Arbeitgebersiegel zur Personalgewinnung: PhDr. Oliver Scharfenberg im Interview

Interview mit PhDr. Oliver Scharfenberg
Arbeitgebersiegel können mehr als nur ein Logo sein. Unterschiedliche Studien haben gezeigt, dass Arbeitgebersiegel einen positiven Einfluss auf die Wahrnehmung eines Arbeitgebers und zu einer Steigerung von bis zu 15,99 Prozent bei der Bewerbungswahrscheinlichkeit haben können.

Immer mehr Unternehmen suchen qualifiziertes Personal. Arbeitgeber setzen in diesem Zusammenhang zunehmend auf Arbeitgebersiegel, um ihre Sichtbarkeit als Arbeitgeber und ihr Arbeitgeberimage zu verbessern. Doch so manches Arbeitgebersiegel ist weder rechtlich zulässig oder beruht auf fragwürdigen Kriterien. Mit den richtigen Auswahlkriterien gelingt Ihnen die Auswahl eines seriösen und passenden Arbeitgebersiegels.

PhDr. Oliver Scharfenberg ist Geschäftsführer der Syntharis Group und beschreibt, wie Arbeitgeber ein passendes Arbeitgebersiegel  auswählen und einsetzen können, um neue Beschäftigte zu gewinnen und gleichzeitig interne positive Veränderungen gestartet werden können um nachhaltig ein erfolgreicher Arbeitgeber zu sein.

 

Was genau ist ein Arbeitgebersiegel?

 

 

PhDr. Oliver Scharfenberg
PhDr. Oliver Scharfenberg

PhDr. Oliver Scharfenberg: Ein Arbeitgebersiegel ist ein Gütesiegel welches sich speziell an Arbeitgeber richtet, um bestimmte Attribute des Arbeitgebers nach außen sichtbar zu machen. Dies kann zum Beispiel ganz allgemein die Attraktivität des Arbeitgebers sein, zum Beispiel als „Top Arbeitgeber“, oder auf einen bestimmten Aspekt zugeschnitten, wie zum Beispiel als familienfreundlicher Arbeitgeber mit einem gleichnamigen Siegel. Aber auch spezielle Zielgruppen können angesprochen werden, zum Beispiel mit einer Auszeichnung als „Top Ausbildungsbetrieb“.

 

Wie viele Arbeitgebersiegel gibt es eigentlich in Deutschland?

 

PhDr. Oliver Scharfenberg: Wie viele Arbeitgebersiegel es genau gibt ist nicht bekannt. Der Markt für Arbeitgebersiegel in Deutschland ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Es gibt verschiedene Schätzungen die gehen von bis zu 300 verschiedenen Gütesiegeln für Arbeitgeber in Deutschland aus.

 

Wie kann man als Bewerberin oder Bewerber erkennen, ob ein Arbeitgebersiegel seriös ist?

 

PhDr. Oliver Scharfenberg: Die große Auswahl an Arbeitgebersiegeln und deren unterschiedliche Vergabemethoden machen es schwer, den Überblick zu behalten. Es gibt einige Punkte, an denen man sich orientieren kann.

Vergabebedingungen: Werden vom Anbieter die Kriterien für die Vergabe des Arbeitgebersiegels veröffentlicht. Kann man also einfach ohne eine Anmeldung oder Registrierung und ohne eine komplizierte Recherche die Vergabebedingungen für das Arbeitgebersiegel finden.

Kosten: Arbeitgebersiegel sind in der Regel kostenpflichtig. Arbeitgeber müssen die entstehenden Kosten für ein Arbeitgebersiegel bezahlen. Es sollte transparent nachlesbar sein, welche Kosten entstehen.

Bewertungsverfahren: Es muss zumindest grob ersichtlich sein, was die Bewertungskriterien sind und welche Verfahren verwendet werden. Idealerweise in Vergabebedingungen. Ist die Grundlage eine echte repräsentative Mitarbeiterbefragung oder nur eine einfache Internetbewertung, die jeder abgeben kann oder die womöglich auch einfach gekauft werden kann. Oder vergibt eine angebliche Jury ein Gütesiegel oder verleiht sich dieses der Arbeitgeber selbst. Genau das ist ein entscheidender Unterschied, der gerne verschleiert wird. Genau an dieser Stelle muss man sehr genau hinsehen, um zu verstehen, was genau die Grundlage einer Auszeichnung ist.

Gütekriterien der Marktforschung: Werden die sogenannten Gütekriterien der Marktforschung eingehalten. Also wird kurz gesagt, wird überhaupt das gemessen, was gemessen werden soll, und ist die Messmethode überhaupt geeignet, das zu messen, was gemessen werden soll.

Wissenschaftliche Qualität: Fragen Sie sich, auf welcher Grundlage die Vergabebedingungen entwickelt wurden und welche wissenschaftliche Qualifizierung die auswertenden Personen haben. Man sollte auch Kooperationen mit Prominenten, Politikern und Hochschulen hinterfragen. Wenn ein Siegelgeber selbst keine wissenschaftliche Qualifikation hat und dafür Dritte für seine Werbung benötigt, wäre ich skeptisch, welche Qualifikation in Wirklichkeit dahintersteckt.

Wettbewerbsrechtliche Zulässigkeit: Nach meiner Einschätzung gibt es erhebliche Zweifel an der rechtlichen Zulässigkeit der Werbung mit vielen Arbeitgebersiegeln. Die Verwendung von einem Arbeitgebersiegel kann § 5 Abs. 1 Satz 1 UWG als unlautere Handlung eingestuft werden, wenn dadurch eine irreführende Handlung vorgenommen wird. Diese Handlung muss geeignet sein, Verbraucher zu einer Entscheidung zu bewegen, die sie ohne die Verwendung des Arbeitgebersiegels nicht getroffen hätten.

Immer wieder betonen die Gerichte die wesentlichen Punkte, die es bei der Werbung mit einem Gütesiegel zu beachten gilt. Im Kern sind es immer wieder ähnliche Themenkomplexe, die man grob, aber nicht abschließend, so darstellen kann:

  • Ein Gütesiegel darf nur aufgrund einer neutralen und sachgerechten Prüfung vergeben werden.
  • Die Werbehauptungen aus dem Gütesiegel müssen zutreffend
  • Es muss objektive und aussagekräftige Kriterien
  • Die herangezogenen Kriterien rechtfertigen die Siegelaussage.
  • Vergleichsergebnisse müssen immer auf einer sachkundige Untersuchung
  • Gütesiegel werden von einer kompetenten Stelle mit entsprechender Qualifikation

Außerdem ist die Transparenz aus rechtlicher und glaubwürdigkeitsbezogener Sicht zentral. Das OLG Bremen betonte in einem Beschluss vom 24. Januar 2024 (Az. 2 U 60/23) ausdrücklich die Notwendigkeit, Prüfkriterien bei der Werbung mit Gütesiegeln offenzulegen.

Das Landgericht München I stellte 2023 (Az. 4 HKO 14545/21) fest, dass ein Siegel wettbewerbswidrig ist, wenn es den Eindruck einer umfassenderen Prüfung erweckt, als tatsächlich stattgefunden hat.

 

Welchen Einfluss haben Arbeitgebersiegel eigentlich und macht es als Arbeitgeber wirtschaftlich Sinn, sich ein Arbeitgebersiegel zuzulegen?

 

PhDr. Oliver Scharfenberg: Arbeitgebersiegel können mehr als nur ein Logo sein. Unterschiedliche Studien haben gezeigt, dass Arbeitgebersiegel einen positiven Einfluss auf die Wahrnehmung eines Arbeitgebers und zu einer Steigerung von bis zu 15,99 Prozent bei der Bewerbungswahrscheinlichkeit haben können. Solche Werte hängen vom Einzelfall ab und können nicht automatisch auf alle Stellenangebote und Arbeitgeber übertragen werden. Grundsätzlich ist ein positiver Effekt mehrfach in unterschiedlichen Untersuchungen nachgewiesen worden. Wirtschaftlich kann ein Arbeitgebersiegel sehr viel Sinn machen.

 

Was beeinflusst die Wirksamkeit eines Arbeitgebersiegels aus Sicht der Arbeitgeber?

 

PhDr. Oliver Scharfenberg: Es gibt verschiedene zentrale Elemente die ganz allgemeine für ein Gütesiegel von Bedeutung sind. Hier sind die zu grundliegende Methodik, Transparenz, Vertrauenswürdigkeit und Bekanntheit zu nennen. Ein Arbeitgebersiegel sollte ganzheitlich auf verschiedenen Kanälen verwendet werden, um erfolgreich zu sein. Studien haben zudem gezeigt, das gerade kleine- und mittelständische Unternehmen überproportional von einem Arbeitgebersiegel profitieren können, wenn es umfassend verwendet wird. Dies kann die Nutzung auf der Website, in Stellenanzeigen, Social Media, E-Mail-Signaturen der Mitarbeitenden, Pressemeldungen und Zeitungsberichten und vieles mehr sein. Man muss eine ganzheitliche Planung haben, um die Ergebnisse zu optimieren.

 

Worauf sollte man bei der Auswahl eines seriösen Arbeitgebersiegels achten?

 

PhDr. Oliver Scharfenberg: Ein seriöses Arbeitgebersiegel sollte der krönende Abschluss eines Prozesses sein, der auf wissenschaftlichen Grundlagen beruht und neben einem Gütesiegel als Arbeitgeber zusätzliche Mehrwerte liefert. Dies kann das Ergebnis einer repräsentativen Mitarbeitendenbefragung sein, welches man als Arbeitgeber verwendet, um die Arbeitsbedingungen weiter zu optimieren.

Das Arbeitgebersiegel muss von einem seriösen Siegelgeber stammen, auf wissenschaftlich fundierten Kriterien beruhen und transparent mit seinen Vergabebedingungen umgehen. Außerdem sollte ein Arbeitgebersiegel rechtlich zulässig sein und den rechtlichen Anforderungen an Inhalt und Transparenz entsprechen.

Arbeitgeber sollten sich im ersten Schritt fragen, was sie mit dem Arbeitgebersiegel erreichen möchten und wer die Zielgruppe ist.  Danach sollte das passende Arbeitgebersiegel ausgewählt werden, das zur angesprochenen Zielgruppe passt.

Arbeitgebern sollte klar sein, dass man mit einem Arbeitgebersiegel viel erreichen kann, wenn es zum Unternehmen passt und die Auszeichnung den Tatsachen entspricht.

 

Vielen Dank, für das Interview.



*Bildrechte: PhDr. Oliver Scharfenberg 

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