Ann-Kristin Hörsting: Betroffene befinden sich immer stärker in einer Art Teufelskreis

Ann-Kristin Hörsting ist Chefärztin in der Akutklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Friedenweiler. Mit ihr sprechen wir über das Krankheitsbild Burnout, Auslöser sowie Behandlung eines Burnout-Syndroms.

Der Begriff Burnout ist in der Arbeitswelt weit verbreitet. 2018 hatten rund 176.000 Beschäftigte in Deutschland einen Burnout. Was genau versteht man unter diesem Krankheitsbild?

Ann-Kristin Hörsting: Ein Burnout-Syndrom wird nicht als Erkrankung im eigentlichen Sinne definiert, da bis heute keine einfach klassifizierbaren Diagnosekriterien festgelegt wurden. Es kann aber zu Auswirkungen mit Krankheitswert führen. Unter dem Burnout-Syndrom versteht man nach heutigem Wissensstand ein chronisches Erschöpfungssyndrom, welches unbehandelt zu weiteren psychischen Erkrankungen führen kann und eine hohe Belastung für den/die Betroffene/n darstellt. Historisch wurde es vom New Yorker Psychoanalytiker Herbert Freudenberger 1974 erstmals beschrieben als beruflich bedingtes emotionales Erschöpfungssyndrom, welches durch Ermüdung, Resignation und emotionale Überreiztheit gekennzeichnet ist. Zuvor als einfache erlebte Aufgaben im Alltag oder Beruf können dabei nicht mehr wie gewohnt erfüllt werden, sodass sich der eigene Leistungsdruck und die Angst, Fehler zu begehen, immer weiter erhöhen. Betroffene befinden sich somit immer stärker in einer Art Teufelskreis, dem sie aus eigener Kraft meist nicht mehr entfliehen können.

Wie kommt es zu einem Burnout, was sind die Auslöser?

Ann-Kristin Hörsting: Die Auslöser für ein Burnout-Syndrom können sehr vielseitig sein und sowohl äussere (der Umwelt zugehörige) als auch innere (dem Menschen selber zugehörige) Faktoren beinhalten. Typischerweise treten Sie ungefähr ein Jahr nach Beginn einer neuen Aufgabe oder Tätigkeit auf. Als typische Auslöser gelten beispielsweise beruflicher oder privater Stress, Zeitdruck, persönliche oder berufliche Anforderungen an das Leistungsvermögen (Leistungsdruck, hohe Kundenansprüche), ein fehlender Ausgleich oder zu wenig Unterstützung, unregelmäßige oder lange Arbeitszeiten, Arbeitsplatzunsicherheit oder destruktive Konflikte. Das Burnout-Syndrom entsteht, sobald die genannten Auslöser zu einer Überbelastung führen und über einen längeren Zeitraum anhalten. Aber auch gesellschaftliche Phänomene wie eine zunehmende Digitalisierung, Arbeitsversdichtung und Konkurrenzdruck durch Globalisierung können ein Auftreten von Burnout Symptomen begünstigen.

Wie äußert sich der Burnout am menschlichen Körper? Welche Symptome treten auf?

Ann-Kristin Hörsting: Ein Burnout kann als tridimensionales Syndrom beschrieben werden (Distanz gegenüber sich selber, beruflicher Erschöpfung, Verlust an Leistungsfähigkeit) und führt sowohl zu körperlicher, emotionaler als auch geistiger Erschöpfung und lässt eigentlich einfache Aufgaben als nahezu unmöglich erscheinen. Es folgt eine von Lustlosigkeit, Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit geprägte Phase, welche sich über Wochen oder Monate ziehen kann. Darüber hinaus werden immer mehr Symptome wie sozialer Rückzug, Schlaflosigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, erhöhte Reizbarkeit und Unruhe erlebt, was zu Störungen des Selbstwertgefühls führen kann. Hinzu kommen auch körperliche Symptome wie Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Magen-Darm-Probleme, Infektanfälligkeit, Hautproblemen, Schwitzen, Schlafprobleme oder Tinnitus bin hin zu einer schweren körperlichen Erschöpfung.

Welche Berufsgruppen sind besonders betroffen und warum ausgerechnet diese?

Ann-Kristin Hörsting: Grundsätzlich kann jede Berufsgruppe an dem Burnout-Syndrom erkranken. Besonders gefährdet sind jedoch Berufe, die mit viel Engagement, Stress, Erleben von Leid, hoher Verantwortung oder Ausnahmezuständen verbunden sind. Dazu zählen beispielsweise Soldat*innen, Polizist*innen oder Einsatzkräfte generell, Lokführer*innen, Ärzt*innen aber auch Psycholog*innen, Lehrer*innen oder Führungskräfte (uvm.). Aber auch Selbstständige, insbesondere wenn privates und berufliches Leben kaum mehr trennbar sind (Familienunternehmen), gelten als besonders gefährdet. Die erlebten Stresssituationen und Gedanken darüber keine Fehlentscheidung treffen zu dürfen, begünstigen das Auftreten eines Burnout-Syndroms.

Kann man einen Burnout präventiv vermeiden, wenn ja wie?

Ann-Kristin Hörsting: Einem Burnout kann man sowohl im privaten als auch beruflichen Leben vorbeugen, indem man für ausreichend Ausgleich sorgt. Neben einer gesunden Lebensführung können insbesondere positive Aktivitäten, die nicht mit Stress verbunden sind und Spaß machen, für den notwendigen Ausgleich sorgen. Hier bieten sich beispielsweise ein Treffen mit der Familie oder Freunden sowie ausreichend Entspannung und Sport an. Hinzu kommen diverse Stressbewältigungsstrategien (ein sogenanntes Coping), die erlernt und angewendet werden können.

Wie lange dauert die Behandlung eines Burnout-Symptoms?

Ann-Kristin Hörsting: Die Art und die Dauer der Behandlung richtet sich nach dem Schweregrad der Erkrankung sowie den persönlichen Fortschritten des/der Patient/in. Grundsätzlich ist bei der Burnout Therapie in den meisten Fällen eine intensive und persönliche therapeutische Behandlung erforderlich, damit auch auf die individuellen Bedürfnisse des/der Patient/in eingegangen werden kann.

Wann sollte man nach einem Burnout wieder anfangen zu arbeiten und sollte man danach wirklich demselben Beruf erneut nachgehen?

Ann-Kristin Hörsting: Nachdem das Burnout Syndrom erfolgreich therapiert wurde, kann eine Wiedereingliederung in denselben oder auf Wunsch auch in einen neuen Beruf erfolgen. Wichtig hierbei ist, dass die Wiedereingliederung langsam und schrittweise erfolgt. Anschließend kann der/die Betroffene in der Regel wieder voll berufsfähig sein.

Ein Arbeitgeberwechsel könnte natürlich teilweise das Rückfallrisiko reduzieren, da die Gefahr – in alte Muster zurückzukehren – in einem neuen Umfeld häufig deutlich geringer ist. Wünschenswert wäre es jedoch zu lernen, wie man erlebten Stress vorbeugen und konstruktiv damit umgehen kann.

Frau Hörsting, vielen Dank für das Gespräch!

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