Andreas Kirsche: Wer zu lange wartet, macht eine Auflösung immer schwerer

Andreas Kirsche ist selbständiger Paartherapeut in seiner Praxis in Hamburg. Mit ihm sprechen wir über Paartherapie, Themen in den Sitzungen sowie Unterstützung durch professionelle Hilfe.

Andreas Kirsche

Eine Paartherapie ist für viele Paare gar keine Option. Obwohl die Beziehung auf der Kippe steht, denken viele Partner, dass professionelle Hilfe nichts bringt. Was umfasst eine Paartherapie und welche Themen werden in den Sitzungen meistens behandelt?

Andreas Kirsche: Reden, Auseinandersetzung, Streit: das gehört zu jeder Beziehung dazu. Manchmal landet man aber in destruktiven Eskalationsschleifen, in sogenannten kommunikativen und emotionalen Teufelskreisen. Diese Teufelskreise sorgen dafür, dass sich ein Paar zunehmend entfremdet und in der Verbitterung landet. Allein kommt man da nicht mehr so einfach raus. Die Folge sind Rückzug und Resignation. Die schmerzhafte Konfrontation wird vermieden. Darunter leidet aber auch der Kontakt im Alltag und die Verbundenheit des Paares. Man vegetiert nebeneinander her. Jeder in seiner Ecke. Man versucht sich nicht weh zu tun und hat daher auch keine Momente echter Nähe und Intimität mehr. Wenn ein Paar an einen solchen Punkt gekommen ist, macht es durchaus Sinn sich Unterstützung bei einem Paartherapeuten zu suchen. Und es ist gut, damit nicht zu lange warten. Ansonsten verhärten sich die Fronten. Und der Frust nimmt überhand. Paartherapeuten haben eine übereinstimmende Beurteilung, dass Paare im Schnitt vier Jahre zu spät in die Beratung kommen. Das heißt: wer zu lange wartet, macht eine Auflösung immer schwerer.

Die meisten Menschen treten Paartherapeuten:innen eher skeptisch gegenüber. Vielen Paaren fällt es schwer, mit einer fremden Person über ihre Beziehungsprobleme zu reden. Besonders wenn sich Partner nach der Sitzung wieder im Alltag befinden, neigen sie dazu, in alte Muster zu verfallen. Denken Sie, dass eine Paarberatung die Beziehung nachhaltig und positiv beeinflussen kann?

Andreas Kirsche: Zahlreiche Studien belegen die generelle Wirksamkeit von Paartherapie. Sie besagen, dass 70% der Paare nach einer Paartherapie eine signifikante Verbesserung erfahren. Die Erfolgsaussichten einer Paartherapie hängen grundsätzlich von zwei wichtigen Variablen ab: Die erste ist das methodische Vorgehen und die bindungsorientierten Fähigkeiten des Paartherapeuten. Man sagt ja auch „die Chemie muss stimmen“. Ein emotional warmer Therapeut, der professionell vorgeht und dabei die Klienten sowohl fordert als auch unterstützt, stellt am ehesten eine hilfreiche therapeutische Beziehung her.

 Die zweite Variable liegt im Paar selbst. Der Grad und die Geschwindigkeit von Verbesserungen hängt unter anderem von folgenden Faktoren und dem Commitment des Paares ab: Wie lange befindet sich das Paar bereits in der Krise? Wie viele und wie starke Verletzungen sind in der Beziehung bisher schon aufgetreten? Gab es oder gibt es Außenbeziehungen? Wie viele Verletzungen sind bereits aus vorangegangenen Beziehungen mitgebracht worden? Wieviel Zeit und Energie kann das Paar in die Therapie (und das heißt auch vor allem zuhause) investieren? Sprechen und reflektieren sie auch zuhause über das, was in den Sitzungen passiert ist und besprochen wurde?

Welche Probleme führen Ihrer Erkenntnis nach Paare meistens in eine Therapie?

Andreas Kirsche: Ganz oben auf der Problemliste von Paaren steht der Umgang mit eskalierenden Konflikten und Streitsituationen. Dicht gefolgt von Problemen, die durch unterschiedliche sexuelle Bedürfnisse und den Verlust von Nähe und Intimität entstehen. Weiterhin: Probleme und Krisen durch Außenbeziehungen und Affären. Sowie Probleme, die Paarbeziehung an neue Lebensphasen anpassen, wenn z.B. die Kinder aus dem Haus sind, die Arbeit wegfällt oder sich im Älterwerden neue Themen und Herausforderungen stellen, neue Weichenstellungen erforderlich sind.

Muss man in einer Partnerschaft sein, um eine Paartherapie aufzusuchen oder kann man dies auch als Einzelperson tun, um eine Krisensituation zu entspannen?

Andreas Kirsche: Es kann sein, dass ein Partner es ablehnt, sich auf eine Paartherapie einzulassen. Druck hilft in solchen Fällen eher nicht. Und es bringt nichts, wenn der Partner nur widerwillig und ohne eigene Motivation mitkommt. Dann ist es besser, wenn man sich erstmal als Einzelperson auf den Weg macht, um zumindest von dieser Seite aus an der Beziehung zu arbeiten.

Die Erfahrung zeigt, dass es zwar beide Partner braucht, um sich in einer Beziehung in den Stillstand zu „entwickeln“, aber es braucht nur einen Player, um wieder Bewegung in eine Beziehung zu bringen. Wenn einer der Partner selbst klarer wird, wenn er einen guten Überblick über seine Optionen bekommt und ein Gefühl, welche jeweils für ihn stimmig sind, wenn er selber aus bestimmten Spielchen aussteigen kann, dann profitiert nicht nur die Beziehung davon, sondern auch ganz direkt der Partner, der eine Paartherapie eigentlich abgelehnt hat.

Eine Therapiestunde kann bei einem seriösen Anbieter schon einiges kosten. In welchen Fällen kann die Krankenkasse einem Paar unter die Arme greifen?

Andreas Kirsche: Paartherapie fällt prinzipiell nicht in den Leistungskatalog von Krankenkassen, da sie keine sogenannte „Heilbehandlung“ darstellt. Das gilt sowohl für gesetzliche, als auch für private Krankenkassen. Das heißt, dass man die Kosten für eine Paartherapie selbst tragen muss. Diese Ausgaben können allerdings in vielen Fällen gemäß § 33 EstG unter „außergewöhnliche Belastungen allgemeiner Art“ steuerlich abgesetzt werden.

Herr Kirsche, vielen Dank für das Gespräch!

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