Welche Potenziale sehen Sie in der nachhaltigen Architektur, um den ökologischen Fußabdruck der Bauindustrie zu reduzieren?
Nachhaltige Architektur besitzt ein erhebliches Transformationspotenzial, weil sie an den größten Stellschrauben der Bauindustrie ansetzt: Ressourcenverbrauch, Energiebedarf und Lebensdauer von Gebäuden. Entscheidend ist dabei weniger das einzelne „grüne“ Bauteil als vielmehr ein integraler Entwurfsansatz, der städtebauliche Einbindung, Konstruktion, Materialwahl und Nutzung zusammendenkt.
Ein großes Potenzial sehen wir insbesondere im Bauen im Bestand, in der Weiterverwendung tragfähiger Strukturen sowie in der Verlängerung von Gebäudelebenszyklen. Ergänzt wird dies durch materialeffiziente Konstruktionen, den gezielten Einsatz nachwachsender oder rezyklierbarer Baustoffe und durch robuste, anpassungsfähige Grundrisse, die Nutzungsänderungen ermöglichen. Nachhaltigkeit entsteht für uns nicht durch technische Überformung, sondern durch kluge architektonische Entscheidungen, die langfristig wirken.
Inwieweit stellen steigende Baukosten und regulatorische Anforderungen ein Risiko für die Umsetzung nachhaltiger Architekturprojekte dar?
Steigende Baukosten und zunehmende regulatorische Anforderungen stellen zweifellos eine Herausforderung dar – sie sind jedoch nicht per se ein Hemmnis für nachhaltige Architektur, sondern verschieben den Fokus. Problematisch wird es dort, wo Nachhaltigkeit auf normierte Einzelmaßnahmen reduziert wird, die Kosten erhöhen, ohne den Gesamtnutzen zu verbessern.
Aus unserer Erfahrung entsteht wirtschaftliche Tragfähigkeit vor allem dann, wenn Nachhaltigkeit frühzeitig und konzeptionell in den Entwurfsprozess integriert wird. Ein klarer Entwurf, konstruktive Einfachheit und der bewusste Verzicht auf Überkomplexität können Kosten stabilisieren und gleichzeitig ökologische Qualitäten stärken. Regulatorische Anforderungen sehen wir eher als Rahmen, der Architektinnen und Architekten dazu zwingt, präziser, effizienter und verantwortungsvoller zu planen.
Was sind die entscheidenden Kriterien, die Architekturbüros bei der Planung nachhaltiger Gebäude beachten sollten?
Aus unserer Sicht lassen sich drei zentrale Kriterien benennen. Erstens die Lebenszyklusbetrachtung: Gebäude müssen in ihrer gesamten Existenz – von der Herstellung über den Betrieb bis zum möglichen Rückbau – bewertet werden. Kurzfristige Effizienzgewinne dürfen nicht zulasten langfristiger Flexibilität gehen.
Zweitens die konstruktive und räumliche Robustheit. Nachhaltige Gebäude zeichnen sich durch klare Tragstrukturen, einfache Details und anpassungsfähige Grundrisse aus. Diese Qualitäten sind oft wirksamer als hochspezialisierte Technik.
Drittens die Kontextualität. Nachhaltige Architektur reagiert auf ihren städtebaulichen, sozialen und klimatischen Kontext. Ein Gebäude, das angemessen dimensioniert ist, gut genutzt wird und Teil eines funktionierenden städtischen Gefüges ist, leistet einen wesentlichen Beitrag zur Nachhaltigkeit.
Können Sie ein besonders relevantes Projekt oder eine Beobachtung teilen, bei der nachhaltige Architektur einen entscheidenden Unterschied gemacht hat?
Ein wiederkehrendes, für uns sehr relevantes Feld ist die Umnutzung und Weiterentwicklung bestehender Gebäude. In mehreren Projekten haben wir erlebt, dass der bewusste Erhalt von Tragstrukturen und die Weiterverwendung vorhandener Materialien nicht nur den CO₂-Fußabdruck erheblich reduziert, sondern auch zu einer stärkeren Identität des Ortes beigetragen hat.
Gerade bei ehemaligen Industrie- oder Infrastrukturbauten zeigt sich, dass Nachhaltigkeit nicht nur eine ökologische, sondern auch eine kulturelle Dimension hat. Gebäude, die ihre Geschichte lesbar behalten und zugleich neue Nutzungen ermöglichen, werden von Nutzerinnen und Nutzern oft intensiver angenommen und langfristig wertgeschätzt – ein Aspekt, der in Nachhaltigkeitsdebatten häufig unterschätzt wird.
Wie bereiten Sie sich strategisch auf zukünftige Entwicklungen und Trends in der nachhaltigen Architektur vor?
Strategisch setzen wir weniger auf kurzfristige Trends als auf die kontinuierliche Weiterentwicklung unserer Planungsprinzipien. Dazu gehört die laufende Auseinandersetzung mit neuen Materialien, Konstruktionsweisen und Bewertungsmethoden ebenso wie der interdisziplinäre Austausch mit Fachplanern, Kommunen und Forschungseinrichtungen.
Gleichzeitig beobachten wir sehr genau, wie sich gesellschaftliche Anforderungen an Architektur verändern – etwa im Hinblick auf Suffizienz, Flächeneffizienz und soziale Nachhaltigkeit. Für uns liegt die Zukunft nachhaltiger Architektur nicht in immer komplexeren Lösungen, sondern in einer Rückbesinnung auf die Kernkompetenz des Entwurfs: Räume mit einem Höchstmaß an Nutzungsflexibilität zu schaffen, die ressourcenschonend und städtebaulich verantwortungsvoll sind.
Portäit Foto: Tristan Vankann