Zwischen Gebührenordnung und Versorgungsrealität

Interview mit Dr. Stephan Ziegler
Steigende Kosten, veraltete Vergütungsstrukturen und neue Erwartungen verändern die wirtschaftlichen Grundlagen zahnmedizinischer Leistungen. Dr. Stephan Ziegler beschreibt die Spannungsfelder aus der Praxis.

Woran lässt sich derzeit erkennen, dass sich die wirtschaftlichen Grundlagen zahnmedizinischer Leistungen spürbar verschieben?

Unsere wirtschaftliche Grundlage ist die Gebührenordnung für Zahnärzte (GOZ). Diese hat sich seit 37 Jahren nicht erhöht. Das führt dazu, dass die gesetzlichen Krankenkassen inzwischen 90 Leistungen besser bezahlen, als wenn wir die GOZ zum mittleren Satz berechnen. Selbst bei einer Abrechnung zum 3,5-fachen Satz bleiben noch rund 50 Positionen, die schlechter vergütet sind.

Da wir am Kudamm 64 mit 35 zahnärztlichen Spezialisten auf sehr hohem Qualitätsniveau arbeiten, stellt uns diese Situation immer wieder vor wirtschaftliche Herausforderungen.

Welche Faktoren bestimmen heute stärker als früher die wirtschaftliche Tragfähigkeit medizinischer Betriebe?

Medizinische Betriebe in attraktiven Lagen großer Städte müssen sich heute klar positionieren und aktiv Marketing betreiben. Das war früher völlig unüblich. KU64 steht beispielsweise für höchste Qualität durch spezialisierte Zahnärzte, modernste technische Ausstattung und eine besondere Wohlfühlatmosphäre mit Kamin und Dachterrasse.

Zudem sind wir sieben Tage die Woche für unsere Patientinnen und Patienten da und bieten ausreichend kostenlose Parkplätze auf dem eigenen Hof. All das beeinflusst heute die wirtschaftliche Tragfähigkeit deutlich stärker als früher.

Wo liegen die zentralen Zielkonflikte zwischen betriebswirtschaftlicher Steuerung und dem operativen Alltag medizinischer Leistungen?

Unsere zahnmedizinische Prophylaxe mit No-Pain-Technologie und erfahrenen Mitarbeitenden ist so erfolgreich, dass wir ständig neue Patientinnen und Patienten brauchen. Unsere Stammpatienten, die regelmäßig zur Prophylaxe kommen, benötigen kaum noch weitere zahnmedizinische Leistungen.

Natürlich sind wir stolz auf diesen medizinischen Erfolg. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist es jedoch ein klassischer Zielkonflikt – man könnte sogar von einem Eigentor sprechen.

Welche Entscheidungen wirken sich langfristig am stärksten auf Stabilität und Planbarkeit aus, ohne kurzfristig sichtbar zu werden?

Die Einstellung von Zahnärztinnen im gebärfähigen Alter stellt für Planbarkeit und Stabilität ein hohes Risiko dar. Es kann ohne Vorwarnung zu einem sofortigen Arbeitsverbot kommen, etwa aus Gründen des Infektionsschutzes für das ungeborene Kind.

Dieses Risiko besteht in dieser Form nicht, wenn die Zahnärztin selbständig tätig ist.

Welche strukturellen Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit medizinische Leistungen unter veränderten wirtschaftlichen Bedingungen verlässlich erbracht werden können?

Künstliche Intelligenz und humanoide Assistenzsysteme müssen deutlich schneller weiterentwickelt werden. Erst dann wird es möglich sein, medizinische Leistungen wieder wirtschaftlicher zu erbringen – letztlich zum Wohle der Patientinnen und Patienten.

Interview teilen: 

Facebook
Twitter
LinkedIn
WhatsApp
No related posts found for the provided ACF field.

Zum Expertenprofil von Dr. Stephan Ziegler

Dr. Stephan Ziegler

Weitere Informationen zum Thema finden Sie unter diesem Link:

Weitere Interviews

die neusten BTK Videos