Wie hat sich der Fachkräftemangel im Handwerk in den letzten Jahren entwickelt und welche besonderen Herausforderungen sehen Sie derzeit?
Der Fachkräftemangel hat sich im Handwerk in den vergangenen Jahren weiter verschärft und ist längst kein kurzfristiges Phänomen mehr, sondern ein strukturelles Problem. Trotz konjunktureller Schwäche bleibt die Zahl der offenen Stellen hoch. Besonders prägend sind die „drei großen D“: Demografie, Digitalisierung und Dekarbonisierung, die den Arbeitskräftebedarf weiter erhöhen. Gleichzeitig befindet sich das Handwerk in einem tiefgreifenden Transformationsprozess – vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung und einer Bildungspolitik früherer Jahre, die die akademische Ausbildung stark bevorzugt und die berufliche Bildung geschwächt hat.
Welche Hindernisse erschweren es Handwerksbetrieben, Fachkräfte zu gewinnen und zu halten?
Ein zentrales Problem sind teils hartnäckige Fehlwahrnehmungen. Handwerksberufe gelten noch immer zu Unrecht als weniger attraktiv als akademische Laufbahnen. Über Jahrzehnte wurden junge Menschen vor allem an die Hochschulen gelenkt. Hinzu kommen falsche Annahmen über geringe Verdienstmöglichkeiten – dabei zeigen aktuelle Vergütungsstudien, dass das Handwerk bereits in der Ausbildung konkurrenzfähige Einkommen bietet und mit steigender Qualifikation, etwa im Meisterstatus, Einkommen auf Augenhöhe mit akademischen Berufen erreicht. Zusätzlich belasten überholte Klischees das Image. Kleinere Betriebe stehen zudem im Wettbewerb mit großen Unternehmen.
Wie reagieren erfolgreiche Betriebe auf den Fachkräftemangel?
Viele erfolgreiche Betriebe setzen nicht mehr allein auf externe Rekrutierung, sondern gezielt auf Personalentwicklung. Durch die Qualifizierung der eigenen Beschäftigten, den Aufbau von Nachwuchs im Betrieb und eine strukturierte Wissensweitergabe gelingt es, Fachkräfte langfristig zu binden. Ergänzt wird dies durch gute Führung, flexible Arbeitsmodelle und transparente Vergütungssysteme.
Die Handwerkskammer Karlsruhe unterstützt Betriebe dabei mit praxisnaher Beratung zu Personalentwicklung, Aus- und Weiterbildung sowie zur Fachkräftesicherung. Darüber hinaus begleitet sie Betriebe und Fachkräfte bei der Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse und Qualifikationen, um vorhandene Fachkräftepotenziale besser zu nutzen.
Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit mit Bildungseinrichtungen?
Die Zusammenarbeit mit Schulen und Bildungseinrichtungen wurde deutlich intensiviert. Berufsmessen, Workshops und Informationsveranstaltungen sollen frühzeitig für handwerkliche Berufe begeistern. Gleichzeitig werden Betriebe regelmäßig über neue Entwicklungen informiert, etwa zu Recruitingmethoden oder Fördermöglichkeiten.
Erwarten Sie eine weitere Verschärfung des Fachkräftemangels oder sehen Sie Chancen auf Entspannung?
Kurz- bis mittelfristig wird sich der Fachkräftemangel voraussichtlich weiter zuspitzen, insbesondere durch den Ruhestand der Babyboomer. Entlastungspotenziale liegen unter anderem in der Qualifizierung der Beschäftigten, der Automatisierung von Prozessen und der verbesserten Integration Zugewanderter. Positiv ist, dass die Ausbildungszahlen im Handwerk zuletzt leicht gestiegen sind – im Bezirk der Handwerkskammer Karlsruhe um rund sieben Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das zeigt eine wachsende Attraktivität des Handwerks und gibt Anlass zu vorsichtigem Optimismus.