Welche neuen Möglichkeiten sehen Sie im Handwerkssektor, um den Fachkräftemangel zu bewältigen und Arbeitskräfte für sich zu gewinnen?
Der Fachkräftebedarf stellt auch das Handwerk vor Herausforderungen. Um darauf zu reagieren, setzen wir auf unterschiedliche Wege. Ein wichtiger Ansatz ist die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse.
Gleichzeitig stärken wir gezielt den handwerklichen Nachwuchs. Mit der Azubi-Akademie bietet die Handwerkskammer Berlin ein konkretes und persönliches Beratungs- und Unterstützungsangebot für Auszubildende im Handwerk. Dazu gehören unter anderem Mathe-Crashkurse, Angebote zur Stärkung der Sprachkompetenz sowie Formate wie „Life Hacks“, die nicht nur fachliches Wissen vermitteln, sondern Auszubildende dabei unterstützen, typische Herausforderungen während der Ausbildung besser zu meistern und Ausbildungsabbrüche zu vermeiden.
Darüber hinaus ist es uns wichtig, langfristige Perspektiven im Handwerk aufzuzeigen. Dazu zählen Vorbereitungskurse auf die Meisterprüfung sowie der Abschluss zum/zur Betriebswirt*in des Handwerks. Ergänzt werden diese Angebote durch Förderprogramme wie das Meister-BAföG nach dem Aufstiegsfortbildungsförderungsgesetz, das Fortbildungsmaßnahmen finanziell unterstützt.
Welche Risiken oder Unsicherheiten verbinden Sie mit dem aktuellen Fachkräftemangel im Handwerk?
Die duale Berufsausbildung ist zentral für die Fachkräftesicherung im Handwerk. Jeder Ausbildungsplatz, der nicht besetzt wird, verschärft den Fachkräftebedarf und stellt Betriebe vor große Herausforderungen. Die Folgen sind spürbar: Arbeitsabläufe geraten unter Druck, Betriebe stoßen an ihre Belastungsgrenzen und wichtige Leistungen können nicht mehr im gewohnten Umfang angeboten werden.
Das betrifft nicht nur die Betriebe, sondern auch die Gesellschaft. Das Handwerk spielt eine zentrale Rolle in unserer Wirtschaft und in unserem Alltag – es hält die Stadt am Laufen. Das wird besonders deutlich, wenn man betrachtet, wie selbstverständlich handwerkliche Produkte und Dienstleistungen genutzt werden: vom Bäcker über Friseure und Werkstätten bis hin zu Zahntechniklaboren, Optikern oder Schneidereien.
Ein aktuelles Beispiel ist der Stromausfall im Südwesten Berlins. Gewerke der Infrastruktur, etwa Elektronikerinnen und Anlagenmechanikerinnen SHK, sorgen für den Betrieb, die Instandhaltung und die Reparatur zentraler Einrichtungen und sichern damit die Versorgung.
Was sind aus Ihrer Sicht die entscheidenden Kriterien, um die Attraktivität der Handwerksberufe für junge Menschen zu erhöhen?
Viele junge Menschen fragen sich, was ihre Arbeit bewirken soll und welchen Platz sie in unserer Gesellschaft haben. Das Handwerk gibt darauf sehr konkrete Antworten. Es entsteht etwas mit den eigenen Händen, und am Ende des Tages ist sichtbar, was geschafft wurde.
Zugleich ist das Handwerk eng mit den Zukunftsfragen unserer Zeit verbunden. Ob Klimaschutz, Energiewende oder nachhaltiges Bauen – ohne gut ausgebildete Handwerkerinnen und Handwerker lassen sich diese Aufgaben nicht bewältigen. Wer im Handwerk arbeitet, übernimmt Verantwortung und trägt unmittelbar zur Gestaltung unserer Gesellschaft und Zukunft bei.
Gerade das Handwerk und die kleinen und mittleren Unternehmen sind wichtige Treiber von Innovationen in Wirtschaft und Technik, da sie im direkten Kundenkontakt praxisnahe Lösungen entwickeln und kontinuierlich weiter verbessern.
Auch beim Thema Karriere lohnt sich ein genauerer Blick. Anders als oft vermutet bietet das Handwerk einen breiten Strauß an Möglichkeiten: von der Weiterbildung zum Meisterabschluss über die Führung eines eigenen Betriebs oder eine Führungsposition bis hin zur Verantwortung für den fachlichen Nachwuchs.
Gibt es Erfahrungswerte, die besonders relevant sind, um den Fachkräftemangel im Handwerk effektiv zu adressieren?
Unsere Erfahrung zeigt, dass frühe Orientierung und praktische Einblicke entscheidend sind, um junge Menschen für das Handwerk zu gewinnen. Genau hier setzt die Handwerkskammer Berlin mit verschiedenen Angeboten an, um Berufsorientierung zu stärken und Betriebe bei der Nachwuchssicherung zu unterstützen.
Ein wichtiger Baustein ist die persönliche Beratung zur Berufsorientierung. Ergänzt wird sie durch das Karrieremobil, das an Schulen und auf öffentlichen Plätzen unterwegs ist, dort das Gespräch sucht und über Ausbildungswege im Handwerk informiert. Hinzu kommen Messen und Informationsveranstaltungen, die über das Jahr hinweg in Berlin stattfinden. Eine der größten Veranstaltungen ist der Tag des Handwerks im September.
Darüber hinaus spielt kontinuierliche Qualifizierung eine wichtige Rolle. In den Bildungsstätten der Handwerkskammer Berlin bieten wir praxisnahe Weiterbildungen und Seminare zu aktuellen Themen an. Sie unterstützen Beschäftigte in ihrer Entwicklung und helfen Betrieben, Fachkräfte langfristig zu binden.
In Zusammenarbeit mit dem Land Berlin konnte zudem der Meister- und Meisterinnen-BONUS Berlin für erfolgreich abgeschlossene Meisterprüfungen auf den Weg gebracht werden. Damit werden handwerkliche Karrieren gezielt gefördert und die Meisterqualifikation weiter gestärkt.
Wie könnte sich die strategische Ausrichtung von Handwerksbetrieben in Zukunft verändern, um sich besser auf den Fachkräftemangel vorzubereiten?
Digitale Lösungen und auch Künstliche Intelligenz können helfen, administrative Aufgaben zu reduzieren, Abläufe effizienter zu gestalten und Fachkräfte im Arbeitsalltag zu entlasten. Das ändert jedoch nichts daran, dass das Handwerk vom Können, von Erfahrung und vom persönlichen Einsatz lebt und als solches nicht ersetzbar ist.
Gleichzeitig wird es immer wichtiger, gute Arbeitsbedingungen zu schaffen, Ausbildung modern zu gestalten und Mitarbeitende langfristig zu binden. Genau hier setzt die Unterstützung der Handwerkskammer Berlin an. Wir begleiten Betriebe mit Beratung, Qualifizierungsangeboten und Netzwerken dabei, sich zukunftsfest aufzustellen.
Dazu gehören auch spezielle Angebote für Betriebe sowie für Ausbilderinnen und Ausbilder, etwa Seminare zu zeitgemäßen Ausbildungsabläufen oder zum Umgang mit Konflikten im Arbeitsalltag. Sie helfen, Ausbildung und Zusammenarbeit im Betrieb nachhaltig zu stärken.
Am Ende kommt es darauf an, Veränderungen als Chance zu begreifen, zugleich die Stärken des Handwerks zu bewahren und zuversichtlich in die Zukunft zu blicken.