen Ausrichtung des Vermögensaufbaus. Viele Kunden sind entweder nicht in der Lage, Risiken korrekt einzuschätzen, oder wünschen sich bewusst eine „führende Hand“, die sie durch volatile Marktphasen begleitet. Der Wettbewerb besteht daher nicht mehr ausschließlich zwischen Finanzberatern, sondern zunehmend auch zwischen Beratern und digitalen Brokern.

Ein weiterer strategischer Aspekt liegt in der bewussten Selektion des Leistungsangebots. Statt ein vollständiges Produktportfolio anzubieten, fokussieren sich viele Berater auf ausgewählte Kompetenzfelder, insbesondere den strukturierten Vermögensaufbau. Dies stärkt die Beratungsqualität und erhöht die Glaubwürdigkeit gegenüber dem Kunden.

Auch aus Ertragssicht ist der Vermögensaufbau strategisch relevant: Im Rahmen von Vermögensverwaltungen oder langfristigen Anlagestrukturen steigen die Einnahmen des Beraters prozentual mit dem wachsenden Vermögen der Kunden. Gleichzeitig fördert ein langfristiger Vermögensaufbau eine stabile Kundenbindung, da regelmäßige Betreuung, Anpassungen und strategische Entscheidungen erforderlich sind.

Insgesamt führt diese Entwicklung zu einer grundlegenden Veränderung des Geschäftsmodells in der Finanzberatung. Es reicht zunehmend nicht mehr aus, dem Kunden lediglich Zugang zu Finanzprodukten zu verschaffen. Stattdessen gewinnen Spezialisierungen von Beratern sowie Kooperationen an Bedeutung, um Kunden ganzheitlich beim Vermögensaufbau zu unterstützen – beispielsweise durch die Kombination von Kapitalmarktanlagen, Immobilien und weiteren Anlageklassen.

Welche Veränderungen von Prozessen und Modellen im Vermögensaufbau haben wirtschaftliche Krisen ausgelöst?

Durch wirtschaftliche Krisen haben sich die Prozesse und Modelle im Bereich des Vermögensaufbaus deutlich verändert, wobei insbesondere die Diversifikation eine zentrale Rolle einnimmt. In Krisenzeiten sind alternative Anlageklassen, vor allem Immobilien, stärker in den Fokus gerückt, da sie als vergleichsweise stabile Sachwerte wahrgenommen werden. Gleichzeitig hat die Bedeutung von breit gestreuten ETFs sowie dividendenstarken Investments zugenommen.

Ein wesentliches Merkmal moderner Vermögensaufbaustrategien ist das verstärkte weltweite Investment. Durch globale Diversifikation können Kurseinbrüche einzelner Märkte besser abgefedert werden. Zudem wird in Krisenzeiten gezielt neues Kapital bereitgestellt, um Marktphasen mit niedrigen Bewertungen als Chance zu nutzen und günstige Einstiegsmöglichkeiten wahrzunehmen. Dividendenstrategien dienen darüber hinaus dazu, laufende Erträge zu generieren und Verluste teilweise zu kompensieren.

Auch die Beratungs- und Betreuungsprozesse haben sich erheblich verändert. Während in stabilen Marktphasen häufig ein halbaktives Management ausreichend war, ist in Krisenzeiten ein deutlich aktiveres Management erforderlich. Dazu zählen regelmäßige Portfolioüberprüfungen, Anpassungen an veränderte Marktbedingungen sowie eine intensivere Kommunikation mit den Kunden. Ein zentraler Bestandteil ist hierbei die emotionale Begleitung der Anleger, um impulsive und kurzfristig orientierte Entscheidungen zu vermeiden.

Darüber hinaus ist die Auswahl der einzelnen Titel und Anlageinstrumente insgesamt deutlich diversifizierter geworden. Statt einzelner Schwerpunktinvestments stehen heute breitere Streuung, Risikomanagement und die Kombination unterschiedlicher Anlageklassen im Vordergrund, um die Widerstandsfähigkeit der Portfolios gegenüber Krisen nachhaltig zu erhöhen.

Welche neuen Rollenbilder und Qualifikationen werden für Finanzberater in Krisenzeiten erforderlich?

Um Kunden in wirtschaftlich unsicheren Zeiten effektiv beim Vermögensaufbau zu unterstützen, sind für Finanzberater bestimmte Qualifikationen und Rollenbilder unerlässlich. Grundvoraussetzung ist dabei zunächst die gesetzliche Qualifikation, insbesondere die Erlaubnis nach § 34f GewO (IHK), die zur Vermittlung von Finanzanlagen berechtigt. Diese bildet die fachliche und rechtliche Basis für die Tätigkeit im Bereich des Vermögensaufbaus.

Darüber hinaus haben sich die Handlungsmöglichkeiten für Berater deutlich erweitert. Zahlreiche Plattformen und Dienstleister ermöglichen heute die technische und regulatorische Anbindung, um als Vermögensverwalter oder im Rahmen standardisierter Vermögensverwaltungsmodelle zu agieren. Dadurch können Berater ihre Kunden nicht nur beratend, sondern auch strategisch und operativ im Anlageprozess begleiten.

Eine weitere wichtige Qualifikation ist die kontinuierliche fachliche Weiterbildung. Über verschiedene Institutionen, Plattformen und Marktteilnehmer werden Fachinformationen, Schulungen und Webinare angeboten, die Beratern helfen, aktuelle Markttrends, regulatorische Veränderungen und neue Anlageinstrumente zu verstehen und in ihre Beratung zu integrieren.

Neben formalen Qualifikationen gewinnt jedoch auch die persönliche Kompetenz des Beraters an Bedeutung. Erfolgreicher Vermögensaufbau erfordert ein ausgeprägtes Marktverständnis sowie ein Gespür für Kapitalmärkte, Länder, Branchen und wirtschaftliche Zusammenhänge. Diese Fähigkeit, Marktentwicklungen einzuordnen und situationsgerecht zu handeln, ist insbesondere in Krisenzeiten entscheidend, um Kunden Sicherheit zu geben und fundierte Entscheidungen zu ermöglichen.

Welche strukturellen Veränderungen und Kooperationen prägen aktuell die Finanzberatungsbranche?

In wirtschaftlich unsicheren Zeiten sind verstärkt strukturelle Veränderungen sowie neue Formen der Kooperation in der Finanzberatungsbranche zu beobachten. Insbesondere nehmen Kooperationen zwischen Bauträgern, Investmentgesellschaften und Finanzberatern deutlich zu. Ziel dieser Zusammenarbeit ist es, Kunden ganzheitlich und zugleich qualitativ hochwertig beim Vermögensaufbau zu unterstützen, indem unterschiedliche fachliche Kompetenzen gebündelt werden.

Auch Kooperationen zwischen Finanzberatern selbst gewinnen zunehmend an Bedeutung. Da sich viele Berater auf bestimmte Themenbereiche spezialisieren, entsteht ein intensiver fachlicher Austausch sowie eine gemeinsame Betreuung von Kunden. Auf diese Weise können Berater ihre jeweilige Expertise einbringen, ohne sämtliche Leistungen selbst abdecken zu müssen.

Ein klar erkennbarer Trend ist die Abkehr von der klassischen, vollständig ganzheitlichen Beratung hin zu stärkerer Spezialisierung. Hintergrund ist, dass eine umfassende Betreuung und ein aktives Management bei wachsender Kundenanzahl organisatorisch und qualitativ kaum noch tragbar sind. Durch Spezialisierungen können Berater effizienter arbeiten, ihre Beratungsqualität erhöhen und gleichzeitig den steigenden Anforderungen in Krisenzeiten gerecht werden.

Diese strukturellen Veränderungen führen insgesamt zu professionelleren Netzwerken innerhalb der Branche, in denen Kooperationen eine zentrale Rolle spielen, um Kunden trotz komplexer Marktbedingungen optimal zu betreuen.

Welche langfristigen Entwicklungen und strategischen Entscheidungen helfen bei der Vorbereitung auf künftige Krisen?

Um sich langfristig auf zukünftige Krisen vorzubereiten, sollten Finanzberater zentrale strategische Entscheidungen im Bereich des Vermögensaufbaus treffen. Eine wesentliche Entwicklung ist dabei die zunehmende Spezialisierung. Berater sollten sich auf klar definierte Kernthemen konzentrieren, da eine zu breite Aufstellung langfristig zu einem hohen infrastrukturellen Aufwand, steigenden Verwaltungskosten und einem unverhältnismäßig hohen Zeitaufwand führt. Dies kann sowohl die Beratungsqualität als auch die wirtschaftliche Effizienz beeinträchtigen.

Darüber hinaus ist der frühzeitige Aufbau von Kooperationen von großer Bedeutung. Durch strategische Partnerschaften lassen sich fachliche Lücken gezielt schließen und sogenannte blinde Flecken in der Beratung vermeiden. Kooperationen ermöglichen es, Kunden auch in komplexen Marktphasen umfassend zu betreuen, ohne sämtliche Expertise intern vorhalten zu müssen.

In der Praxis zeigt sich, dass insbesondere Kooperationen in den Bereichen Investment, Immobilien und Private Equity an Bedeutung gewinnen. Durch solche Netzwerke können Kunden ganzheitlich abgeholt und individuell passende Lösungen im Vermögensaufbau angeboten werden. Langfristig stärken diese Strukturen sowohl die Beratungsqualität als auch die Krisenfestigkeit des Geschäftsmodells und tragen dazu bei, Finanzberater nachhaltig auf zukünftige wirtschaftliche Herausforderungen vorzubereiten.

Interview teilen: 

Facebook
Twitter
LinkedIn
WhatsApp
No related posts found for the provided ACF field.

Zum Expertenprofil von Jan Biedermann

Jan Biedermann

Weitere Informationen zum Thema finden Sie unter diesem Link:

Weitere Interviews

die neusten BTK Videos