Führung beginnt dort, wo Kontrolle endet

Interview mit Prof. Dr. Sascha Weigel
Prof. Dr. Sascha Weigel analysiert, wie Führungskräfte-Coaching Unternehmen hilft, mit Unsicherheit, Konflikten und Veränderungsdruck umzugehen – und warum Orientierung wichtiger wird als Kontrolle.

Welche neuen Möglichkeiten eröffnen sich durch Führungskräfte-Coaching für Unternehmen in der heutigen Arbeitswelt?

Führungskräfte-Coaching eröffnet Unternehmen heute vor allem die Möglichkeit, auf rasant veränderte Anforderungen flexibel und individuell zu reagieren. Moderne Arbeitswelten sind geprägt von Unsicherheit, Komplexität und einer starken Zunahme an zwischenmenschlichen Herausforderungen – etwa Konflikte im Team, Change-Prozesse oder Digitalisierung. Coaching unterstützt Führungskräfte gezielt dabei, ihre Kommunikations- und Konfliktkompetenz zu stärken, die Bindung zu Mitarbeitenden auszubauen und eine Kultur der Offenheit zu etablieren.

Gerade konfliktorientiertes Coaching bietet die Chance, schwierige Situationen nicht nur zu „überstehen“, sondern produktiv zu wenden – im Sinne nachhaltiger Entwicklung. Erkenntnisse aus langjährigen Mitarbeiterbefragungen zeigen, dass es dabei nicht allein um Methodenwissen geht, sondern um die Fähigkeit, als Führungskraft eine sichere Basis zu bieten: Ruhe auszustrahlen, auch in unübersichtlichen Zeiten, Potenziale zu erkennen und zu fördern, individuelle Stärken wertzuschätzen und als verlässliche, ansprechbare Ankerperson zu agieren. Unternehmen, die Coaching strategisch einsetzen und thematisch fokussieren, investieren damit in die Qualität ihrer Führung und schaffen neue Räume für Innovation, Motivation und Zusammenarbeit.

Wo sehen Sie die größten Risiken oder Unsicherheiten bei der Implementierung von Führungskräfte-Coaching-Programmen?

Die größten Risiken liegen in fehlender Klarheit über Ziele, Rollen und Erwartungen. Wird Coaching als kurzfristiges „Allheilmittel“ verstanden oder rein individuell eingesetzt, bleibt der nachhaltige organisationale Effekt oft aus. Unsicherheiten entstehen zudem, wenn Führungskräfte Coaching als Kontrolle statt als Entwicklungshilfe wahrnehmen oder Konfliktvermeidung den Vorrang vor mutiger Bearbeitung erhält.

Ein weiteres Risiko besteht darin, den Organisationskontext auszublenden. Coaching wirkt nur dann, wenn es in die Unternehmenskultur eingebettet ist und Führungskräfte Rückendeckung für offene Lern- und Veränderungsprozesse erhalten. Fehlende Ansprechbarkeit der Unternehmensleitung oder mangelnde Verlässlichkeit in der Umsetzung können dazu führen, dass Coaching als Signalprojekt wahrgenommen wird. Gerade bei größeren Programmen sind daher auch Coaches gefragt, ihre Arbeit als Teil eines strategisch durchdachten Gesamtkonzepts zu verstehen.

Welche entscheidenden Kriterien sollten Unternehmen beachten, um den richtigen Coaching-Ansatz für ihre Führungskräfte auszuwählen?

Zentral ist die saubere Trennung zwischen Coaching-Ansatz und Programm-Ansatz. Ebenen, Funktionen und Zielgruppen müssen klar definiert, differenziert und aufeinander abgestimmt sein. Das Programm sollte die relevanten Unternehmensthemen treffen und konkrete Probleme adressieren.

Wichtig sind zudem methodische Vielfalt und die Erfahrung der eingebundenen Coaches – insbesondere im Konfliktcoaching sowie in der Entwicklung von Beziehungs- und Kommunikationskompetenz. Bevorzugt sind Ansätze, die Führungskräfte dabei unterstützen, eine „sichere Basis“ für Mitarbeitende zu schaffen: Orientierung geben, individuell fördern und in schwierigen Situationen ansprechbar bleiben. Führungskräfte werden gezielt gecoacht, die Wirkung soll jedoch vor allem bei den Mitarbeitenden spürbar werden – inklusive Feedback im Arbeitsalltag. Kurz: Der Coaching-Ansatz muss mit den strategischen Unternehmenszielen im Einklang stehen und Entwicklung auch auf Team- und Organisationsebene fördern.

Gibt es spezifische Erfahrungswerte, die besonders relevant sind, wenn es um die Wirksamkeit von Führungskräfte-Coaching geht?

Die Praxis zeigt: Wirksam wird Coaching dort, wo Offenheit, Vertrauen und Selbstreflexion gefördert werden. Entscheidend ist, Coaching nicht als Einmalmaßnahme zu verstehen, sondern als kontinuierlichen Entwicklungsprozess. Führungskräfte, die bereit sind, ihre Wirkung regelmäßig zu hinterfragen und sich fordern und fördern zu lassen, wachsen nachhaltiger in ihrer Rolle.

Relevant ist zudem, wie konsequent zentrale Aspekte gelingender Führung im Alltag gelebt werden – etwa Ruhe und Ansprechbarkeit, aktives Zuhören und das Erkennen individueller Potenziale. Die Einbindung realer, herausfordernder Situationen erhöht Praxistransfer, Akzeptanz und Nachhaltigkeit. Ergänzend hat sich die kollegiale Fallberatung bewährt, sinnvoll integriert in Coachingprogramme.

Wie kann die Nachhaltigkeit von Führungskräfte-Coaching sichergestellt werden?

Nachhaltigkeit entsteht, wenn Ergebnisse systematisch in den organisationalen Alltag eingebettet werden. Dazu gehört der gezielte Austausch unter Führungskräften, etwa in kollegialen Beratungsrunden, Peer-Coaching-Gruppen oder moderierten Reflexionsformaten. So werden Erfahrungen geteilt und aktuelle Herausforderungen gemeinsam bearbeitet.

Ergänzend ist der strukturierte Austausch mit Mitarbeitenden wirksam, beispielsweise über wechselseitige Feedback-Gruppen. Besonders effektiv sind „Über-Kreuz“-Formate mit Führungskräften aus anderen Bereichen. Durch diese horizontalen und vertikalen Feedbackschleifen sowie die kontinuierliche Begleitung durch interne oder externe Coaches lassen sich die im Coaching erarbeiteten Kompetenzen langfristig sichern.

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Prof. Dr. Sascha Weigel

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