Prophylaxe als medizinisches Fundament

Interview mit Dr. Ralf Lauenstein
Dr. Ralf Lauenstein ist Zahnarzt in Bremen. Im Gespräch erläutert er, wie sich Prophylaxe von einer Zusatzleistung zu einem medizinischen Fundament entwickelt und welche Rolle moderne Diagnostik dabei spielt.

Wie hat sich der Markt für Prophylaxe-Dienstleistungen in den letzten Jahren entwickelt und welche Trends erkennen Sie für die Zukunft?

Der Markt hat einen signifikanten Wandel vollzogen: Das Bewusstsein der Patienten für die systemische Wechselwirkung zwischen oraler Gesundheit und dem Gesamtorganismus ist stark gewachsen. Ein zentraler Trend ist die Abkehr von der rein mechanischen Reinigung hin zu einer nachhaltigen, präventionsorientierten Mundgesundheits-Therapie.

Zukünftig wird die Prophylaxe noch individueller: Wir setzen verstärkt auf das GBT-System (Guided Biofilm Therapy), das ein systematisches, biofilmgesteuertes Verfahren zur sanften und effektiven Reinigung darstellt. Die Prophylaxe wird damit von einer Wellness-Leistung zu einem medizinisch notwendigen Fundament der Allgemeingesundheit.

Welche Herausforderungen sehen Sie bei der Implementierung neuer Prophylaxe-Strategien in Ihrer Praxis?

Die größte Herausforderung liegt im Spannungsfeld zwischen höchster medizinischer Qualität und wirtschaftlichem Druck. Hochwertige Prophylaxe erfordert spezialisierte Fachkräfte (wie unsere drei Dentalhygienikerinnen) und modernste Diagnostik.

Oft werden zertifizierte Praxen mit „Dumping-Angeboten“ verglichen. Unsere Aufgabe ist es, dem Patienten den Mehrwert einer wissenschaftlich fundierten Prophylaxe zu vermitteln – etwa durch den Einsatz von Hyaluronsäure-Therapien oder die Bestimmung individueller Intervalle auf Basis von aMP8-Speicheltests. Qualität hat ihren Preis, sichert aber langfristig den Zahnerhalt.

Können Sie aus Ihrer Praxis Erfahrungen teilen, die besonders erfolgreiche Prophylaxe-Maßnahmen belegen?

Ein eindrucksvolles Beispiel ist unsere interdisziplinäre Arbeit mit Seniorenheimen. Durch die Integration von Vitamin-D-Screenings in unser Prophylaxe-Konzept konnten wir bei Patienten mit rezidivierenden Knochenbrüchen signifikante Heilungserfolge erzielen. Ein festgestelltes Defizit in der Vitamin-D-Versorgung wurde korrigiert, was die knöcherne Regeneration massiv unterstützte.

Zudem führen wir eine Diabetes-Risiko-Sprechstunde durch, da Parodontitis und Diabetes in enger Korrelation stehen. Die Stabilisierung der oralen Verhältnisse führt hier nachweislich zu einer Verbesserung der glykämischen Einstellung (HbA1c-Wert).

Inwiefern könnten innovative Technologien die zukünftige Entwicklung von Prophylaxe-Strategien im zahnärztlichen Bereich beeinflussen?

Innovative Technologien ermöglichen uns heute eine Präzisionsmedizin, die weit über das Standardmaß hinausgeht:

Molekularbiologische Diagnostik: Mittels Interleukin-1-Gentests identifizieren wir Patienten mit genetisch bedingter Entzündungsneigung (Überproduktion von Entzündungshormonen bei gleichzeitiger Abbauschwäche), um Intervalle (bis zu alle zwei Wochen) individuell anzupassen.

Mikrobiologische Analysen: Wir führen gezielte Keimbestimmungen und Resistenzprüfungen durch, um Antibiotika nur noch hochselektiv und hochwirksam einzusetzen.

Soft-Laser-Therapie: Diese ermöglicht eine schmerzarme Keimreduktion und fördert die Geweberegeneration ohne invasive Eingriffe.

Auf welche Weise beeinflusst der aktuelle medizinische Diskurs über Prophylaxe Ihre Praxisentscheidung?

Der medizinische Diskurs bestärkt uns in unserem ganzheitlichen Ansatz. Prophylaxe ist für uns keine isolierte Maßnahme, sondern entscheidend für Patienten in komplexen Lebenssituationen – etwa während einer Chemotherapie oder bei Bisphosphonat-Therapien (Rheuma- oder Tumorpatienten).

Wir entscheiden auf Basis evidenzbasierter Daten: Die Entzündungsfreiheit im Mundraum verbessert die allgemeine Lebensqualität und senkt das Risiko für systemische Folgeerkrankungen. Deshalb lassen wir unsere Praxis jährlich zertifizieren und arbeiten strikt nach dem GBT-Standard, um diese wissenschaftliche Qualität transparent zu machen.

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Dr. Ralf Lauenstein

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