Vermögensaufbau braucht in Krisen vor allem Ruhe

Interview mit Tobias Riefe
Tobias Riefe ist Geschäftsführer von L&R FinanzKonzepte in Hamburg. Im Interview spricht er über Vermögensaufbau in Krisenzeiten und warum gute Finanzberatung vor allem Struktur und Ruhe verlangt.

Wie hat sich die Rolle des Finanzberaters in unsicheren Zeiten verändert – und welche neuen Herausforderungen ergeben sich?

In normalen Marktphasen wird Finanzberatung häufig als Optimierung verstanden: bessere Struktur, effizientere Bausteine, vielleicht hier und da Feintuning. In Krisenzeiten verändert sich die Rolle spürbar – sie wird weniger produktzentriert und deutlich stärker prozess- und verhaltensorientiert.

Bei L&R FinanzKonzepte erleben wir das sehr konkret. Unsere Kunden sind häufig Ingenieure, Naturwissenschaftler, IT-Angestellte, Freiberufler oder Unternehmer – rational, analytisch und gut informiert. Gerade deshalb liegt die Herausforderung in Krisen weniger im Wissen als im Handeln unter Stress. Wenn Märkte schwanken, Inflation wieder Thema wird oder die Nachrichtenlage kippt, entsteht der Wunsch nach Kontrolle. Dieser äußert sich oft in Aktionismus. Genau hier wird Finanzberatung zum Stabilitätsanker: Wir helfen, das Tagesrauschen auszublenden und Entscheidungen wieder an klaren Zielen auszurichten.

Die Kernleistung besteht dabei darin, Orientierung zu geben, Entscheidungsqualität zu schützen und die Planungslogik konsequent einzuhalten – von Liquidität über Risiko und Anlageprinzipien bis zur Absicherung. Gleichzeitig steigen die Herausforderungen: Informationsflut, Social Media, Finfluencer und eine hohe Vergleichbarkeit treffen auf immer individuellere Lebensmodelle. Das erfordert mehr Klarheit, mehr Kommunikation und deutlich weniger Standardlösungen.

Welche Lernprozesse sind notwendig – und welche Widerstände treten dabei häufig auf?

Damit Vermögensaufbau in Krisenzeiten gelingt, braucht es drei zentrale Lernfelder. Erstens: Prozesskompetenz statt Prognosekompetenz. Kunden erwarten oft Vorhersagen, doch professionelle Beratung besteht darin, Strukturen zu schaffen, die auch dann funktionieren, wenn es anders kommt als gedacht. Szenarien, klare Regeln und Disziplin sind entscheidend. Der häufigste Widerstand ist der Impuls, Aktivität mit Mehrwert zu verwechseln.

Zweitens gewinnen Kommunikations- und Coaching-Skills an Bedeutung. In Krisen überzeugt nicht Detailtiefe, sondern die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge ruhig und verständlich zu erklären. Zu viele Informationen erhöhen oft die Unsicherheit.

Drittens ist ganzheitliches Denken unverzichtbar. Vermögensaufbau funktioniert nicht isoliert. Ohne Liquiditätspuffer, Absicherung und sauberen Cashflow halten Kunden Marktschwankungen schlechter aus. Widerstände entstehen hier vor allem durch Schubladendenken, bei dem einzelne Bausteine getrennt betrachtet werden.

Praxisbeispiel: Wie Kunden erfolgreich durch unsichere Zeiten navigiert wurden

Ein anonymisiertes Beispiel aus unserer Praxis: Ein akademisch geprägtes Paar Mitte 30 erwartete Nachwuchs, gleichzeitig war die Marktlage angespannt, die Lebenshaltungskosten stiegen und ein beruflicher Wechsel mit Probezeit stand an. Die spontane Reaktion lautete: „Wir verkaufen lieber alles.“

Wir sind in drei Schritten vorgegangen. Zunächst haben wir Stabilität hergestellt, indem wir kurzfristige Bedarfe klar getrennt und einen verlässlichen Liquiditätsrahmen definiert haben. Dadurch wurde das Depot wieder eindeutig langfristig. Anschließend haben wir die Strategie vereinfacht: robust, breit diversifiziert und nachvollziehbar, ohne hektische Umschichtungen. Im dritten Schritt wurden Entscheidungsregeln schriftlich fixiert, etwa zum Rebalancing, zur Anpassung der Sparrate und zu klaren No-Go-Entscheidungen.

Der Erfolg bestand nicht in einer perfekten Performance, sondern darin, ruhig und handlungsfähig zu bleiben – und typische Krisenfehler zu vermeiden.

Was beobachten Sie im täglichen Umgang mit Kunden in Bezug auf Zusammenarbeit und Vertrauen in Krisenzeiten?

Krisen wirken wie ein Stresstest für die Beziehung. Vertrauen entsteht weniger durch Brillanz als durch Verlässlichkeit. Kunden schätzen Erreichbarkeit, klare Einordnung und ruhige Führung. Transparenz darüber, was in volatilen Phasen normal ist, reduziert Überraschungen und Aktionismus.

Gleichzeitig verbinden wir Prozesslogik mit menschlicher Begleitung. Zahlen und Regeln geben Orientierung, aber Krisen bleiben emotional. Die Kunst liegt darin, fachlich sauber zu bleiben, ohne distanziert zu wirken. Auffällig ist zudem: Wenn Beratung als strukturierter Prozess wahrgenommen wird und nicht als Abfolge von Marktmeinungen, steigt die Bereitschaft zur konsequenten Zusammenarbeit deutlich.

Welche Kompetenzen und kulturellen Entwicklungen werden künftig entscheidend sein?

Aus unserer Sicht werden fünf Punkte immer wichtiger: Behavioral Coaching als Kernleistung, systematisches Szenario- und Risikomanagement, die Fähigkeit zur sinnvollen Vereinfachung, digitale Nähe bei gleichzeitiger persönlicher Verbindlichkeit sowie eine ganzheitliche Finanzplanung als gelebte Kultur.

Krisen zeigen sehr klar, dass Vermögensaufbau nicht primär über Rendite entsteht, sondern über ein stabiles Fundament aus Liquidität, Absicherung, Finanzierung, Investment und langfristiger Planung. Genau darauf richtet sich unsere Arbeit bei L&R FinanzKonzepte aus.

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Tobias Riefe

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