Zwischen Algorithmus und Bauchgefühl

Interview mit Steffen Grebe
Digitale Tools verändern die Finanzberatung, doch Vertrauen bleibt zentral. Steffen Grebe, unabhängiger Honorar-Anlageberater bei Honorarfinanz Stuttgart, erklärt, wie Technologie und menschliche Erfahrung zusammenspielen.

Welche aktuellen technischen Trends beeinflussen die Strategien von Finanzberatern beim Vermögensaufbau in Krisenzeiten?
Die Finanzberatung erlebt einen deutlichen Digitalisierungsschub, der gerade in Krisenzeiten strategische Vorteile bringt. Künstliche Intelligenz und Big Data helfen uns heute, Marktinformationen schneller auszuwerten und Kundenportfolios mit Stresstests auf Herz und Nieren zu prüfen. Zudem halten verhaltensorientierte Analysetools Einzug: Mit moderner Risikoprofil-Software können wir die finanzielle Persönlichkeit eines Anlegers genauer erfassen als je zuvor.

Ein weiterer Trend ist die hybride Beratung – also die Kombination von persönlicher Betreuung und digitalen Plattformen. Unsere Kunden haben ihre Depots online im Blick und können sich per Video-Chat beraten lassen, ohne auf den menschlichen Ansprechpartner zu verzichten. Trotz aller Technik setzen wir bewusst auf menschliche Entscheidungen im Team. Daten liefern objektive Grundlagen, doch die finale Strategie wird im Investmentausschuss diskutiert. Erfahrung und Fingerspitzengefühl bleiben entscheidend.

Welche typischen Fehler oder Risiken sehen Sie bei der Vermögensplanung in unsicheren wirtschaftlichen Phasen?
In unsicheren Zeiten ist der größte Risikofaktor häufig der Mensch selbst – insbesondere Emotionen wie Angst, Selbstüberschätzung oder Gier. Ein klassischer Fehler ist es, in Panik zu verkaufen, wenn Kurse fallen, und den späteren Wiedereinstieg zu verpassen. Ebenso problematisch ist das Hinterherlaufen von Trends oder das hektische Umschichten in vermeintlich sichere Häfen.

Hinzu kommt oft eine fehlende ganzheitliche Planung. Viele Depots sind über Jahre zufällig entstanden und nicht an klaren Lebenszielen ausgerichtet. Fehlt dieser Zusammenhang, steigt die Gefahr aktionistischer Fehlentscheidungen. Auch mangelnde Diversifikation und fehlende Liquiditätsreserven zählen zu den häufigen Schwachstellen. Ruhe, breite Streuung und ein langfristiger Plan sind aus meiner Sicht entscheidend.

Wie setzen Finanzberater in der Praxis digitale Tools ein, um ihre Kunden beim Vermögensaufbau zu unterstützen?
Die größten finanziellen Fehler entstehen nicht durch falsche Produkte, sondern durch Entscheidungen ohne Zusammenhang. Deshalb setzen wir auf eine ganzheitliche Planung und nutzen dafür moderne digitale Werkzeuge. Mit unserer Finanzplanungssoftware lassen sich verschiedene Lebensszenarien simulieren – vom Immobilienkauf über Elternzeit bis hin zum vorgezogenen Ruhestand.

Zur Risiko- und Depotanalyse nutzen wir spezialisierte Software, die sowohl Verhaltensmuster als auch die Struktur bestehender Portfolios transparent macht. Kunden erkennen so auf einen Blick regionale Schwerpunkte, Kostenstrukturen oder Klumpenrisiken. Digitale Tools sorgen für effizientere Abläufe, mehr Transparenz und eine Beratung, die präzise auf den einzelnen Menschen zugeschnitten ist.

In welcher Weise arbeiten Finanzberater mit anderen Stakeholdern zusammen, um in Krisenzeiten die besten Anlagestrategien zu entwickeln?
Innerhalb der Honorarfinanz AG arbeiten wir bewusst im Team. Bei komplexen Fragestellungen werden Strategien zunächst intern diskutiert, etwa im Investment-Komitee. So fließen unterschiedliche Perspektiven und viel Erfahrung in jede Empfehlung ein.

Darüber hinaus greifen wir auf ein Netzwerk externer Spezialisten zurück, darunter Steuerberater, Rechtsanwälte und Notare. Bei Themen wie Nachlassplanung oder Unternehmensverkauf ist diese Zusammenarbeit essenziell. Ziel ist stets eine evidenzbasierte, langfristig tragfähige Lösung im Interesse des Kunden – unabhängig von kurzfristigen Modetrends.

Welche technologischen Entwicklungen erwarten Sie in der Zukunft, die den Vermögensaufbau weiter verändern könnten?
Künstliche Intelligenz und Automatisierung werden Routineaufgaben weiter übernehmen und Daten schneller auswerten. Dennoch bin ich überzeugt, dass kein Algorithmus das persönliche Gespräch und das Vertrauen zwischen Berater und Kunde ersetzen kann.

Technik ist für mich nur so lange sinnvoll, wie sie dem Kunden echten Mehrwert bietet. Unabhängigkeit, Transparenz und Einfachheit bleiben die Leitplanken meiner Beratung. Die Werkzeuge mögen sich ändern, der Auftrag bleibt derselbe: Menschen sicher und verständlich durch jede Marktlage zu begleiten.

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Steffen Grebe

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