Bauen unter Druck verändert die Architektur

Interview mit Anna Wollenberg
Wenn Bauen teurer wird, rücken Haltung und frühe Entscheidungen in den Fokus. Architektin BDA Anna Wollenberg spricht über Baukosten als planerische Realität und deren Folgen für Qualität und Verantwortung.

Welche Potenziale sehen Sie in der aktuellen Baukostenentwicklung für innovative Bauprojekte?
Die derzeitige Baukostenentwicklung zwingt alle Beteiligten zu mehr Präzision, Kreativität und Verantwortungsbewusstsein. Darin liegt ein großes Potenzial – allerdings nur, wenn der Mut vorhanden ist, gewohnte Standards zu hinterfragen und bewusst andere Wege einzuschlagen. Innovative Projekte entstehen dort, wo Planung, Konstruktion und Materialwahl nicht reflexhaft dem Üblichen folgen, sondern neu gedacht werden.

Insbesondere im Bauen im Bestand, bei modularen oder hybriden Bauweisen sowie beim Einsatz nachhaltiger, kreislauffähiger oder bislang weniger etablierter Materialien zeigt sich, dass Abweichungen vom Standard neue Qualitäten ermöglichen. Dies erfordert ein hohes Maß an gestalterischer und technischer Kreativität sowie den klaren Willen zur Veränderung auf Seiten aller Projektbeteiligten. Genau darin liegt die Chance, Bauprojekte nicht nur kosten- und ressourceneffizient, sondern auch zukunftsfähig und identitätsstiftend umzusetzen.

Inwiefern stellen die steigenden Baukosten ein Risiko für Architekturbüros und Bauherren dar?
Steigende Baukosten erhöhen den wirtschaftlichen Druck auf Bauherren erheblich und verschärfen zugleich die Haftungs- und Erwartungshaltung gegenüber Architekturbüros. Aus Unsicherheit über die Kostenentwicklung werden Projekte häufig bereits in sehr frühen Phasen abgebrochen oder gar nicht erst begonnen – aus Angst vor Kostenexplosionen oder mangelnder Wirtschaftlichkeit.

Für Architekturbüros bedeutet dies ein erhöhtes Risiko von Planungsabbrüchen, Mehrfachüberarbeitungen oder nicht realisierten Konzepten. Gleichzeitig geraten laufende Projekte schneller ins Stocken oder werden in Umfang und Qualität reduziert. Ohne transparente Kommunikation, realistische Kostenannahmen und klare Entscheidungsstrukturen besteht die Gefahr von Vertrauensverlusten sowie wirtschaftlichen Risiken auf beiden Seiten.

Was sind aus Ihrer Sicht die entscheidenden Kriterien, um Bauprojekte trotz Kostensteigerungen erfolgreich umzusetzen?
Entscheidend sind eine sehr frühe Kostensicherheit, realistische Budgetdefinitionen und eine enge Verzahnung von Entwurf, Konstruktion und Kosten. Ebenso wichtig sind klare Prioritäten: Was ist unverzichtbar für die Qualität des Projekts, wo gibt es Spielräume? Ein partnerschaftliches Verständnis zwischen Bauherrschaft, Planung und Ausführung sowie belastbare Entscheidungsprozesse sind dafür zentrale Voraussetzungen.

Gibt es Erfahrungswerte, die besonders relevant sind, um mit den Herausforderungen der Baukostenentwicklung umzugehen?
Unsere Erfahrung zeigt, dass Projekte dann stabil bleiben, wenn Kosten nicht als nachgelagerte Kontrollgröße, sondern als integraler Bestandteil der Planung verstanden werden. Frühzeitige Variantenuntersuchungen, einfache und robuste Details sowie eine bewusste Reduktion auf das Wesentliche helfen, Komplexität und Kosten im Griff zu behalten – ohne qualitative Einbußen.

Wie bereiten sich Architekturbüros strategisch auf die zukünftige Entwicklung der Baukosten vor?
Architekturbüros müssen sich strategisch breiter aufstellen: durch vertiefte Kosten- und Ausführungskompetenz, durch frühe Zusammenarbeit mit Fachplanern und ausführenden Unternehmen sowie durch Spezialisierung, etwa im Bauen im Bestand oder in seriellen und nachhaltigen Bauweisen. Gleichzeitig gewinnt eine klare Haltung zur eigenen Arbeitsweise, zu Qualität und Verantwortung zunehmend an Bedeutung.

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Anna Wollenberg

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