Wenn Daten über Kosten entscheiden

Interview mit Jörg-Helmuth Schwarz
Baukosten lassen sich immer weniger schätzen und immer häufiger berechnen. Architekt Jörg-Helmuth Schwarz erläutert, wie KI, 5D-BIM und neue Formen der Zusammenarbeit Kosten transparenter und verlässlicher machen.

Welche aktuellen technischen Trends beeinflussen die Baukostenentwicklung in der Architekturbranche am stärksten?
Aus meiner Sicht prägen derzeit vor allem KI-gestützte Kalkulations- und Prüfwerkzeuge die Kostenentwicklung. Sie beschleunigen die Kostenermittlung, versachlichen das Nachtragsmanagement und reduzieren unentdeckte Doppelvergütungen. Baufirmen können Nachträge schneller und nachvollziehbarer begründen, während Planer und Bauherren diese mithilfe derselben Technologien – etwa durch Copilot-gestützte Recherche – deutlich effizienter prüfen.

Ergänzend wirken 5D-BIM-Ansätze, die Geometrie, Zeit und Kosten in einem Modell verknüpfen, ebenso wie Reality-Capture-Verfahren wie Laserscan, Drohnen und Fotogrammetrie, mit denen Plan-Ist-Abweichungen früh sichtbar werden. Modularisierung und Vorfertigung senken Fehler- und Terminrisiken und wirken damit unmittelbar auf die Kosten. Schließlich sorgt ein datengetriebenes Beschaffungswesen mit aktuellen Marktfeeds und Preisindizes für bessere Risiko- und Pufferplanung. Nachhaltigkeitsanforderungen, CO₂-Bilanzen und Lebenszykluskosten werden zugleich zum zentralen Steuerungsrahmen, wenn sie früh mit belastbaren Daten hinterlegt sind.

Wo sehen Sie in der Praxis die häufigsten Fehler oder Risiken, die zu unerwarteten Kostensteigerungen führen?
Die größten Kostenrisiken entstehen dort, wo noch überwiegend analog gearbeitet wird und digitale oder KI-gestützte Unterstützung fehlt. Ohne zentrale Datenhaltung gehen Überblick, Geschwindigkeit und Konsistenz verloren – insbesondere im Vergleich zu Teams, die vollständig digital arbeiten.

Hinzu kommen unklare Leistungsgrenzen und unvollständige Leistungsverzeichnisse als Nährboden für Nachträge, zu ambitionierte Terminpläne mit teuren Beschleunigungsfolgen, eine unzureichende Risikovorsorge – etwa ohne Preisgleitklauseln oder Puffer – sowie ein schwaches Änderungs- und Nachtragsmanagement. Am Ende ist es häufig die Datenqualität, also uneinheitliche Zahlenstände, Versionskonflikte oder manuelle Übertragungsfehler, die falsche Entscheidungen auslöst und Kosten unerwartet steigen lässt.

Wie setzen Architekturbüros Technologien im Alltag ein, um die Baukosten besser zu kontrollieren?
Um Baukosten wirksam zu steuern, organisieren wir unsere Projekte in einer gemeinsamen, KI-gestützten Datenumgebung, auf die alle Projektbeteiligten zugreifen. Unser Server ist cloudbasiert integriert; in der Microsoft-Umgebung arbeiten wir mit SharePoint, Teams und Copilot, um Dokumente, Protokolle und Planstände sicher zu vernetzen, KI-gestützt auszuwerten und auf Konsistenz zu prüfen.

Modell, Mengen, Termine und Kosten sind über 5D-Dashboards miteinander verknüpft. Automatisierte Soll-Ist-Analysen und Trendkurven liefern Frühwarnsignale, sodass Gegenmaßnahmen rechtzeitig eingeleitet werden können. Nachträge, Rechnungen und Angebote durchlaufen digitale Prüf- und Freigabeworkflows – inklusive OCR, Klassifizierung und Plausibilisierung. Das beschleunigt Entscheidungen, erhöht Transparenz und reduziert Fehler.

Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit zwischen Architekten, Bauunternehmen und Auftraggebern bei der Kostenoptimierung?
Die Zusammenarbeit ist der entscheidende Hebel, denn Technologie entfaltet ihren Nutzen erst im richtigen Miteinander. Erfolgsrelevant sind eine frühe Einbindung aller Partner mit gemeinsamen Zielkosten und Open-Book-Transparenz, ein einheitlicher Datenraum als „Single Source of Truth“, verbindliche Regeln für Änderungen mit klaren Fristen und Nachweispflichten sowie regelmäßige, faktenbasierte Kostenreviews mit konkreten Maßnahmen.

Ebenso wichtig sind Ton und Haltung. Wir sind Menschen und keine Maschinen. Eine respektvolle, lösungsorientierte Kommunikation und die gemeinsame Bereitschaft, moderne Werkzeuge wirklich zu nutzen, machen den Unterschied.

Wie könnte sich die technologische Entwicklung in den nächsten Jahren auf die Struktur und Kalkulation von Baukosten auswirken?
Die Kostenkalkulation wird sich grundlegend verändern. Kommunikation wird zunehmend „voice-first“: Besprechungen und Abstimmungen werden standardmäßig transkribiert, Entscheidungen strukturiert durchsuchbar und auditierbar. Gesprochenes Wort und Schrift nähern sich im Beweiswert an – Verbindlichkeit und Fairness steigen und wirken unmittelbar auf die Kostensicherheit.

Parallel entstehen Echtzeit-Kostenintelligenz und dynamische Budgets. Marktpreise, Modelländerungen, Terminstatus und CO₂-Daten fließen live zusammen, Prognosen werden präziser, Maßnahmen früher. Vertrags- und Nachtragsprozesse werden weitgehend automatisiert und durch KI bei Formulierung, Prüfung und Benchmarking unterstützt, wodurch das Streitpotenzial sinkt.

Mit der fortschreitenden Industrialisierung über Modulbau und digitale Marktplätze verlagern sich Kosten hin zu standardisierten Leistungspaketen und Fixpreislogiken. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Governance, Datenqualität, Urheber- und Modellhaftung sowie Informationsschutz. Wer hier professionell aufgestellt ist, nutzt Kostentransparenz und Stabilität als klaren Wettbewerbsvorteil.

Interview teilen: 

Facebook
Twitter
LinkedIn
WhatsApp
No related posts found for the provided ACF field.

Zum Expertenprofil von Jörg-Helmuth Schwarz

Jörg-Helmuth Schwarz

Weitere Informationen zum Thema finden Sie unter diesem Link:

Weitere Interviews

die neusten BTK Videos