Coaching zwischen Erwartungsdruck und Prozessarbeit

Interview mit Annabell Ertel
Annabell Ertel, Coachin und Trainerin bei BellaVida, beobachtet im Coaching eine wachsende Spannung zwischen hohen Veränderungserwartungen und der notwendigen Zeit für nachhaltige persönliche Entwicklung.

Welche neuen Möglichkeiten sehen Sie aktuell im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung durch Coaching?

Für mich ist der ganzheitliche Ansatz und die systemische Perspektive wichtig: mehr Fokus auf den ganzen Menschen, statt isoliert nur auf den beruflichen Kontext zu schauen. Mein Coaching berücksichtigt die ganze Person (Körper, Geist, Seele), das Eingebundensein in Familie, ins berufliche Umfeld sowie in weitere soziale Systeme.

Im Coaching richte ich den Blick auf die individuellen Ressourcen, Stärken und Bedürfnisse meiner Klient*innen: Resilienz sowie mentale und körperliche Gesundheit sind dabei zentrale Themen, um gesund zu wachsen und sich weiterzuentwickeln. Ich setze in der aktuellen Zeit der multiplen Krisen einen Fokus auf die Stärkung der mentalen Gesundheit: präventionsorientierte Ansätze, das Erlernen hilfreicher Strategien im Umgang mit Stress sowie Burnout-Prophylaxe.

Digitale und hybride Formate wie Online-Coaching kombiniert mit persönlichen Sitzungen sind aus meiner Sicht die Zukunft, da sie sich individuell gut an die Lebensumstände der Klient*innen anpassen lassen.

Außerdem halte ich die langfristige Begleitung – Coaching als Prozess – sowie Follow-ups für wichtig, um die nachhaltige Integration in den Alltag und die persönliche Entwicklung zu unterstützen.

Inwiefern bestehen Risiken oder Unsicherheiten, die Klient*innen beim Coaching in der Persönlichkeitsentwicklung begegnen können?

Zu hohe Erwartungen und der Wunsch nach schneller Veränderung und Patentlösungen seitens der Klient*innen stimmen oft nicht mit der Prozesshaftigkeit und der Individualität eines Coachings überein. Nachhaltige Veränderung braucht Zeit; unter Zeitdruck können wir uns nicht entfalten und gut wachsen.

Eine weitere Herausforderung ist die Auseinandersetzung mit schwierigen Anteilen und eigenen Glaubenssätzen. Es braucht Mut und Kraft, alte Muster anzugehen, die einen seit Jahren negativ begleiten.

Wichtig ist auch die klare Abgrenzung: Coaching ersetzt keine Psychotherapie. Ich erlebe vermehrt psychisch stark belastete Klientinnen sowie Menschen mit manifesten psychischen Erkrankungen. Hier ist es entscheidend, die Grenzen des Coachings zu kennen und bei Bedarf an Psychotherapeutinnen zu verweisen und diesen Schritt zu unterstützen.

Was sind die entscheidenden Kriterien, um den Erfolg eines Coachings im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung zu beurteilen?

Zentral sind eine klare Zielformulierung und die Überprüfbarkeit anhand messbarer Indikatoren sowie der gelungene Transfer in den Alltag. Entscheidend ist, ob es dem Coachee gelingt, die im Coaching entwickelten Ideen und Strategien langfristig umzusetzen und wie er dabei unterstützt wird.

Auch die Auswirkungen der Persönlichkeitsentwicklung auf andere Systeme wie Familie, Beruf oder Freundschaften sollten berücksichtigt werden. Coaching kann einen intensiven Wandlungsprozess anstoßen, dessen Folgen dem Coachee bewusst sein sollten.

Positive Effekte eines erfolgreichen Coachings sind ein Zuwachs an Selbstwirksamkeit, mehr Resilienz und emotionale Flexibilität. Nachhaltigkeit entsteht durch Follow-ups, Booster-Sitzungen oder Reflexionspläne, die Veränderungen verankern.

Gibt es besondere Erfahrungen oder Beobachtungen, die im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung besonders relevant sind?

Kleine Schritte wirken oft stärker als große. Jeder Coachingprozess ist individuell; ich versuche, Druck herauszunehmen und Coachees zu ermutigen, ihrem eigenen Prozess zu folgen und sich die Zeit zu nehmen, die sie brauchen. Häufig passieren Veränderungen zwischen den Sitzungen, im Alltag. Es braucht Zeit, bis sich geistige Erkenntnisse im Handeln zeigen. Deshalb arbeite ich auch körperorientiert mit Methoden aus dem Embodiment, um Veränderung erfahrbar zu machen.

Frühwarnzeichen von Überlastung wie Grübeln oder Schlafprobleme, ausgelöst durch zu hohe eigene Ansprüche oder die des Umfelds, sollten im Coaching erkannt und thematisiert werden. Ein ungesunder Selbstoptimierungsanspruch kann bis hin zu Burnout führen.

Selbstwirksamkeit wächst durch gelebte Erfahrung und Erfolgserlebnisse. Neben neuen Ideen und Perspektiven ist daher die Integration in den Alltag wichtig, ebenso wie konkrete Handlungspläne und eine wohlwollende, akzeptierende Haltung sich selbst gegenüber.

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Zum Expertenprofil von Annabell Ertel

Annabell Ertel

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