Warum finanzielle Bildung heute über Vermögensfragen hinausgeht

Interview mit Nico Hüsch
Finanzielle Bildung wird immer wichtiger, doch Wissen allein reicht nicht aus. Warum Vertrauen, Eigenverantwortung und Verständlichkeit entscheidend sind, erklärt Nico Hüsch im Interview.

Welche Rolle spielt finanzielle Bildung in der heutigen Gesellschaft, insbesondere im Hinblick auf die steigende Komplexität der Finanzmärkte?

Finanzielle Entscheidungen betreffen heute nahezu jeden Lebensbereich: Wohneigentum, berufliche Veränderungen, größere Anschaffungen, Kapitalanlage oder Absicherung. Geld spielte dabei schon immer eine zentrale Rolle. Was sich jedoch in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verändert hat, ist die Komplexität der Finanzmärkte.

Es gibt heute deutlich mehr Finanzprodukte, komplexere Kostenstrukturen und vor allem eine wachsende Eigenverantwortung. Ein zentraler Einschnitt waren die Renten- und Vorsorgereformen Anfang der 2000er-Jahre. Mit dem Altersvermögensgesetz wurde die staatlich geförderte private Altersvorsorge eingeführt, flankiert durch weitere Reformen wie das RV-Nachhaltigkeitsgesetz 2004, das die langfristige Stabilisierung der gesetzlichen Rente zum Ziel hatte. Damit wurde ein größerer Teil der Altersvorsorge bewusst in die Verantwortung der Privatpersonen verlagert.

Diese Verschiebung führte dazu, dass Finanz- und Versicherungsvertriebe zunehmend als Ansprechpartner fungierten – nicht immer frei von eigenen Interessen. Die Folge waren viele schlechte Produkte und negative Erfahrungen, was den heute verbreiteten Vertrauensverlust gegenüber dem Finanzmarkt teilweise erklärt.

Finanzielle Bildung ist deshalb der entscheidende Schlüssel, um sich in diesem Umfeld orientieren zu können. In der Praxis erleben wir jedoch, dass viele Menschen grundsätzlich in der Lage sind, finanzielle Zusammenhänge zu verstehen. Informationen sind heute breit verfügbar. Häufig fehlt nicht das Wissen an sich, sondern die Übertragung auf die eigene Lebensrealität: Was bedeutet das konkret für mich und welche Entscheidungen leite ich daraus ab?

Empirische Daten stützen diese Entwicklung. Laut dem Statistischen Bundesamt ist der Anteil der privaten Haushalte mit Kapitalmarktanlagen in den letzten Jahren gestiegen, insbesondere durch Fonds- und Aktienbeteiligungen. Ergänzend zeigt eine OECD-Studie, dass sich immer mehr Menschen aktiv mit Finanzthemen befassen und Kapitalmarktprodukte nutzen.

Was sind die größten Herausforderungen, denen Finanzberater bei der Vermittlung finanzieller Bildung gegenüberstehen?

Die größte Herausforderung besteht darin, Informationen in der richtigen Tiefe und Form zu vermitteln – angepasst an den jeweiligen Kunden. Die Spannbreite reicht von Menschen ohne Grundkenntnisse bis hin zu Anlegern mit jahrzehntelanger Markterfahrung. Finanzielle Bildung ist daher immer individuell.

Hinzu kommt der Faktor Zeit. Finanzielle Bildung lässt sich nicht erzwingen. Häufig entwickelt sich ein tragfähiges Finanzkonzept über Jahre hinweg. Zu schnelle Veränderungen können emotional überfordern und Unsicherheit erzeugen. Gleichzeitig gibt es Kunden, die gut informiert sind und bewusst schnelle Entscheidungen treffen möchten – auch darauf muss man flexibel reagieren.

Eine weitere Herausforderung ist die Emotionalität des Themas Geld sowie die enorme Informationsflut aus Internet, sozialen Medien und Videos. Aufgabe des Beraters ist es, Relevantes von Irrelevantem zu trennen, Komplexität zu reduzieren und Erwartungen realistisch zu gestalten – insbesondere mit Blick auf unterschiedliche Marktphasen und Krisen.

Welche Maßnahmen haben sich aus Ihrer Praxis als besonders effektiv erwiesen, um das Finanzwissen Ihrer Klienten nachhaltig zu verbessern?

Zu Beginn einer Zusammenarbeit legen wir großen Wert darauf, dass Vertrauen nicht vorausgesetzt werden muss. Stattdessen erklären wir Zusammenhänge transparent und zeigen, wie Entscheidungen unabhängig überprüft werden können. Ziel ist nicht, dass Kunden uns glauben, sondern dass sie verstehen, wie sie selbst zu fundierten Entscheidungen kommen.

Mit der Zeit entsteht Vertrauen durch gemeinsam erlebte Situationen: Marktbewegungen, Anpassungen im Finanzkonzept oder Veränderungen der persönlichen Lebenssituation. Diese Erfahrungen vertiefen das Verständnis und machen Finanzwissen greifbar. Entscheidend ist zudem ein kontinuierlicher Austausch – sowohl proaktiv durch uns als auch reaktiv bei Fragen der Kunden.

Inwiefern könnten technologische Entwicklungen wie KI und digitale Plattformen die finanzielle Bildung verändern?

Künstliche Intelligenz bietet große Chancen, insbesondere bei der Individualisierung von Informationen. Viele Menschen scheitern weniger am Zugang zu Wissen als an der Frage, was dieses Wissen konkret für ihre eigene Situation bedeutet. KI kann helfen, Informationen zu strukturieren und Szenarien greifbarer zu machen.

Aktuell ersetzt KI jedoch keinen unabhängigen Finanzberater. Entscheidend bleibt die Fähigkeit, die richtigen Fragen zu stellen und Antworten einzuordnen. Genau hier fehlt vielen Privatpersonen die Erfahrung. KI ist ein starkes Werkzeug, aber kein Ersatz für Verantwortung, Erfahrung und persönliche Bewertung.

Wie lässt sich finanzielle Bildung angesichts unterschiedlicher Bildungslücken gezielt in den gesellschaftlichen Kontext integrieren?

Ein zentraler Hebel ist, offener über Geld zu sprechen. Der gesellschaftlich tief verankerte Satz „Über Geld spricht man nicht“ führt häufig zu Unsicherheit und Angst. Gerade für Kinder ist entscheidend, ob Geld als Tabu oder als normales Alltagsthema erlebt wird.

Darüber hinaus sollte finanzielle Bildung stärker im Schulsystem verankert werden – praxisnah und ohne Produktinteressen. Auch Arbeitgeber können einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie Mitarbeitenden nicht nur betriebliche Vorsorge, sondern grundlegende finanzielle Zusammenhänge näherbringen. Gleichzeitig tragen auch Privatpersonen Verantwortung, Wissen weiterzugeben und Erfahrungen zu teilen.

Finanzen machen keine Angst, sondern werden verständlich und greifbar, wenn man sich mit ihnen auseinandersetzt. Das Thema verdient insgesamt einen deutlich positiveren gesellschaftlichen Umgang.

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Nico Hüsch

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